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Flüchtlinge:"Lindum hat ganz klar ein Transportproblem"

Hanan Khatib und Zakaria Saad mit ihren Kindern.

(Foto: Renate Schmidt)

Die elf Bewohner weigerten sich zunächst, die Taufkirchener Unterkunft zu verlassen. Dann seien etwa acht Polizisten angerückt und hätten sie vor die Wahl gestellt: Entweder sofort packen oder ohne Gepäck mitkommen. So erzählt es Saad. Also packten sie. Ein LKW brachte die Familien und ihr Gepäck nach Lindum.

Im Schaukasten vor dem ehemaligen Gasthof, wo einst die Speisekarte zu lesen war, hängen jetzt eine Skizze zu den nächstgelegenen Haltestellen und ein Busplan, der ist überschaubar. Eine Syrerin begrüßt Khatib überschwänglich mit Küssen, links, rechts, links, rechts. Sie hatten gemeinsam in Taufkirchen gewohnt. Seit dem Umzug hat Khatib sie nicht mehr gesehen, weil sie vorübergehend zu ihrer Schwester nach Isen gezogen ist.

Saad wohnt derzeit bei Freunden in Taufkirchen, um weiterhin den Sprachkurs zu besuchen. Von Lindum müsste er die 40 Gehminuten zum Dorfener Bahnhof laufen, um nach München zu fahren - und nachts wieder zurück - auf der Straße. Wenn er die Schule wechseln würde, verliere er 100 der 600 Unterrichtsstunden, die das Amt ihm bezahle, sagt Saad. Ein anderer Syrer, der nach Lindum verlegt wurde, hatte eine Fußballmannschaft in Taufkirchen trainiert. "Wie soll ich dreimal in der Woche dort hinkommen und wieder zurück?", fragt er.

"Lindum hat ganz klar ein Transportproblem", sagt Adalbert Wirtz, Vorstand der Flüchtlingshilfe Dorfen. Das Gebäude selbst, mit Spielplatz und Natur direkt vor der Haustür, sei ein Paradies - nur eben zu weit draußen. "Was wir brauchen, ist eine Buslinie, die permanent fährt", sagt Wirtz. Bisher wollte die Stadt Dorfen keine finanzieren und verwies auf den Landkreis. Der sei jetzt gefragt, sagt Wirtz.

Saad sitzt nun in Zimmer 15, das seiner Familie zugeteilt wurde: etwa 20 Quadratmeter, zwei Doppelstockbetten, Metallspinde. Eine Wiege steht mitten im Raum, ein Körbchen mit Zwiebeln und überall mit Kleidern vollgestopfte Müllsäcke. Die Matratzen liegen gestapelt, geschlafen haben Saad und seine Familie hier noch nie. Es ist kalt, die Heizung ist kaputt. Sollten sie hier bleiben, würden sie einen Heizstrahler bekommen, doch Saad und Khatib wollen nicht bleiben. In Taufkirchen sind sie bereits abgemeldet, das merkte Saad, als er im Rathaus das Kindergeld beantragen wollte. "Ins Dorfener Rathaus gehe ich nicht", sagt er, "weil ich damit akzeptieren würde, hier zu wohnen."

Er möchte nicht unter Flüchtlingen bleiben, er möchte Deutsche kennenlernen. Während Khatib auf einem Klappstuhl die kleine Tochter stillt, holt Saad eine Mieterauskunft aus einer blauen Mappe, in der er alle wichtigen Unterlagen sammelt. "Hier muss man immer angeben, wie viel man verdient." Rund 200 Vermieter habe er angeschrieben, 30 Wohnungen besichtigt - und nur Absagen bekommen. "Entweder weil ich keine Arbeit habe oder weil meine Familie zu groß für drei Zimmer ist, sagen sie."

Die Flüchtlingshilfe Dorfen will Saad bei der Wohnungssuche unterstützen, gerade habe man ein Haus für eine andere Familie gefunden, sagt Wirtz. Er gesteht aber auch: "Das war ein Glücksfall." Saad wird weiter suchen. Damit er zur Sprachschule gehen kann und bald Niveau B1 erreicht, das man für viele Jobs braucht. "Was ist gut für Deutschland?", fragt er. "Wenn Flüchtlinge lernen, arbeiten und Steuern zahlen oder wenn sie zu Hause herumsitzen und Geld annehmen?"

© SZ vom 11.02.2017/infu
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