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Erste Transfrau im Landtag:Praxistest der Toleranz

Dragqueen? "Das ist eine Beleidigung", sagt Tessa Ganserer. Sie will künftig als Frau am Rednerpult des Landtags stehen.

(Foto: Alessandra SChellnegger)

Eine Transfrau im Landtag - das ist deutschlandweit einmalig. Viele Abgeordnete in Bayern reagieren positiv auf die Grüne Tessa Ganserer, aber es gibt auch Vorurteile.

Markus Ganserer ist gerade wieder für die Grünen in den Landtag gewählt worden, aber betreten wird er ihn nie wieder. Ihm ist nichts passiert, er hat die Politik nicht verlassen - Markus Ganserer ist einfach nicht mehr da. Auf seinem Platz im Parlament, Reihe vier, Stuhl 69, sitzt jetzt eine Frau: Tessa Ganserer. Lange, blonde Haare statt Männerglatze, Make-up statt Bartschatten, Seidenbluse statt Holzfällerhemd. Für diesen Text posiert sie am Rednerpult für ein Foto. Da kommt Martin Hagen ins Plenum, Fraktionschef der FDP. Er sieht eine Frau vor der Kamera, hört ihre tiefe Männerstimme und fragt: "Was macht ihr hier für ne Nummer? Dragqueen?"

Es ist das eine, der Welt zu offenbaren, dass im eigenen männlichen Körper auch eine Frau wohnt. Das tat Tessa Ganserer vor acht Wochen, damals noch als Markus und in Hemd und Sakko. Es ist wieder etwas anderes, als Transfrau Politik zu machen, ohne Sicherheitsnetz, ohne noch eine Krawatte im Schrank. Ganserer, 41, will keine Teilzeit-Frau mehr sein, nicht nur bei Freunden und daheim ihre wahre Identität leben, sondern immer. Sie wird als Politikerin vor Kameras auftreten, bei Pressekonferenzen, offiziellen Empfängen. Aber vor allem wird sie im Landtag am Rednerpult stehen: eine Frau mit Männerstimme und Männerschultern, nur ein paar Meter entfernt von der AfD.

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FDP-Mann Martin Hagen ist jung, hat ein offenes Weltbild. Einer, der in den Plenarsaal kommt, um einer Freundin zu zeigen, wo er bald sitzen muss - neben der AfD, richtig schlimm. Und der dann Tessa Ganserer sieht und dieses Wort sagt: "Dragqueen". Ganserer ist für eine Sekunde wie erstarrt. Dann fixiert sie Hagen und sagt: "Das ist eine Beleidigung. Ich verkleide mich nicht." Mit erhobenem Kopf kommt sie auf ihn zu, federt die Stufen vom Rednerpult herunter, als wäre sie in Absatzstiefeln geboren. Kurz vor Hagen bleibt sie stehen und lächelt: "Ich bin nicht nachtragend. Das kriegen wir schon hin." Übrigens gebe es mehr Intersexuelle als Rothaarige. "Ach was!", sagt Hagen.

Eine Transfrau im Landtag, das ist einmalig in Bayern, ja sogar in Deutschland. Wie einmalig, das kann Ganserer seit drei Wochen in den Gesichtern der Menschen lesen. Politiker sind da keine Ausnahme. Sie hat sich und ihren Landtagskollegen eine Schonfrist gegeben. Das politische Kalenderjahr schloss sie noch als Mann ab, das neue beginnt sie am Montag als Frau. Für sie ist es eine Befreiung, für die bayerische Politik so etwas wie ein Praxistest der Toleranz. Leben und leben lassen, das sagt sich leicht, nur: Wie sieht die Liberalitas Bavariae aus, wenn da wirklich mal jemand steht, der "anders" ist?

Ein Abend in Nürnberg, Eisenbahnempfang, in Fahrzeughalle II des Bahnmuseums stehen eine alte Lok, ein Bratwurstbüffet und viele Politiker, die Markus Ganserer kennen. Jetzt stehen sie Tessa gegenüber. Innenminister Joachim Herrmann sieht die hohen Schuhe, den Lippenstift. Er sagt: "Herr Ganserer". Kurze Stille in der Gruppe. "Frau Ganserer", sagt Frau Ganserer und Herrmann friert das Lächeln im Gesicht ein. "Entschuldigen Sie, ich wusste nicht", sagt er und dann immer wieder: "Das ist okay. Das ist okay." Ob er damit sich selbst oder Ganserer beruhigen will, ist nicht ganz klar. Ziemlich deutlich ist dagegen, dass er sich am liebsten in Luft auflösen würde.

Ganserer lächelt dann meist freundlich und hält ihre immer gleiche Rede mit dem Titel: "Transsexualität. Eine Einführung." Sie spricht sehr geduldig, aber mit großem Nachdruck. Manche ignorieren, dass da jetzt eine Frau steht und plaudern einfach wie immer. Das findet sie gut. Andere wählen die Frage "Wann wollen Sie sich operieren lassen?", als Einstieg für einen Small Talk. Nicht so gut. Ganserer weist höflich darauf hin, dass so eine Frage sehr intim ist. Sie ist nicht schnell beleidigt.

Vor acht Wochen sagte sie noch, sie sei beides: Tessa und Markus. Jetzt ist Markus nicht mehr da. Wo ist er hin? Tessa Ganserer streichelt langsam über den großen ovalen Ring an ihrer rechten Hand. "Ich war zu 100 Prozent sicher, dass ich eine Frau bin", sagt sie. Aber sie wollte 110 Prozent sicher sein. Sie wusste ja nicht, was ihr Outing mit ihr machen würde. Vor allem aber wusste sie nicht, was es mit der Welt machen würde. Um 19 Uhr erschien der erste Artikel über sie online. Um 19.05 Uhr hatte sie die erste SMS: "Bin total überwältigt und wünsche viel Kraft", so oder so ähnlich stand es da und so ging es weiter. Sie bekam E-Mails, Briefe, Telefonanrufe von Wildfremden aus ganz Europa. Es waren Menschen, denen es genauso geht wie ihr. Mit einigen hat sie bis jetzt Kontakt. Natürlich gab es auch Kommentare auf Facebook, "einfach nur pervers" oder "krank" stand da. Bedrohungen oder wüste Beleidigungen waren nicht dabei. Ganserer hat die Kommentare bewusst nicht gelesen, ihre Mitarbeiter haben sie sofort gelöscht. Im Landtag gratulierten ihr Abgeordnete aller Fraktionen außer der AfD zu ihrem Mut. Die Welt hat Tessa Ganserer mit Freude willkommen geheißen. So fühlte sich das an. Umso widersinniger kam es ihr vor, sich in die Rolle des Mannes zu zwängen. Markus wurde ihr immer fremder.

Am 23. November saß sie beim Psychiater. Drei Monate hatte sie auf einen Termin gewartet. Sie las die Diagnose des Arztes, eine nüchterne Kombination aus Zahlen und Buchstaben, die für sie das reinste Glück bedeutet: ICD-10 und F64.0 - Transsexualität und Leiden unter der falschen Geschlechterrolle. Jetzt hat sie es amtlich, schwarz auf weiß, mit Stempel sozusagen. Es waren die letzten zehn Prozentpunkte, die ihr noch fehlten, um 110 Prozent sicher zu sein, 110 Prozent Frau: "Das war für mich meine eigentliche Geburtsurkunde."