Vaterstetten:Schüler in der Coronakrise: Verunsichert und benachteiligt

Lesezeit: 4 min

Vorbereitung für Abiturprüfung am Gymnasium Kirchseon, 2014

Ob das als Mindestabstand ausreicht? 2014 ist die Turnhalle des Gymnasiums in Kirchseeon für die bevorstehende Abiturprüfung hergerichtet.

(Foto: Christian Endt)

Eine Umfrage unter Vaterstettener Abiturienten gibt Einblick in ihre Gemütslage. Sie fühlen sich von der Situation schlecht auf ihre Prüfungen vorbereitet.

Von Anja Blum, Vaterstetten

Viel wird geschrieben und diskutiert derzeit über den Fortgang dieses von der Corona-Krise geprägten Schuljahres. Wann kann es weitergehen mit analogem Unterricht? Wie soll verfahren werden mit unbewältigtem Lernstoff? Mit fehlenden Noten? Mit ausstehenden Prüfungen, die ja in vielen Fällen sogar für einen Abschluss entscheidend sind? Was in den Debatten aber oft fehlt, ist die Sicht der Betroffenen, der Schülerinnen und Schüler. Einen tiefen Einblick in deren Gemütslage gibt nun eine Umfrage unter den Abiturienten am Vaterstettener Gymnasium. Und diese verheißt nichts Gutes: Der Jahrgang ist zutiefst verunsichert und fühlt sich benachteiligt - so lässt sich das Ergebnis zusammenfassen.

Das Humboldt-Gymnasium in Vaterstetten ist das größte im Landkreis Ebersberg. Die aktuelle Jahrgangsstufe Q 12 besteht aus 198 Schülerinnen und Schülern. 133 davon haben an der Umfrage teilgenommen. "Wie geht es den Abiturienten? Was wünschen sie sich? Wie meistern sie den momentanen Zustand? Welcher besonderen Belastung sind sie zu Hause in der Familie und im Hinblick auf eine unsichere und möglicherweise lebensbedrohliche Prüfungssituation ausgesetzt?" Dies waren die Fragen, um die es den Initiatoren ging. Bernhard Lermann und sein Sohn Leander Lermann, Schüler der Q12 des Humboldt-Gymnasiums, haben die Online-Umfrage am Freitag, 27. März, zusammen entwickelt und verschickt, bereits drei Tage später war die Resonanz so groß, dass sie beschlossen, dass das Ergebnis nun aussagekräftig genug sei. Vater Bernhard Lermann bezeichnet sich als PR-Mann, der Erfahrung habe mit solcherlei Tools. "Ich wollte mit der Aktion aber niemanden angreifen, sondern einfach mal ein Stimmungsbild einfangen und öffentlich machen", sagt er. "Die Entscheidung, das Abi trotz allem zu schreiben, wurde von Erwachsenen beschlossen, aber die Betroffenen sind wir Jugendlichen. Unsere Meinung wird bisher nicht respektiert. Es wäre sehr schön, wenn sich das ändern würde", schreibt einer der anonymisierten Teilnehmer.

Einige der Kapitel der Umfrage weisen in die nahe Zukunft, wieder andere beziehen sich auf die ganz aktuelle Situation. Das Vaterstettener Gymnasium ist seit dem 9. März wegen der Corona-Pandemie geschlossen, also bereits eine Woche länger als die übrigen bayerischen Schulen. Seitdem findet der Unterricht nur mehr auf digitalen Wegen statt, geübt und gelernt wird ausschließlich daheim. Nun könnte man meinen, dass dieser Umstand gerade Abiturienten die wenigsten Probleme bereitet, schließlich sind diese höchstwahrscheinlich selbständiges Arbeiten gewöhnt und obendrein eher technikaffin. Doch weit gefehlt: Mehr als 90 Prozent der befragten Q-12-Schüler finden, dass Arbeitsaufträge über das Mebis-System oder virtuelle Lerngruppen sie nicht genauso gut auf die Prüfungen vorbereiten wie Präsenzunterricht. Vermisst werden zum Beispiel Angebote wie Onlinekonferenzen. Außerdem sind immerhin knapp 75 Prozent der Meinung, dass sie sich in der aktuellen Situation in ihrem häuslichen Umfeld nicht so optimal vorbereiten können wie unter normalen Umständen. Ganz generell kommt hinzu: Mehr als 70 Prozent fühlen sich "persönlich emotional durch die momentane Situation belastet", mehr als 40 Prozent davon sogar "stark" bis "sehr stark". Damit hätte Bernhard Lermann nicht gerechnet. "Solche Ergebnisse sind schon beunruhigend", sagt der Vater, "das sollte berücksichtigt werden."

Die Kultusminister der Bundesländer aber haben sich bereits darauf geeinigt, dass die schriftlichen Abiturprüfungen 2020 bis Ende des Schuljahres stattfinden sollen, "soweit dies aus Infektionsschutzgründen zulässig ist". In Bayern fällt der Startschuss am 20. Mai. Die Experten "sehen Deutschland erst am Anfang des Corona-Ausbruchs, mit einem Höhepunkt an Erkrankten Ende April, Anfang Mai", schreiben die Lermanns aus Vaterstetten. "Die Vorbereitungen für das Abitur finden also mitten in einer Zeit der maximalen Unsicherheit statt. In welcher Situation sich das Land während der Zeit der Prüfungen befinden wird, kann noch niemand absehen." Das sehen die befragten Q-12-Schüler offenbar genauso: Mehr als die Hälfte schätzt die Ansteckungsgefahr während der Prüfungen momentan als überdurchschnittlich hoch ein.

Alle diese Sorgen münden in dem Wunsch, in diesem Corona-Jahr vom üblichen Procedere abzuweichen: 65 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die Abiturprüfungen 2020 nicht wie gewohnt stattfinden sollten. "In dieser Lage geht es um Menschenleben, solange diese in Gefahr sind, keine Abiprüfung." Allerdings ist auch unter den Schülern die Unsicherheit groß: 17 Prozent antworteten mit "Weiß nicht". Nur 18 Prozent wollen ein "normales" Abitur ablegen. Unter jenen, die sich Veränderungen wünschen, steht das sogenannte "Durchschnitts-Abi" hoch im Kurs, eine solches befürworten mehr als 60 Prozent. Dabei würden aus den bisherigen Noten Durchschnittswerte gebildet. Wer sich verbessern möchte, kann eine mündliche Nachprüfung ablegen. Aber auch "einfachere Aufgaben" oder eine Reduzierung des Stoffs auf die ersten drei Halbjahre der Oberstufe finden sich unter den Vorschlägen, sowie eine individuelle Wahlmöglichkeit: "Abi schreiben, oder nicht". Allerdings gibt es auch ein paar Kritiker, die ihren Mitschülern vorwerfen, "Vorteile erhaschen" zu wollen. Andere mahnen Gelassenheit an: "Ja, es kann sein, dass die Abi-Note unter den Umständen leidet, aber im Leben passieren Dinge, es ist nie fair."

Welche Folgen die Umfrage unter den Vaterstettener Abiturienten nun haben wird, ist noch unklar. "Hier geht es nicht um eine Kampagne", sagt Lermann, "mal sehen, was sich daraus entwickelt." Er selbst habe das Ergebnis zumindest an ein paar "Pressekontakte" und Ministerien geschickt. Über den Q-12-Sprecher Florian Roth ging die Umfrage auch an die Vaterstettener Schulleitung - ergänzt um ein paar weitere Fragen. "Es geht ja nicht nur um die Abiprüfungen, sondern auch um den ganzen Zeitraum bis dahin", erklärt Roth. Er persönlich zum Beispiel hätte vor dem Abschluss noch fünf Klausuren zu schreiben - "aber wie, wann, wo?" Zumal es den Lehrern nun verboten worden sei, übers Internet erteilte Arbeitsaufträge zu benoten. "Aber warum? Das wäre doch eine gute Möglichkeit, fehlende Tests auszugleichen", so Roth. Überhaupt wünscht sich der Schülersprecher, dass in so einer Situation unbürokratische Lösungen gefunden werden, "dass man sich loslöst vom starren Apparat. Wir Abiturienten haben doch auch ein Interesse daran, dass das alles möglichst reibungslos über die Bühne geht." Das Schlimmste aber sei die Ungewissheit. "Deswegen hoffen wir, dass wir von der Schule möglichst bald einen genaueren Fahrplan bekommen."

"Nicht nur als Direktor des Humboldt-Gymnasiums Vaterstetten, sondern auch als Vater eines Abiturienten habe ich großes Verständnis für die Sorgen unserer Schülerinnen und Schülern der Q12", schreibt Rüdiger Modell. Und er hoffe immer noch, dass es möglich sein werde, den aktuellen Zeitplan für die bayerischen Abiturprüfungen umzusetzen. "Ein Abitur ohne Abschlussprüfungen halte ich für schwer vorstellbar", so der Schulleiter. Allerdings müssten trotz der Corona-Krise faire und sichere Bedingungen für die Schüler sichergestellt sein. Die Einschätzung der Vaterstettener Abiturientinnen und Abiturienten, dass sie zu Hause nicht genauso gut auf die Prüfungen vorbereitet werden wie im normalen Unterricht, überrasche ihn nicht. "Lernen ist ein zutiefst sozialer Prozess, der von Lehrkräften und Mitschülern getragen wird. Präsenzunterricht kann durch digitale Werkzeuge nicht ersetzt werden."

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