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Von Mai bis Juli:Irritationen am Straßenrand

Der Kunstverein Ebersberg lädt zum zweiten Arkadien-Festival: diesmal verstärkt im öffentlichen Raum und über einen viel längeren Zeitraum.

Von Anja Blum

Ab Anfang Mai werden die Ebersberger auf jede Menge Irritationen stoßen. Werden sich regelmäßig die Augen reiben, verblüfft sein, begeistert, aber vielleicht auch verstört bis provoziert. Da wird plötzlich eine unbekannte Flagge am Ebersberger Rathaus wehen, über der Stadt ein Flugzeug mit der Botschaft "Et in arcadia ego" kreisen und im Klosterbauhof Eis in der viel zu warmen Sonne glitzern. Was ist da los?

Ganz einfach: Wer auch immer dann in der Kreisstadt unterwegs ist, wird mit Kunst konfrontiert, denn das zweite Arkadien-Festival des Kunstvereins Ebersberg findet diesmal nicht in dessen Galerie statt, sondern in der ganzen Stadt, auf Straßen, Plätzen und Wiesen. Der ganz praktische Grund dafür ist freilich die Pandemie, denn Veranstaltungen in geschlossenen Räumen sind derzeit kaum zu planen und noch schwieriger umzusetzen. Deswegen weicht man ins Freie aus. Und noch eine Änderung gibt es: Das Festival wird um einiges länger dauern, und zwar vom 7. Mai bis zum 18. Juli anstatt nur bis 6. Juni. Denn um dem Infektionsrisiko Rechnung zu tragen, ist der Zeitraum nun zweigeteilt: Zunächst wird es lediglich skulpturale Formen von Kunst geben, durch die es eher nicht zu Menschenansammlungen kommt. Ab Juli verdichtet sich das Programm, dann sollen auch interaktive, partizipative Aktionen stattfinden können. Der räumlich Fokus des Festivals liegt auf der Stadt Ebersberg, anstatt wie geplant den ganzen Landkreis zu bespielen - damit das Geschehen sich angesichts des langen Zeitraums nicht zu sehr verläuft.

Anja Uhlig in München, 2018

Anja Uhlig, Tassilo-Preisträgerin von 2018, kommt mit dem "Klo-Häuschen" nach Ebersberg.

(Foto: Robert Haas)

Doch Initiator Peter Kees kann den veränderten Rahmenbedingungen des Festivals auch jenseits von Corona so einiges abgewinnen: "Ich finde, Kunst hat eine gesellschaftliche Aufgabe", sagt er, "und durch Interventionen im öffentlichen Raum erreichen wir auch Menschen, die von sich aus wohl nicht in eine Galerie kommen würden". Die ganze Aktion um ein Jahr zu verschieben, kam für den Steinhöringer Künstler denn auch nicht infrage. "Der Hunger nach Kultur ist enorm. Und wir müssen uns einmischen - gerade jetzt!" Inhaltlich gelten die gleichen Vorgaben wie beim ersten Festival von 2019: Der Topos Arkadien als "Traum von einer besseren Welt" soll als "Plattform für aktuelle Problembewältigungen und Lösungsstrategien" verstanden werden.

Kunstverein Ebersberg
Wo bitte geht’s nach Arkadien? / 2 (7.Mai â€" 18.Juli 2021)
Festival

Katrin Schmidbauer organisiert einen Bannerflug.

(Foto: Veranstalter)

Es ist nämlich bereits das zweite Mal, dass der Kunstverein Ebersberg seine Jahresausstellung als Festival unter dem Motto "Wo bitte geht's nach Arkadien?" konzipiert - nur eben diesmal mit weniger Veranstaltungen wie Vorträgen, Filmabenden oder Diskussionsrunden, dafür mit noch mehr künstlerischen Interventionen im öffentlichen Raum. Gut 20 internationale Künstlerinnen und Künstler werden daran beteiligt sein, auf die unterschiedlichste Weise. Und Kees ist überzeugt, dass das Festival auch ohne große Zusammenkünfte funktionieren wird. "Auf eine klassische Vernissage verzichten zu müssen, ist schade - aber der Auftakt wird auch so fulminant", verspricht er.

Kunstverein Ebersberg
Wo bitte geht’s nach Arkadien? / 2 (7.Mai â€" 18.Juli 2021)
Festival

Christian Göthner lädt zum Basteln ein, nur um am Ende alles einer Feuerschale zuzuführen.

(Foto: Veranstalter)

Die Einreichung zum Festival hat rein digital stattgefunden, nicht nur wegen der Pandemie, sondern "weil das zeitgemäß ist", sagt Peter Kees. Zu oft arbeite Seinesgleichen ohne Honorar, da müsse man zusätzlichen Aufwand und auch Kosten vermeiden. "Außerdem hatte auf diese Weise jedes Jurymitglied Zeit, sich vorab ganz in Ruhe mit den Vorschlägen zu beschäftigen." In einer zweitägigen Online-Sitzung wurden dann aus etwa 130 Bewerbungen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für das Festival ausgewählt. Die Jury bestand neben Peter Kees aus Frenzy Höhne, Künstlerin aus Leipzig, Luci Ott vom Ebersberger Kunstverein, Hans Hs. Winkler, Künstler aus Berlin, sowie der Kulturbeobachterin Tine Neumann, ebenfalls aus Berlin. Mit dieser Besetzung sei sowohl "Kontinuität als auch ein frischer Blick" garantiert gewesen, so der Organisator.

Kunstverein Ebersberg
Wo bitte geht’s nach Arkadien? / 2 (7.Mai â€" 18.Juli 2021)
Festival

Anke Westermann will unter dem Aussichtsturm ein "Lichthaus" aufbauen.

(Foto: Veranstalter)

Begeistert ist Kees auch vom Ergebnis: Es sei gelungen, ein starkes und spannendes Programm zusammenzustellen. Einer der wichtigsten Akteure ist der international tätige "Verein zur Verzögerung der Zeit" - kein Witz. Seine Mitglieder "verpflichten sich zum Innehalten, zur Aufforderung zum Nachdenken dort, wo blinder Aktivismus und partikulares Interesse Scheinlösungen produziert", heißt es auf der Homepage. Bei der Stadt Ebersberg will der Verein unter anderem den Antrag stellen, eine Straße in "Müßiggang" umzubenennen: "Ehre, wem Ehre gebührt. Unzählige Personen und Orte leihen Straßen ihren Namen. Doch die Muße ging bisher leer aus. Es wird Zeit, den ersten Müßiggang der Welt offiziell auszuzeichnen." Mal sehen, was die Stadträte dazu sagen. Nicht minder extravagant ist die Installation "Entschleunigter Parkplatz", mit dem der Verein auf die Absurdität unseres Mobilitätskonzepts aufmerksam machen will: Wer sein Auto lange stehen lässt, muss viel zahlen. Wieso nicht andersherum? Je kürzer die Parkdauer, desto höher die Gebühr! "Parken für acht bis zu 24 Stunden: gratis. Parkbonus ab 24 Stunden: Gutschein für einen Kaffee oder Tee vor Ort." Beide Ideen stammen von Martin Liebmann aus Klagenfurt am Wörthersee.

Aufkleber "für kleine und große Wichtigkeiten", zum Mitnehmen und selbst beschriften, bietet Frenzy Höhne den Ebersbergern: "Heute schon ..." steht darauf, und jeder kann diesen Satzanfang nach seinem Gutdünken vervollständigen. Heute schon gelächelt? Schon mitgedacht? In den Himmel geschaut? Durchgeatmet? Und sogar eine kleine Kunsthalle wird es in der Innenstadt geben: Das "Klo-Häuschen" aus München reist mitsamt seinen Arbeiten von 60 Künstlerinnen und Künstlern ins Ebersberger Arkadien und lässt sich in einem Blockhaus im Einkaufszentrum nieder. Rudolf Herz aus München plant unter dem Titel "Seeschlacht" ein Objekt auf dem Klostersee, Roland Orlando Moed aus Berlin färbt ausgewählte Büsche, Sträucher, Gräser und weist damit hin auf die Veränderung der Natur durch menschliche Eingriffe, und Wolfgang Stöcker aus Köln eröffnet ein Büro im Bauwagen für seine arkadische Forschung: Alle Neugierigen können ihn besuchen und ihre Ansichten zu Schönheit, gutem Leben, "heiler Welt", Idylle oder utopischen Visionen des guten Lebens zu Protokoll geben. Auf Besuch hoffen auch Andy Webster and Derek Tyman aus England, die auf dem Volksfestplatz aus wiederverwerteten Materialien das sturmgeschädigte Hausboot der Umweltschützerin Vanda Chan rekonstruieren wollen - als Raum für Performances, Gespräche, Workshops. Auch der Arkadienbus wird diesmal wieder dabei sein, am Schlossplatz soll er als Beamer dienen für Projektionen gegen den Krieg als Antipode zu Arkadien.

Zum Programm gehören auch drei Werkstattgespräche: Exkursionen zu einem Geigenbauer, einem Bogenmacher und einer Klavierbauerin. "Einfach weil das so wunderbar anachronistische Berufe sind", sagt Kees. Und auch ein Konzert darf nicht fehlen: Das Voyager Quartet möchte sich mit Werken von Wagner, Mahler und Schumann in "Boten der Liebe" verwandeln - unklar ist nur, wo das Ganze stattfinden kann. "Vielleicht auf einer Waldlichtung?" Das Abschlusswochenende soll dann im Meta Theater in Moosach über die Bühne gehen, mit Lesung, Diskussion, Performance und der Verleihung des Kunstpreises der Stadt Ebersberg. Sofern es die Pandemie eben zulässt.

Ja, die ganze Organisation gestalte sich diesmal aufgrund von Corona und der öffentlichen Spielräume um einiges aufwendiger: Ständig müssten geeignete Plätze gefunden, Machbarkeiten erwogen und Genehmigungen eingeholt werden, sagt Kees. "In diesem Sinne vielen Dank an den Kunstverein und den Bürgermeister, die voll hinter dem Projekt stehen." Auch die finanzielle Förderung seitens Stadt, Landkreis und Freistaat sei "großzügig - wenn auch immer noch zu wenig. Wir haben den Etat tatsächlich schon ausgeschöpft." Auch, weil jeder Künstler wenigstens kleines Honorar bekommen soll. Sonst wäre Ebersberg ja nicht Arkadien.

© SZ vom 17.04.2021
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