NS-Geschichte:Täter, Opfer, Widerstand

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NS-Geschichte: Der Untere Marktplatz in Dorfen ist voller Menschen, die den rechten Arm zum Hitlergruß hochgerissen haben. Die undatierte Aufnahme zeigt eine Versammlung der Deutschen Arbeitsfront.

Der Untere Marktplatz in Dorfen ist voller Menschen, die den rechten Arm zum Hitlergruß hochgerissen haben. Die undatierte Aufnahme zeigt eine Versammlung der Deutschen Arbeitsfront.

(Foto: Historischer Kreis Dorfen)

Die Geschichtswerkstatt Dorfen veranstaltet einen großen Vortragsabend über die Stadt und ihre Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus und präsentiert eine Reihe bislang noch nicht veröffentlichter Rechercheergebnisse.

Von Florian Tempel, Dorfen

Man kann versuchen, die Arbeit der Geschichtswerkstatt Dorfen klein zu reden. So wie Bürgermeister Heinz Grundner (CSU) es einmal getan hat, als er sagte, die Geschichtswerkstatt, die schwerpunktmäßig zum Nationalsozialismus auf lokaler Ebene forscht, beschäftige sich mit weniger als einem Prozent der Dorfener Geschichte. Die zwölf Jahre NS-Zeit sind, quantitativ betrachtet, wirklich nicht einmal ein Hundertstel der 1249 Jahre, die seit der ersten urkundlich belegten Erwähnung der Stadt vergangen sind. Grundners Rechnung mag zwar mathematisch richtig sein, aber sonst ist nichts an ihr dran.

Wie wichtig, wie interessant und wie lehrreich die lokalhistorische Arbeit der Geschichtswerkstatt ist, davon kann sich jeder in der kommenden Woche bei einem großen Vortragsabend im Kulturzentrum Jakobmayer überzeugen. Unter dem Titel "Dorfen zwischen 1933 und 1945 - Täter, Opfer, Widerstand" präsentiert die Geschichtswerkstatt in mehreren Vorträgen eine Reihe bislang noch nicht veröffentlichter Rechercheergebnisse.

Wie der NS-Bürgermeister wiedergewählt und ein Agent Hitlers bayerischer Senator wurde

Los gehen wird es mit einem Referat über die Anfänge der NSDAP in Dorfen. In einer zeitgenössischen Zusammenfassung, die Schorsch Wiesmaier bei einem Pressegespräch vorab präsentierte, steht zu lesen, dass die Dorfener Nazis, "durch Versammlungen der Ortsgruppen Schwindegg und Erding der NSDAP wachgerüttelt", am 18. Februar 1931 zusammenkamen, um sich ebenfalls zu organisieren. Gut zwei Jahre später schlossen sich dann auch alle gewählten Gemeinderäte, die noch nicht in der NSDAP waren, der Partei an - bis auf einen einzigen. Als Bürgermeister firmierte von 1933 bis 1945 Georg Erhard, zuvor Mitglied der Bayerischen Volkspartei.

Erhard wurde nach der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus 27 Monate in Moosburg interniert und war von 1952 bis zu seinem Tod 1955 noch einmal Bürgermeister in Dorfen. Zu Erhard existiert die fatale Biografie "Der vergessene Bürgermeister", in der die NS-Zeit ausgeklammert und Erhard als rundweg positiver Mensch dargestellt wird. Die Geschichtswerkstatt hat Dokumente gefunden, die belegen, wie er persönlich dafür gesorgt hat, dass Dorfener Bürger ins damalige KZ Dachau kamen.

Hans Elas wird über die außergewöhnlich Vita von Ludwig Weißauer berichten, der einen familiären Bezug nach Dorfen hat. Weißauer war überzeugter Nazi und als Agent in geheimer Mission für Adolf Hitler unterwegs. Nach 1945 gelang es ihm, völlig unbeschadet ein komplett neues Leben zu beginnen. Er arbeitete für die Bühnengewerkschaft und wurde sogar Mitglied des bayerischen Senats.

Erstmals wird öffentlich über Opfer der NS-Euthanasie aus Dorfen berichtet

Heidi Oberhofer-Franz und Doris Minet werden über ein besonders abscheuliches Thema referieren, die NS-Euthanasie. Erstmals wird dabei über das Leben und die Ermordung einer Dorfenerin und eines Dorfeners öffentlich berichtet. Die geistig behinderte Berta Sewald wurde im Alter von 33 Jahren in einer Tötungsanstalt bei Linz umgebracht. Franz Schweiger aus Rutzmoos war Viehhändler, Teilnehmer am Ersten Weltkrieg und Vater von sieben Kindern, bevor er psychisch erkrankte und im Alter von 52 Jahren von den Nazis ermordet wurde. Er war Anfang 1940 in der ersten Gruppe von Männern und Frauen überhaupt, die von Haar aus in eine Tötungsanstalt abtransportiert wurden. Nachfahren von Berta Sewald und Franz Schweiger werden beim Geschichtsabend berichten, was man in ihren Familien zum Schicksal der beiden wusste oder zu wissen glaubte.

Im letzten Teil der Vorträge wird es um lokalen Widerstand gegen das NS-Regime gehen. Hierzu gibt es zum Beispiel Rechercheergebnisse zu Andreas Ostermeier, den früheren KPD-Vorsitzenden in Dorfen, sowie zu mehreren Geistlichen, die den Nazis nicht klein bei gaben. Abschließend wird erstmals öffentlich zweier Dorfener gedacht, die als politische Häftlinge im KZ Flossenbürg ermordet worden sind: Anton Limmer aus Wampeltsham und Anton Wirthl aus Norlaching.

Dorfen zwischen 1933 und 1945 - Täter, Opfer, Widerstand, Donnerstag, 6. Oktober, 19.30 Uhr, Jakobmayer, Unterer Marktplatz 34, Eintritt frei.

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