Seminar gegen Rassismus:Wie verhält man sich, wenn man mit rechten Parolen konfrontiert wird?

Lesezeit: 4 min

Demo gegen Alltagsrassismus EBE - Black Lives Matter

Auf einer Demo wie hier in Ebersberg Haltung zu zeigen ist manchmal leichter als in der S-Bahn oder am Familientisch.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Beim Training mit den "Stammtischkämpfern" im Rahmen der "Wochen der Toleranz" wird das geübt. Dafür ist es wichtig zu wissen, wer eigentlich vor einem steht.

Von Merlin Wassermann

Das Jugendzentrum in Ebersberg ist ein ungewöhnliches Klassenzimmer, so viel steht fest. Wände, Decken und Boden sind schwarz, jeder Millimeter ist mit Graffiti besprüht, man meint fast, der Bass vergangener Partys habe sich spürbar in den Saal gebrannt. Nun wurde die Tanzfläche jedoch umfunktioniert: In gebührendem Abstand stehen Stühle, alle Richtung Leinwand, für die Präsentation später. Es gibt eine Flipchart und ein Whiteboard, auf den Stühlen liegt Infomaterial des Bündnisses "Aufstehen gegen Rassismus". Dieses hat die Veranstaltung gemeinsam mit dem Kreisjugendring Ebersberg im Rahmen der "Wochen der Toleranz" organisiert. Das Thema lautet: "Argumentationstraining gegen Stammtischparolen". Will heißen: Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen lernen, wie man sich verhält, wenn man mit rechten Parolen à la "Ausländer raus!" konfrontiert wird, wann es sich überhaupt lohnt, zu widersprechen, was man erwidern kann und wie.

Die Gruppe, die sich vorgenommen hat, an ihren Zivilcouragekapazitäten zu feilen, ist ziemlich heterogen. Unter den elf Teilnehmenden befinden sich mehrere Schüler, ein paar Berufstätige, einige ältere Semester sind auch dabei, insgesamt mehr Männer als Frauen. Zu ihrem Schutz werden weder ihre Namen noch die der beiden "Stammtischkämpfer", die das Seminar anleiten, genannt. Vereint sind die Einzelnen in ihrer Motivation und den Erfahrungen, die sie mit rechten Parolen gemacht haben.

Fast jeder kann etwas berichten: In der Firma beklagt sich jemand über die schlechte Arbeitsleistung "der Ausländer"; auf einer Party behauptet jemand, "die Afrikaner" seien einfach weniger intelligent, was der Grund für die Armut auf dem Kontinent sei; in der Straßenbahn pöbeln zwei Besoffene einen Mann mit Migrationshintergrund an und rufen "Heil Hitler!"; im Verein fallen rassistische Witze; beim Familienfest beklagt sich jemand über "schmarotzende Migranten"; im Einkaufszentrum singen ein paar Jugendliche "Deutschland, Deutschland über alles!"; und, und, und.

"Die latente Bereitschaft, rechte Aussagen zu tätigen, hat in der Gesellschaft deutlich zugenommen"

Viele hier haben das Gefühl, dass sich in den vergangenen Jahren die Grenze des Sagbaren zusehends verschoben hat. "Die latente Bereitschaft, rechte Aussagen zu tätigen, hat in der Gesellschaft deutlich zugenommen", sagt einer der Teilnehmenden. "Und vor allem auch die Bereitschaft, das witzig zu finden", fügt er hinzu.

Hier aber findet das niemand witzig. Stattdessen überwiegen Gefühle des Versagens, ("Da hätte ich was sagen müssen!"), der Frustration ("Man kommt ja doch nie zu ihnen durch!") und der Unsicherheit ("Wenn man sich auf so eine Diskussion einlässt, muss man das Thema perfekt beherrschen und selbst dann dauert es ewig"). Mit solchen Gefühlen richtig umzugehen, ist ein wichtiger Punkt, wenn es um Zivilcourage geht. "Redet mit jemandem über eure Erfahrungen! Lobt euch selbst, wenn ihr etwas gesagt habt, egal, ob ihr zum anderen durchgedrungen seid oder nicht", so der eindringliche Rat.

Die eigene Gefühlslage ist aber nur die halbe Miete. Im Theorieteil des Seminars geht es darum, wie man sich tatsächlich gegen rechte Aussagen positioniert und argumentiert. "Zunächst ist es wichtig, zu wissen, mit wem man es eigentlich zu tun hat", gezeigt wird ein Bild mit konzentrischen Kreisen, die veranschaulichen sollen, wie tief jemand in der rechten Szene steckt: In der Mitte steht "Funktionär*Innen", dann kommen "Parteimitglieder", "Sympathisant*Innen", "Unentschlossene" und schließlich "die stille Mehrheit". Zu den ersten drei Gruppen sei nur selten ein Durchkommen, Unentschlossene könne man manchmal erreichen. "Um die stille Mehrheit geht es eigentlich. Wenn ihr diskutiert, sollte das Ziel sein, sie dazu zu bringen, sich zu positionieren."

Für die Diskussion selbst werden verschiedene Strategien besprochen: Typische Argumentationsmuster wie die Verallgemeinerung oder den "Flickenteppich" (bei dem viele unzusammenhängende, rassistische Behauptungen aneinandergereiht werden) erkennen und darauf aufmerksam machen ist eine davon, viele Gegenfragen stellen ("Wo hast du diese Info denn her?") eine andere. Man muss aber auch sagen: Jede Situation ist anders und eine ideale Lösung gibt es nicht. Teils müsse es reichen, zu sagen: "Da bin ich anderer Meinung", wenn das Gegenüber eindeutig nicht für Argumente empfänglich sei.

Und schließlich könne es manchmal auch das Beste sein, sich wieder zurückzuziehen oder dem "gewaltbereiten Neonazi" erst gar nichts zu entgegnen. Denn Selbstschutz gehe vor - zumindest, wenn Leib und Leben bedroht seien und nicht nur die eigene Komfortzone. Ganz ausschließen lässt sich die Gefahr einer physischen Konfrontation jedoch nie. Einer der Teilnehmer will deshalb einen Kampfsport anfangen. "Mir geht es vor allem darum, das Selbstvertrauen zu haben, etwas zu sagen, wenn es drauf ankommt", sagt er.

Um Selbstvertrauen geht es auch viel in den praktischen Übungen, vor allem in der ersten. Hier wird trainiert, die "Schrecksekunde" zu überwinden, wenn man mit einer Parole konfrontiert wird - also möglichst schnell etwas zu entgegnen, damit die Aussage nicht unangefochten im Raum steht und noch etwas nachgeschoben werden kann. Dazu stellen sich die Teilnehmenden in zwei Reihen gegenüber auf und denken sich eine Parole aus oder übernehmen eine von der Leinwand, auf die das Gegenüber dann reagieren muss. Manche finden es schwierig, Sätze zu äußern wie "Deutschland hat nicht genug Platz, um die ganzen Flüchtlinge aufzunehmen" oder auch "Obdachlose sollten aus der Fußgängerzone entfernt werden", andere finden es schwieriger, angemessen zu reagieren.

Beim Rollenspiel, bei dem eine Familiendiskussion simuliert wird, ist es ähnlich. Nach fast sechs Stunden merkt man aber auch, dass bei einigen Teilnehmenden schlicht die Luft raus ist. Dennoch ziehen in der Nachbesprechung alle noch einmal wertvolle Schlüsse, etwa, dass es vor allem in der Familie sinnvoll sein kann, eine Diskussion abzubrechen, wenn man sich nicht wohl fühlt. "Das muss dann auch gar kein Triumph für die anderen sein, vielleicht merken sie gerade dann: Hoppla, jetzt bin ich zu weit gegangen." Am Ende gibt es eine Teilnehmerurkunde für alle, sie sind jetzt zertifizierte "Stammtischkämpfer*Innen", die bestätigen, an diesem Tag viel gelernt zu haben. Und zwar nicht für die Schule, sondern fürs Leben.

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