Kulturporträt:Glücksgriff

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Kulturporträt: Die Theaterhalle am Burgerfeld mitsamt ihrem Lager ist das zweite Zuhause von Michael Siegert. Nun ist der 38-Jährige der neue Chef des Vereins.

Die Theaterhalle am Burgerfeld mitsamt ihrem Lager ist das zweite Zuhause von Michael Siegert. Nun ist der 38-Jährige der neue Chef des Vereins.

(Foto: Christian Endt)

Der Theaterverein Markt Schwaben hat einen neuen Chef: Michael Siegert ist nicht nur jung und motiviert, sondern auch vielseitig talentiert. Vor allem für die Weiherspiele hat er ein paar neue Ideen.

Von Anja Blum, Markt Schwaben

Am Ende hält er sich eine Pistole an den Kopf und weint. Dann fällt der Vorhang. Das Publikum braucht einen Moment, bis es, erst zögerlich, doch dann umso frenetischer, applaudiert. Michael Siegerts schönster Bühnenmoment ist vorüber. Einen sechsfachen Mörder hat er da gespielt, "Tannöd" heißt das Stück, und obwohl die Inszenierung schon ein paar Jahre zurückliegt, schwärmt Siegert noch immer davon. "Die Atmosphäre war so real, so ergreifend, das war der Wahnsinn. Ich hatte immer wieder Gänsehaut. Auch das Weinen ist mir überhaupt nicht schwergefallen." Spätestens da habe er begriffen, was man mit gutem Theater so alles bewirken könne.

Gutes Schauspiel - ihm gilt schon lange Michael Siegerts Leidenschaft, und nun umso mehr: Er wurde zum neuen Chef des Markt Schwabener Theatervereins gewählt. Und wenn man sich den bisherigen Werdegang des 38-Jährigen etwas genauer ansieht, von dem er bei einem Treffen in der Theaterhalle am Burgerfeld ganz gelassen und doch pointiert erzählt, ist das auch gar nicht weiter verwunderlich.

Geboren wurde Siegert 1984, kurz bevor die Markt Schwabener Weiherspiele ihre allererste Premiere feierten. Siegerts Elternhaus liegt direkt neben dem kleinen See, sodass schon der kleine Michael durchs offene Fenster an vielen Sommerabenden die Lieder und den Applaus hören konnte. Josef Schmid, Gründer und Initiator der Weiherspiele, wohnte in der Nachbarschaft. "Und als es dann darum ging, das Taschengeld aufzubessern, haben meine Brüder und ich nicht Zeitungen ausgetragen, sondern beim Aufbau der Seebühne mitgeholfen", erzählt Siegert. "Das war unheimlich lustig und spannend." Außerdem habe er bereits als Jugendlicher kleine Statistenrollen übernehmen dürfen. "Die Weiherspiele - das ist Kindheit für mich. Deswegen hängt daran mein Herz ganz besonders."

Kulturporträt: So sieht es aus, wenn der Theaterverein auf dem Weiher probt.

So sieht es aus, wenn der Theaterverein auf dem Weiher probt.

(Foto: Theaterverein/oh)

So kam Siegert also schon früh in Kontakt mit dem Theaterverein, mit seinen Darstellern, aber auch den vielen Helfern hinter den Kulissen. Doch bis er dort tiefer einsteigen sollte, dauerte es noch ein bisschen, seine ersten Erfahrungen als Schauspieler nämlich machte er in der Theatergruppe der Realschule. Gemeinsam mit Ferdinand Maurer übrigens, der heute die Inszenierungen am Weiher als Autor, Regisseur und Darsteller wesentlich mitgestaltet.

Zum Theaterverein kamen die beiden Nachwuchsspieler erst, als Marga Kappl unter dessen Dach die Junge Bühne gründete, eine Gruppe nur für Jugendliche und junge Erwachsene. Und spätestens da infizierte sich Siegert endgültig mit dem Schauspielvirus: "Das war einfach ein tolles Rahmenprogramm unter besten Bedingungen", sagt der 38-Jährige, während er den Blick durch die vereinseigene Halle schweifen lässt. "Und da hab ich bald auch größere, sehr schöne Rollen spielen dürfen."

Doch nicht nur beim Theaterverein ist Siegert damals kreativ, zusammen mit Maurer und anderen jungen Schauspielern gründet er die Gruppe FKK, die viele Jahre lang furioses Improtheater macht, und auch beim Grenztheater Ludwigs Erben von Sebastian Schlagenhaufer aus Grafing ist der Markt Schwabener dabei. "Das war eine langsame Abnabelung, die sicher nicht geschadet hat", sagt Siegert rückblickend und lacht - schließlich ist er dem Theaterverein ja stets treu geblieben. Als Darsteller, Ausschussmitglied und seit ein paar Jahren auch als Verantwortlicher fürs Bühnenbild.

Siegert nämlich hat sich ein Programm draufgeschafft, mit dem man die Weiherkulissen als 3D-Design darstellen kann. "Das ist ganz wichtig für die Planung", erklärt er, "denn so lässt sich alles genau überprüfen. Kann man von jedem Zuschauerplatz aus alles sehen, oder wird etwas verdeckt? Passen die Wasserfahrzeuge überhaupt zwischen den Bühnenteilen durch? Oder wo kann man die Kutsche parken?"

Kulturporträt: So sieht es aus, wenn Michael Siegert die Gestaltung der Seebühne am Computer simuliert.

So sieht es aus, wenn Michael Siegert die Gestaltung der Seebühne am Computer simuliert.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Handwerk, Technik, Organisation, Schauspiel: Ja, Michael Siegert, so scheint es, hat sehr viele Talente - insofern ist er als neuer Vorsitzender vermutlich ein absoluter Glücksgriff. Weniger leicht gefallen sei ihm wegen seiner vielen Interessen jedoch die Berufswahl, erzählt er. Am Ende wurde es ein Studium, Kommunikationstechnik in München, heute arbeitet der 38-jährige, der übrigens momentan Single ist, beim Bayerischen Rundfunk, er ist dort zuständig für technische Innovationen. "Dazu mache ich viele Workshops und immer wieder Pilotprojekte."

Siegerts Vorgänger Schmid und Franz Stetter hatten die Leitung des Vereins ja erst als Rentner übernommen, letzterer sagte einmal, die Weiherspiele zu managen sei, wie eine kleine Firma zu führen. Insofern empfinde er das Amt durchaus als eine Herausforderung, sagt der neue, junge Vorsitzende, "die Fußstapfen sind groß". Doch dank der Möglichkeit zum Homeoffice hoffe er, in der heißen Phase ebenfalls oft am Weiher präsent sein zu können. Und auch auf der Bühne stehen will Michael Siegert weiterhin. "Das brauch ich einfach - für's Gfui", sagt er und grinst. Ob er allerdings als Vorsitzender dann noch so viel Zeit haben wird für seine anderen Hobbys, Wandern und Segeln, das ist noch nicht ausgemacht.

Jedenfalls startet Siegert mit viel Schwung und neuen Ideen in seine Amtszeit. Die Corona-Pandemie habe auch dem Markt Schwabener Theaterverein empfindlich geschadet, sagt er: Manches sei einfach eingeschlafen, und der ein oder andere Mitstreiter leider verloren gegangen - doch vor allem für die Weiherspiele würden dringend zahlreiche Schultern benötigt. "Deswegen möchte ich unbedingt wieder mehr Menschen motivieren, bei uns aktiv zu sein. Sei es auf der Bühne oder drum herum - jeder ist bei uns herzlich willkommen."

Kulturporträt: Möglicherweise gibt es im Sommer 2023 auf dem Markt Schwabener Weiher nicht nur Theater, sondern auch andere Veranstaltungen.

Möglicherweise gibt es im Sommer 2023 auf dem Markt Schwabener Weiher nicht nur Theater, sondern auch andere Veranstaltungen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Doch um für neue Mitglieder attraktiv zu sein, muss man freilich auch etwas bieten - deswegen will der neue Chef das Vereinsleben nun wieder kräftig ankurbeln, mehr Angebote machen. "Wir haben viele Ideen, Schauspielseminare zum Beispiel wären schön, oder mal ein Hüttenwochenende." Um herauszufinden, welche Aktivitäten und Strukturen sinnvoll wären, hat der Vereinsausschuss nun bereits Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen gegründet.

Eine Idee sei auch, so Siegert, den Sommerwochen am Weiher mit diversen begleitenden Veranstaltungen zusätzlich zum Theater eine Art Festivalcharakter zu verleihen. "Ob daraus was wird, ist aber noch ungewiss, denn in diesem Punkt sind wir abhängig von Fördergeldern, außerdem braucht es natürlich noch Absprachen mit Behörden und Anwohnern." Und auch für Kritik von außen zeigen sich die Markt Schwabener Theaterleute offen: Während der Weiherspiele 2022 habe man die Zuschauer erstmals per QR-Code um ein ein Feedback gebeten, erzählt der neue Chef. "Wir wollen doch wissen, was wir besser machen können!"

Was den Nachwuchs des Vereins angeht, gibt sich Michael Siegert übrigens optimistisch: "Meine Nichte ist gerade mal sieben, hat sich aber jetzt schon für das Wahlfach Schultheater angemeldet. Das hat mich sehr geehrt."

Wer Kontakt aufnehmen möchte zum Theaterverein: Einfach eine Mail schreiben an info@theater-marktschwaben.de.

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