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Energieversorgung:Breiter Widerstand gegen neue Gas-Heizwerke

Die Stadtwerke betreiben heute schon mehrere Anlagen, die nur bei Bedarf in Betrieb gehen. Eine davon ist das Heizwerk an der Kathi-Kobus-Straße im westlichen Schwabing.

(Foto: Robert Haas)
  • Die Stadtwerke München haben Pläne vorgestellt, bis zu sieben Gas-Kraftwerke in der Münchner Innenstadt zu errichten.
  • Diese sollen das Kohlekraftwerk im Münchner Norden ersetzen, das nach einem Bürgerentscheid voraussichtlich vom Netz gehen muss.
  • Opposition, Umweltverbände und Anwohner kritisieren das Vorhaben vehement.

Von Dominik Hutter

Die geplanten Heizwerke in der Münchner Innenstadt stoßen nicht nur bei Anwohnern und Bezirksausschüssen, sondern auch bei der Rathaus-Opposition auf Protest. Grünen-Umweltsprecherin Sabine Krieger hält die kürzlich im Stadtrat vorgestellte Idee für ein Konzept, das bewusst auf Scheitern angelegt ist - weil die Stadtwerke ihr Kohlekraftwerk im Münchner Norden möglichst weiterbetreiben wollen.

ÖDP-Stadtrat Tobias Ruff, der zu den maßgeblichen Initiatoren des Bürgerentscheids gegen den Kohleblock gehört, bezweifelt die Notwendigkeit einer solchen Heizwerk-Armada. Dazu werde es nie kommen, "wir haben genug Wärmeenergie in München". Es gehe den Stadtwerken allenfalls um die Absicherung der Spitzenbelastung. Dies sei auch auf anderem Weg möglich: durch ein kleineres Heizwerk auf dem Kraftwerks-Areal in Unterföhring etwa oder durch ein Vorhalten des Kohleblocks als "Kaltreserve". Dann würde die Anlage nur bei Engpässen hochgefahren.

Die Stadtwerke suchen derzeit in Absprache mit den Bezirksausschüssen nach Standorten für fünf bis sieben Gas-Heizwerke, die nach der per Bürgerentscheid durchgesetzten Abschaltung des Kohleblocks im Jahr 2022 dessen Wärmeleistung übernehmen sollen. Elf Standorte sind im Gespräch. Das kommunale Unternehmen hat sie vor allem nach zwei Kriterien ausgesucht: Wo ist gemäß der Geometrie des Münchner Fernwärmenetzes ein guter Punkt, um Wärme einzuspeisen? Die neuen Heizwerke sollten an einer der größeren Münchner Fernwärmeleitungen liegen - es ist wenig sinnvoll, sie an einer kleinen Verästelung des Netzes anzuschließen. Und: Wo ist ein Grundstück frei, das der Stadt oder den Stadtwerken gehört. Denn Verhandlungen mit privaten Grundstückseigentümern könnten die Pläne erheblich verzögern und vor allem auch verteuern.

Das Ergebnis hat zu Standortideen wie dem Nußbaumpark am Sendlinger Tor oder dem nördlichen Luitpoldpark geführt - zum Entsetzen zahlreicher Anwohner. Ohnehin müssen sich die Münchner auf zahlreiche Baustellen einstellen. Denn vor dem Bau eines neuen Heizwerks wollen die Stadtwerke den umliegenden Teil des Netzes vom alten Dampfsystem auf Heißwasser umstellen. Das ist wirtschaftlicher und zudem Voraussetzung für die spätere Umstellung auf umweltfreundliche Geothermie. Dazu müssen Rohre erneuert und Hausanschlüsse umgestellt werden.

Damit es preisgünstiger wird, wollen die Stadtwerke auf ein stadtweit einheitliches Heizwerks-Modell setzen. Geplant wird derzeit mit einem 32 Meter langen und 17 Meter breiten Bau, dazu kommen ein 25 Meter hoher Wasserspeicher sowie Kamine, die laut Technik-Geschäftsführer Helge-Uve Braun bis zu 60 Metern in die Höhe ragen. Anders als die Heizkraftwerke Nord und Süd erzeugen diese Anlagen Wärme, aber keinen Strom. Etwa 70 Megawatt Leistung ist für jeden Kessel geplant, das entspricht in etwa dem bestehenden Heizwerk an der Kathi-Kobus-Straße im westlichen Schwabing.

Die Stadtwerke betreiben schon heute mehrere dieser Anlagen, die nur bei Bedarf in Betrieb gehen. Dazu zählen neben der Kathi-Kobus-Straße etwa das Heizwerk Gaisbergstraße in Haidhausen, das mit 147 Megawatt allerdings deutlich mehr Power hat, oder das in der Koppstraße in Sendling mit 90 Megawatt. Der Kohleblock im Kraftwerk Nord hat eine Wärmeleistung von 550 Megawatt (zusammen mit den Müllblöcken sogar 900), das gasbetriebene Kraftwerk Süd kommt auf bis zu 814 Megawatt.

"Hier wird einem schlechten Konzept ein genauso schlechtes Konzept gegenübergestellt"

ÖDP-Mann Ruff empfiehlt den Stadtwerken, lieber den Ausbau der Geothermie zu beschleunigen. Selbst wenn bis 2022 nicht ausreichend Kapazitäten zur Verfügung stünden, könnte zumindest die Zahl provisorischer Heizwerke deutlich reduziert werden. Ohnehin liefen diese Anlagen nur wenige Wochen im Jahr, die Umweltbelastung halte sich also in Grenzen.

Auch Jens Mühlhaus, früherer Grünen-Stadtrat und jetzt Technischer Geschäftsführer des Ökokraftwerks-Betreibers Green City Energy, hält den Heizwerke-Plan der Stadtwerke für wenig überzeugend. "Hier wird einem schlechten Konzept ein genauso schlechtes Konzept gegenübergestellt", fossile Energie werde mit fossiler Energie kompensiert. Wenn schon, solle man lieber Heizkraftwerke planen, die neben Wärme auch Strom erzeugen. Dies verbessere die Energieausbeute. Besser als mittelgroße Anlagen seien aber kleine Blockheizkraftwerke für jeweils 200 bis 400 Wohnungen. Geschickter als die kostspieligen Provisorien, das findet auch Mühlhaus, sei aber wohl eine zeitlich begrenzte Vorhaltung des Kohleblocks für die wenigen Spitzenzeiten.

Die Rathaus-Grünen setzen derweil weiter auf eine große Lösung - den Ersatz des Kohleblocks durch ein Gaskraftwerk an gleicher Stelle. Ein Vorschlag, den Ruff völlig absurd findet. Dies bedeute, weitere 30 Jahre auf fossile Energie zu setzen. Denn ein neues Kraftwerk werde ja nicht nach wenigen Jahren wieder stillgelegt.

© SZ vom 06.03.2018/sim

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