Geschlechtsangleichende Operationen "Endlich kann ich so sein, wie ich bin"

Ein weiteres Spezialgebiet der florierenden Sparte am Klinikum Erding ist der mikrochirurgische Brustwiederaufbau nach Brustkrebs.

(Foto: Klinikum Erding)

Das Klinikum Erding gilt als Zentrum für geschlechtsangleichende OPs - und Chefarzt Cvetan Taskov als bundesweit anerkannter Experte.

Von Regina Bluhme, Erding

Seit neun Jahren leitet Cvetan Taskov die Plastische und Ästhetische Chirurgie am Klinikum Landkreis Erding, und das sehr erfolgreich. Neben Fettabsaugungen, Nasen-, Brust- oder Narbenkorrekturen hat sich der Erdinger Chefarzt in einem weiteren Spezialfach einen überregional guten Ruf erarbeitet: Er gilt als einer der anerkanntesten Experten für geschlechtsangleichende Operationen. Aus ganz Deutschland kommen die Patienten zu ihm. Die SZ hätte gerne mit ihm gesprochen, doch der Landkreis Erding als Träger des Krankenhauses verweigert ein Interview mit ihm. Dafür reden andere.

Ricarda Jasmin Schlia ist eine seiner Patientinnen. Sie sagt, es gebe drei Tage in ihrem Leben, die sie niemals vergessen werde: den Tag ihrer Hochzeit, damals noch als Dirk; den 5. Juni 2017, als sie sich als Frau geoutet hat, und schließlich den 17. Dezember 2018, als im Klinikum Erding die geschlechtsangleichende Operation durchgeführt wurde. Es ist ein komplizierter Eingriff, den die 54-Jährige auf sich genommen hat, um endlich "das äußere Geschlecht meinem inneren Geschlecht anzugleichen", wie sie sagt.

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Nach der Geburt ist künftig auch die Angabe "divers" möglich. Bei späteren Änderungen ist jedoch ein ärztliches Attest nötig. Das stößt auf scharfe Kritik.

Viereinhalb Stunden wurde sie im Klinikum Erding operiert. Dabei wurden - verknappt erklärt - Hoden und Schwellkörper entfernt; es wurde die Höhle der Vagina gebildet und diese mit der eingestülpten Penisschafthaut ausgekleidet. Mit einem Teil der Vorhaut wurden die inneren Schamlippen geformt. Als sie aufwachte, war Ricarda Schlia nach eigenen Worten erst mal froh, dass sie die OP soweit gut überstanden hatte. "Irgendwann habe ich dann nach unten gesehen, und was ich dort nicht gesehen habe, hat mich froh gemacht." Nach zehn Tagen wurde der Katheter gezogen, und als sie sich dann unter der Dusche zum ersten Mal richtig betrachten konnte, da habe sie "Rotz und Wasser geheult vor Freude". Drei Wochen musste sie insgesamt im Klinikum Erding verbringen.

Aus Berlin kommt eine weitere Patientin von Cvetan Taskov: Für Katia Louis stand Ende 2016 fest, "dass ich die GA OP von Mann zu Frau will/brauche", schreibt sie der SZ. Sie habe sich im Internet und bei den Berliner Beratungsstellen umgesehen. "Dabei stellte sich heraus, dass die besten Operateure rund um München arbeiten", schreibt sie weiter. Taskov habe sie "mit seiner offenen, direkten und ehrlichen Art sofort überzeugt". Er habe sie gleich auf eine lange Liegedauer vorbereitet. "Ich habe mich sicher gefühlt und einen OP Termin vereinbart." Im November 2017 war die große OP, im November 2018 erfolgte die Nach-OP und im Februar kam sie noch einmal zum Brustaufbau nach Erding. Sie sei "wahnsinnig glücklich" mit dem Ergebnis: "Die Neovagina sieht gut aus und fühlt sich gut an, ich bin orgasmusfähig und habe keine Probleme mit dem Wasserlassen".

Bundesweit ein wichtiges Zentrum

Ricarda Schlia, die ehrenamtlich beim Verein DGTI tätig, der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität arbeitet, ist über verschiedene Foren auf den Namen Taskov gestoßen. Zunächst habe sie in Essen mit zwei Ärzten gesprochen, dann besuchte sie Taskov in Erding. "Direkt nach dem Vorgespräch habe ich gesagt, ,Lassen Sie uns einen OP-Termin ausmachen'". Sofort sei sie überzeugt gewesen, "in guten Händen" zu sein. Sie habe sich nicht nur als Patientin, sondern "als Mensch wahrgenommen und behandelt" gefühlt, sagt die 54-Jährige. Mit dem Ergebnis sei sie absolut zufrieden, auch in der Klinik habe sie sich immer wohlgefühlt. "Wenn ich nochmals vor der Entscheidung stünde, ich würde wieder zu Dr. Taskov gehen."

In einem Video auf der Homepage des Klinikums Erding informiert Cvetan Taskov über seine Arbeit: Neben klassischen Schönheitseingriffen und der wiederherstellenden Chirurgie zum Beispiel nach Krebserkrankungen oder Verbrennungen sei die geschlechtsangleichende Operation "ein dritter wichtiger Bereich", für die sich Erding "bundesweit zu einem der wichtigsten Zentren" entwickelt habe. Das Haus biete geschlechtsangleichende Operationen (GA) sowohl Frau zu Mann als auch Mann zu Frau, außerdem weitere OPs wie Brustentfernung oder Brustaufbau sowie Stirn- oder Kinnangleichungen für die Feminisierung des Gesichts.

Die SZ wollte mit Cvetan Taskov über seine erfolgreiche Arbeit im Bereich Transgender sprechen. Nachdem der Landkreis Erding ein persönliches Interview untersagt hatte, bemühte sich die SZ Erding wenigstens um ein paar schriftliche Antworten. Trotz mehrfachen Nachhakens blieb der vor Monaten verschickte Fragenkatalog jedoch unbeantwortet.

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Cvetan Taskov hat nach Abschluss seines Medizinstudiums eine sechsjährige Weiterbildung zum Facharzt für Plastische Chirurgie am Klinikum Rechts der Isar absolviert und dann mehrere Jahre als Oberarzt für Plastische Chirurgie in der Amperklinik Dachau gearbeitet. Taskov selbst, Jahrgang 1975, postet fast täglich auf seiner Facebookseite: seine internationalen Fortbildungen, seine bundesweiten Vorträge bei Transgender-Gruppen sowie Fotos von Geschenken und Dankesschreiben seiner Patienten und Patientinnen.

"Sie können das nicht therapieren"

Das Gefühl, dass man als Mann oder Frau im falschen Körper steckt, das sei angeboren, betont Sebastian Menzel. Er ist bei der Münchner Beratungs- und Vernetzungsstelle Rosa Alter für Inter- und Transpersonen zuständig. "Sie können das nicht weg therapieren, es gibt keine Pillen, die dieses Gefühl verschwinden lassen." Daher handle es sich auch nicht um eine Geschlechtsumwandlung, sondern um eine Angleichung.

Andrea Nicole Großmann hat im Februar vergangenen Jahres die geschlechtsangleichende Operation von Mann zu Frau in Erding vornehmen lassen. Sie habe den Erdinger Chirurgen wegen der guten Kritiken in den Foren gewählt. "Aber auch, weil er mir nach einem Vorgespräch kompetent und auch sehr sympathisch war." Eine Rolle habe bei der Entscheidung auch gespielt, dass sie 1970 in Erding geboren wurde und in der Nähe, in Grafing, wohnt. Die geschlechtsangleichende Operation von Mann zu Frau wurde bei ihr Mitte Februar 2018 in Erding durchgeführt und sei ohne Komplikationen verlaufen, ebenso die Korrektur-OP im Juni 2018. "Nach beiden Terminen war ich praktisch schmerzfrei und fühlte mich vom gesamten Team sehr gut und kompetent versorgt", so Andrea Großmann. Sie sei mit dem Ergebnis "hochzufrieden, sowohl optisch wie auch im Gefühlsbereich".

"Endlich kann ich so sein, wie ich bin"

Die Männer und Frauen, die Hilfe bei Cvetan Taskov suchen, haben einen schweren Weg hinter sich. Sie habe sich nicht mit dem angeborenen Geschlecht identifizieren können und "zunehmend eine Art Selbsthass entwickelt, welcher mich in tiefe Depressionen fallen ließ", so beschreibt es Andrea Großmann. Besonders nach der OP sei sie erstmals in der Lage, ihren "Körper anzunehmen und auch zu fühlen". Doch noch liegen einige Steine vor ihr. Wegen ihrer Geschlechtsangleichung habe sie den Arbeitsplatz verloren. Es sei sehr schwer, in ihrem erlernten Beruf als Glas- und Gebäudereinigerin eine Anstellung zu finden.

Auch Ricarda Schlia musste viel aufgeben. Die Familie, Vater, Mutter, zwei Kinder, ist zerbrochen. Und dennoch: "Ich war noch nie so glücklich", sagt sie. Das Geheimnis mit sich herum zutragen, sei eine Qual gewesen. Sie kenne viele, die daran zerbrechen. Durch die Operation in Erding habe sie "eine "große innere Befreiung" erlebt. "Endlich kann ich so sein, wie ich bin."

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