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Mitten in der Krise:Das Hoffen auf die 998. Minute

FC Augsburg v 1. FC Union Berlin - Bundesliga

Florian Niederlechner und die Freude nach seinem 1:0 im Heimspiel gegen Union Berlin , ein Treffer nach einer langen Durststrecke.Später erzielte der Hohenlindener auch noch das 2:1-Siegtor.

(Foto: Getty Images)

Mit seinen lang ersehnten Treffern im Heimspiel gegen Berlin macht der Fußballer Florian Niederlechner aus Hohenlinden allen Kickern des Landes Mut.

Glosse von Korbinian Eisenberger

Er ist leidensfähig, keine Frage: 217 Tage oder 997 Minuten ohne Torerfolg. Der Hohenlindener Fußballspieler Florian Niederlechner ist ob dieser Stürmerkrise nicht zu beneiden. Und dennoch: Wie gerne würden Tausende von Amateursportlern mit dem Augsburger Bundesliga-Stürmer tauschen. Seit Ende Oktober hat in seinem Heimatlandkreis kein Team mehr ein Spiel bestritten. Nur die Profis dürfen ran. Für Amateurkicker sieht die Statistik in der Pandemie unbestritten düsterer aus als bei Niederlechner: Mehr als 100 Tage spielfrei. Null Minuten, null Tore.

Aus dieser Perspektive ist Niederlechner nun doch zwingend zu beneiden. Er ist derzeit nicht nur der prominenteste, sondern auch der vielleicht einzige Fußballer aus dem Ebersberger Landkreis, der auf einem Spielfeld mit 21 Kollegen einem Ball nachlaufen darf. Nicht zu vergessen die Fußballerin Julia Pollak aus Ebersberg, die mittlerweile zu Einsätzen im Profiteam des FC Bayern in der Frauen-Bundesliga kommt - auch sie hat dieses Privileg. Wahrscheinlich stürmen über die Rasenplätze der Nation weitere begnadete Kicker aus Ebersberger Gefilden, die dieser Kolumne entwischt sind.

Man darf Pollak und Niederlechner ihre Privilegien dennoch guten Gewissens gönnen. Die Zeit nach der aktiven Karriere kann nämlich beschwerlich werden, das zeigt ein prominenter Ex-Profi dieses Landkreises. Der Forstinninger Thomas Hitzlsperger dürfte Bescheid wissen. In der englischen Premier-League respektvoll "The Hammer" genannt, muss sich der einstige Mittelfeldstratege mittlerweile nicht mehr um seinen harten Schuss kümmern, sondern um die ihrerseits alles anderes als weichen Regeln des Datenschutzes. Bis zu 20 Millionen Euro Strafe drohen seinem Verein wegen Verstößen. Mit dem Forstinninger Funktionär des VfB Stuttgart möchte man gerade eher nicht tauschen.

Zunehmend beneidenswert ist hingegen der Forstinninger Florian Niederlechner: Er hat seinem Tief noch vor der 1000. torlosen Minute ein Ende bereitet: Im vergangenen Heimspiel der Augsburger gegen Union Berlin war es soweit. Mit seinen 1,90 Metern stemmte er sich wie eine Eiche zwischen hohen Linden hindurch. Niederlechner erzielte zwei Treffer und bescherte seinem Klub einen 2:1-Sieg. Ein sogenannter Doppelpack, der Thomas Hitzlsperger und all den anderen beneidenswerten, begnadeten, bemühten, pensionierten oder verhinderten Kickern dieses Landkreises und Landes Mut machen dürfte. Die Krise geht irgendwann vorüber.

© SZ vom 06.02.2021
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