Süddeutsche Zeitung

Flüchtlinge:Wer abgeschieden wohnt, kann sich nicht integrieren

Die Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Gasthof Stiller bei Dorfen liegt idyllisch - und ist dadurch kaum zu erreichen. Eine Familie ist so verzweifelt, dass sie sich weigert einzuziehen.

Von Veronika Wulf, Dorfen

Hanan Khatib schiebt den Kinderwagen auf der Staatsstraße, nah am Seitenstreifen entlang, ihr Mann Zakaria Saad schnauft hinterher, die schlafende Tochter im Arm. Autos versuchen zu überholen, warten bis kein Gegenverkehr mehr kommt. Wer zur Flüchtlingsunterkunft in Lindum läuft, hält den Verkehr auf und muss aufpassen, nicht überfahren zu werden. Einen Fußweg gibt es nicht. Saad hasst es, dass er mit seiner Familie auf der Straße gehen muss, aber es ist der einzige Weg von der Bushaltestelle Lappach bei Dorfen zum umgebauten Landgasthaus Stiller.

Elf Personen wurden vor zwei Wochen dorthin verlegt, weil es in ihrer Unterkunft in der Tulpenstraße in Taufkirchen einen Wasserschaden gegeben hatte. Sie fanden schnell heraus, dass kaum Busse nach Lindum fahren, gingen zum Sozialamt und bettelten um eine andere Lösung - erfolglos. Saad sieht keinen Ausweg: Auf eigene Faust eine andere Wohnung zu finden, ist als Flüchtling fast unmöglich. In Lindum jedoch sind sie weitgehend abgeschnitten von der Gesellschaft, der sie sich doch eigentlich annähern möchten.

Saad, 28, hat ehrenamtlich gearbeitet, ging regelmäßig zum Sprachkurs, war dabei, ein Gewerbe anzumelden. Die zweijährige Tochter besuchte eine Kinderkrippe, neun Monate hatten sie auf den Platz gewartet. Saad war zuversichtlich, dass er das schafft, was alle eine gelungene Integration nennen. Doch vieles davon kann er von Lindum aus nicht mehr machen. Nicht nur er und seine Familie leiden unter der schlechten Verkehrsanbindung. 48 Flüchtlinge leben in Lindum. Die meisten bleiben tagsüber in der Unterkunft - weil nur einmal am Tag ein Bus nach Dorfen fährt und einer nach Erding.

Bevor Saad erzählt, warum die Abgeschiedenheit ein Problem ist, möchte er unbedingt etwas loswerden: Deutschland habe ihm und seiner Familie immer geholfen, er sei sehr dankbar. "Es fehlt nur so ein kleines Stück", sagt er, lächelt verlegen und zeigt zwei Zentimeter mit Zeigefinger und Daumen. Dieses kleine Stück könnte ein Bus sein, der regelmäßig nach Lindum fährt, oder eine andere Unterkunft. Dann seien sie unabhängig.

Seit fast eineinhalb Jahren lebt Saad mit seiner Frau Khatib, 21, und den Töchtern in Deutschland, die meiste Zeit in Taufkirchen, wo vor zwei Monaten die zweite Tochter geboren wurde. In Syrien arbeitete er als Verkaufsleiter einer großen Firma, hatte zwei Wohnungen. Ob sie noch stehen, weiß er nicht. Im Sommer 2015 floh die Familie über die Balkanroute, nach fünf Jahren Krieg.

Er hatte von Anfang an ein Ziel vor Augen: Deutsch lernen und möglichst schnell Arbeit finden. Kurz nach seiner Ankunft begann er, ehrenamtlich im Warteraum am Fliegerhorst zu arbeiten, später war er dort mehrere Monate als Security angestellt. Weil die Sprachkurse an der Volkshochschule in Erding tagsüber stattfinden, suchte er sich eine Abendschule in München. Um 21.15 Uhr endet der Unterricht, sodass Saad in Erding gerade noch den letzten Bus um kurz vor 23 Uhr nach Taufkirchen erwischt.

An einem Freitag vor zwei Wochen saß Saad gerade im Finanzamt, um für seine Frau ein Gewerbe anzumelden, die orientalische Kleider verkaufen möchte. Das Sozialamt war am Telefon. Die Betreuerin der Taufkirchener Unterkunft sagte, die Familie müsse sofort ihre Wohnung räumen, ein Notfall.

Es handle sich um einen "witterungsbedingten" Wasserschaden und einen aus "mechanischen Gründen", schreibt das Landratsamt auf Nachfrage. Alle Bewohner müssten nach Lindum umziehen, "um eine Obdachlosigkeit zu vermeiden". Wie lange die Reparatur dauere und ob die Flüchtlinge danach wieder einziehen dürfen, könne man nicht sagen. Auf die Frage, ob alle anderen Unterkünfte voll seien, antwortet das Landratsamt lediglich, man habe "freie Kapazitäten" genutzt. In Lindum gibt es 110 Wohnplätze, die Miete zahlt die Regierung von Oberbayern unabhängig von der Belegung. Als anerkannte Flüchtlinge hätten sie ohnehin keinen Anspruch auf eine Unterkunft, sagt das Landratsamt. Sie müssten selbst eine Wohnung suchen.

"Lindum hat ganz klar ein Transportproblem"

Die elf Bewohner weigerten sich zunächst, die Taufkirchener Unterkunft zu verlassen. Dann seien etwa acht Polizisten angerückt und hätten sie vor die Wahl gestellt: Entweder sofort packen oder ohne Gepäck mitkommen. So erzählt es Saad. Also packten sie. Ein LKW brachte die Familien und ihr Gepäck nach Lindum.

Im Schaukasten vor dem ehemaligen Gasthof, wo einst die Speisekarte zu lesen war, hängen jetzt eine Skizze zu den nächstgelegenen Haltestellen und ein Busplan, der ist überschaubar. Eine Syrerin begrüßt Khatib überschwänglich mit Küssen, links, rechts, links, rechts. Sie hatten gemeinsam in Taufkirchen gewohnt. Seit dem Umzug hat Khatib sie nicht mehr gesehen, weil sie vorübergehend zu ihrer Schwester nach Isen gezogen ist.

Saad wohnt derzeit bei Freunden in Taufkirchen, um weiterhin den Sprachkurs zu besuchen. Von Lindum müsste er die 40 Gehminuten zum Dorfener Bahnhof laufen, um nach München zu fahren - und nachts wieder zurück - auf der Straße. Wenn er die Schule wechseln würde, verliere er 100 der 600 Unterrichtsstunden, die das Amt ihm bezahle, sagt Saad. Ein anderer Syrer, der nach Lindum verlegt wurde, hatte eine Fußballmannschaft in Taufkirchen trainiert. "Wie soll ich dreimal in der Woche dort hinkommen und wieder zurück?", fragt er.

"Lindum hat ganz klar ein Transportproblem", sagt Adalbert Wirtz, Vorstand der Flüchtlingshilfe Dorfen. Das Gebäude selbst, mit Spielplatz und Natur direkt vor der Haustür, sei ein Paradies - nur eben zu weit draußen. "Was wir brauchen, ist eine Buslinie, die permanent fährt", sagt Wirtz. Bisher wollte die Stadt Dorfen keine finanzieren und verwies auf den Landkreis. Der sei jetzt gefragt, sagt Wirtz.

Saad sitzt nun in Zimmer 15, das seiner Familie zugeteilt wurde: etwa 20 Quadratmeter, zwei Doppelstockbetten, Metallspinde. Eine Wiege steht mitten im Raum, ein Körbchen mit Zwiebeln und überall mit Kleidern vollgestopfte Müllsäcke. Die Matratzen liegen gestapelt, geschlafen haben Saad und seine Familie hier noch nie. Es ist kalt, die Heizung ist kaputt. Sollten sie hier bleiben, würden sie einen Heizstrahler bekommen, doch Saad und Khatib wollen nicht bleiben. In Taufkirchen sind sie bereits abgemeldet, das merkte Saad, als er im Rathaus das Kindergeld beantragen wollte. "Ins Dorfener Rathaus gehe ich nicht", sagt er, "weil ich damit akzeptieren würde, hier zu wohnen."

Er möchte nicht unter Flüchtlingen bleiben, er möchte Deutsche kennenlernen. Während Khatib auf einem Klappstuhl die kleine Tochter stillt, holt Saad eine Mieterauskunft aus einer blauen Mappe, in der er alle wichtigen Unterlagen sammelt. "Hier muss man immer angeben, wie viel man verdient." Rund 200 Vermieter habe er angeschrieben, 30 Wohnungen besichtigt - und nur Absagen bekommen. "Entweder weil ich keine Arbeit habe oder weil meine Familie zu groß für drei Zimmer ist, sagen sie."

Die Flüchtlingshilfe Dorfen will Saad bei der Wohnungssuche unterstützen, gerade habe man ein Haus für eine andere Familie gefunden, sagt Wirtz. Er gesteht aber auch: "Das war ein Glücksfall." Saad wird weiter suchen. Damit er zur Sprachschule gehen kann und bald Niveau B1 erreicht, das man für viele Jobs braucht. "Was ist gut für Deutschland?", fragt er. "Wenn Flüchtlinge lernen, arbeiten und Steuern zahlen oder wenn sie zu Hause herumsitzen und Geld annehmen?"

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SZ vom 11.02.2017/infu
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