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Rätsel in Poing:"Es hat mich nicht mehr losgelassen"

Brautkleid

Herzensprojekt: Die Poinger Künstlerin Inge Schmidt möchte, dass dieses weggeworfene Brautkleid zur Inspiration wird.

(Foto: privat)

Eine Künstlerin aus Poing findet am Wertstoffhof ein Hochzeitskleid. Wem hat es gehört? Warum wurde es weggeworfen? Inge Schmidt über ihren Fund, Stoffe und Werte.

Interview von Korbinian Eisenberger

Inge Schmidt hatte gerade ihr Atelier entrümpelt und wollte den Abfall wegbringen. Doch aus diesem Besuch auf dem Poinger Wertstoffhof wurde mehr. Die Poingerin machte eine Entdeckung: An einem verrosteten Container hing ein Bügel mit einem Kleidungsstück, das nicht hierher passte: ein Brautkleid, das offenbar jemand entsorgt hatte. Inge Schmidt ließ es hängen und fuhr wieder nach Hause. Doch das weiße Kleid wollte ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen. Und so fuhr sie ein zweites Mal zum Wertstoffhof.

SZ: Frau Schmidt, Sie haben das Hochzeitskleid dann doch eingepackt. Warum diese Wandlung?

Es hat mich einfach nicht losgelassen. Ich dachte mir: So ein besonderes Kleid, das kann man nicht im Abfall landen lassen.

Was ist das Besondere daran?

Es ist nicht irgendein Hochzeitskleid, sondern ein sehr schönes handgearbeitetes Stück. Der Rock aus Edeltaft, der puristische Schnitt. Das Oberteil ist mit den feinsten Perlen bestickt und hat viele hellbeige abgesetzte Biesen, die an den richtigen Stellen die Figur betonen. Um so etwas nähen zu können, muss man sein Handwerk wirklich sehr gut beherrschen.

Als Mitglied der Poinger Künstler-Vereinigung "Kunststoff" kennen Sie sich aus mit Stil und Mode?

Ja, ich habe viele Jahre für internationale Kaufhauskonzerne in der Modebranche gearbeitet. Dieses Kleid jedenfalls ist von zeitlosem Stil.

Wem hat es gehört?

Das muss eine sehr schöne Person mit einer weiblichen Figur gewesen sein. Mindestens 1,80 Meter groß. Das Kleid ist auch getragen. Der Bodensaum war durchtanzt, mit trockenem Schmutz dran. Das Bustier hatte innen Make-Up-Spuren.

KunstStoff Poing

Die Poinger Künstlerin Inge Schmidt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Hatte?

Ich bin ein bisschen erschrocken, als ich das Kleid von der Reinigung abgeholt habe und 95 Euro zahlen musste. Das zeigt, wie wertvoll der Stoff ist.

Haben Sie das Kleid schon mal anprobiert?

Auf keinen Fall, das fände ich unmoralisch. Ich habe ja vor vielen Jahren schon geheiratet, ganz puristisch ohne Schleier, dafür mit Margeriten-Kranz.

Was haben Sie nun mit dem Kleid vor?

Ich könnte mir gut vorstellen, dass dieses verlassene Stück bei vielen Menschen Gedanken und Assoziationen auslöst. Wir werden vielleicht nie rausfinden, warum das Kleid am Container hing. Umso mehr regt es die Fantasie an.

Wessen Fantasie meinen Sie?

Ich könnte mir das gut als Schulprojekt vorstellen. Man erzählt Schülern von dem Fund und lässt sie dazu ihre eigene Geschichte schreiben. Kurz vor Weihnachten habe ich Personen an den Schaltstellen der bayerischen Schulen über meine Ideen geschrieben. Mal sehen, wie sie reagieren.

Klingt, als könnte das weiße Kleid vom Poinger Wertstoffhof der Legende von der weißen Frau im Ebersberger Forst Konkurrenz machen...

Es ist ein Herzensprojekt. Ich bin auch mit einer Regisseurin in Kontakt, die einen kurzen Clip über das Kleid machen könnte.

Worum geht es Ihnen dabei?

Das Bewusstsein für Wertschätzung. Und zu verstehen, warum Wertschätzung verloren gehen kann. Das kann ja vielerlei Gründe haben - hier kennen wir sie nicht.

Es handelt sich hier auch um das Phänomen des ungelösten Rätsels. So etwas fasziniert Menschen, wie zuletzt etwa der Brunnen, der im Ebersberger Forst entdeckt wurde...

Mir ist wichtig, etwas zu vermitteln. Etwa auch, was ein Hochzeitskleid bedeutet: Romantik, Liebe, Treue, Träume, eine gemeinsame Zukunft.

Ist Ihr Eindruck, dass in der heutigen Zeit andere Motive fürs Heiraten wichtiger geworden sind? Etwa steuerliche Vorteile?

Ich glaube, dass junge Paare nicht mehr so unbedarft in eine Ehe gehen als zu meiner Zeit. Heute - so mein Eindruck - läuft es teilweise viel bewusster, berechnender, faktischer und nüchterner. Es gibt natürlich nach wie vor gegenteilige Beispiele.

Darf so ein getragenes Kleid überhaupt noch mal jemand anderes anziehen?

Ich will niemanden verletzen mit meiner Aktion. Womöglich hätte die Besitzerin mittlerweile wieder ein einfacheres Verhältnis zu dem Kleid. Falls nicht, könnte ich mir aber gut vorstellen, dass es jemand bekommt, der weit weg wohnt. In Namibia zum Beispiel, da sind die meisten Menschen arm. Vielleicht würde mit dem Kleid ein Traum in Erfüllung gehen.

Dürfte dieses Kleid nicht deutlich zu groß für die meisten namibischen Frauen sein?

Wahrscheinlich schon. Aber man kann jedes Kleid kürzen.

© SZ vom 08.01.2021/koei
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