Mitten in Ebersberg:Schellack digital

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Telefonwarteschleifen sind oft lästig - manchmal weckt das Gedudel aber auch nostalgische Gefühle.

Glosse von Wieland Bögel

Bekanntlich gibt es ja den Berufsstand der Sound-Designer, diese Leute sind etwa dafür zuständig, dass eine Autotür wie eine Autotür klingt und nicht wie irgendwas anderes, ein Klodeckel zum Beispiel. Auch, dass Kartoffelchips beim Essen wie ebensolche klingen und nicht etwa wie Nüsse, Salzstangen oder Erdnussflips - und diese dann wiederum auch so, wie man es von ihnen erwartet - dazu tragen die Sound-Designer ebenfalls maßgeblich bei, es wäre ja sonst auch zu verwirrend für die Konsumenten. Stellt sich die Frage, ob es solche Geräuscheverfeinerer auch in einem anderen Bereich gibt: der Warteschleifenmusik.

Tatsächlich scheint diese über jene, die andere in der Schleife warten zu lassen, so einiges auszusagen, zumindest in manchen Fällen. Manche setzen ganz klassisch auf Klassik, das strahlt Seriosität aus. Bei anderen sind beherztere Klänge zu hören, da springt einen die Dynamik der Firma, mit der man eine fernmündliche Kontaktaufnahme unternimmt, förmlich an und durch den Gehörgang ins Gehirn, mit solchen Leuten sollte man unbedingt ins Geschäft kommen. Und dann gibt es noch die Art von Warteschleifen, die bei Menschen mittleren Alters so etwas auslösen wie bei deren Großeltern die alten Schellackplatten: pure Nostalgie.

Ausgelöst wird diese von den nicht sehr ausgefeilten Klängen einer per Midi-Sequenzer erzeugten meist nicht sehr ausgefallenen Tonfolge. Sicher nur Gedudel für diejenigen, welche mit den multipolyphonen Klangkörpern moderner Elektronik aufgewachsen sind, wer aber in den 1980er und 90er Jahren einen Computer besessen hat, den bringen diese einfachen Geräusche wieder in die Zeit der Jugend zurück. An stunden- ach was tagelanges Computerspielen, stets untermalt von den Klängen aus dem Soundblaster, damals das ultimative Gerät zur digitalen Melodieerzeugung. Sogar eigene Melodien konnte man da erzeugen - die dann zwar alle irgendwie so klangen wie die in den Computerspielen, aber das war auch irgendwie der Reiz. Nicht zu vergessen, dass ein solches Gerät einen damals oft so vorkommen ließ wie Scottie von der Enterprise: Einbau und Inbetriebnahme waren nicht immer ganz einfach, umso größer das Hochgefühl, wenn dann endlich der ersehnte Midi-Klang zu hören war.

Ganz offenbar haben diese Geräte ein zweites Leben in unzähligen Telefonanlagen gefunden, wo sie nach wie vor ihre nicht sehr ausgefeilten Klänge und nicht sehr ausgefallenen Tonfolge zum Besten geben. Aber vielleicht ist das auch Strategie, Psychologie auf zumindest höherem wenn nicht höchsten Niveau, eine Art akustisches Kindchenschema, ein kurzer Flashback in die - zumindest im Rückblick - schöne Jugendzeit. Da werden die Anrufer doch gleich in mildere Stimmung versetzt: Der Auftrag ist immer noch nicht erledigt? Der Zuständige immer noch nicht erreichbar? Niemand in der Firma weiß weiter? Na, auch egal, vielleicht kann man doch noch zu wem anderes durchstellen und bis der drangeht wieder in nostalgischen Klängen schwelgen.

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