Tierschutz in Ebersberg:"Nelly stand kurz vor dem Hungertod"

Tierschutz in Ebersberg: Schäferhündin Nelly muss nicht noch einmal umziehen, sie darf bis zum Ende ihrer Tage in der Auffangstation bleiben.

Schäferhündin Nelly muss nicht noch einmal umziehen, sie darf bis zum Ende ihrer Tage in der Auffangstation bleiben.

(Foto: Christian Endt)

Die Fundtierauffangstation in Ebersberg kümmert sich um vernachlässigte Tiere. Das Beispiel einer Schäferhündin zeigt, wie sehr manche Haustiere in jüngster Zeit gelitten haben.

Von Jonas Braun, Ebersberg

Es gibt Fotos, die Hündin Nelly bei ihrer Ankunft zeigen. Darauf ist von ihrem dunklen Fell kaum mehr etwas übrig, sie ist abgemagert und gezeichnet von allen möglichen Krankheiten. Ihre Augen und Ohren sind eitrig, ihre Haut ist bedeckt mit Papeln und Kratzern. Die Hündin wurde im Keller eines Mannes in Vaterstetten gefunden, als Notärzte wegen des Besitzers in die Wohnung mussten. Das erzählt Evelyn Bauer von der Fundtierauffangstation in Ebersberg. Daraufhin sei sofort der Tierschutzbund verständigt worden. Der Tierarzt beschrieb Nellys Zustand als erbärmlich schlecht, erzählt Bauer. "Nelly stand kurz vor dem Hungertod."

Nelly ist 14 Jahre alt und lebt seit Januar in der Fundtierauffangstation Ebersberg. "Sie hatte keine Angst und freute sich nur über etwas zu essen und ein Bett", schildert Bauer die Anfangszeit. Die alte Schäferhundedame kann nicht mehr so gut gehen, freut sich aber dennoch über Besuch und trottet mit einem Plüsch-Kuscheltier im Maul neben Bauer her, während sie über das Gelände spaziert.

Tierschutz in Ebersberg: 24 Tiere wurden auf einem Hof im Landkreis wegen schlechter Haltung beschlagnahmt, darunter auch mehrere kleine Kaninchen.

24 Tiere wurden auf einem Hof im Landkreis wegen schlechter Haltung beschlagnahmt, darunter auch mehrere kleine Kaninchen.

(Foto: Christian Endt)

Evelyn Bauer ist eine aufgeweckte Frau mit leicht ergrauten Haaren. Sie kann zu jedem Tier eine Geschichte erzählen und erinnert sich ohne Mühe an alle Namen. Jeden ihrer Schützlinge betrachtet sie mit der gleichen Zuneigung, sei es ein Wellensittich, ein Kaninchen oder eine Katze.

Die Situation momentan ist schwierig: Tierheime in Bayern sind mit zurückgegebenen Hunden überfüllt, Tierärzte beschlagnahmen vernachlässigte Tiere und der Welpenhandel boomt weiter. "Jede Woche bekommen wir fünf bis zehn Anrufe", schildert Evelyn Bauer die derzeitige Situation. Die Anrufer sind Menschen, die ihre Hunde zurückgeben wollen, weil sie nach der Rückkehr aus dem Home-Office keine Zeit mehr für die Tiere haben. Doch auch in Ebersberg ist kein Platz: "Wir haben nur zwei Plätze für Hunde, und einer davon muss immer für Fundtiere frei bleiben", sagt Bauer.

Der andere Platz wird derzeit von Nelly beansprucht. Die Hündin sei etwa zwei Jahre völlig vernachlässigt worden, vermutet Evelyn Bauer und streichelt ihr den Kopf. Sie soll und kann nicht mehr vermittelt werden und wird deshalb ihre letzten Jahre, vielleicht auch nur noch Monate, in der Auffangstation verbringen.

Hinter dem großen Haupthaus, in dem vor allem Katzen untergebracht sind, liegt eine Grünfläche mit einem Hundeparkour - für den Nelly schon zu alt ist - und dahinter befinden sich noch Holzhäuser für Kleintiere.

Die Geschichte, die Evelyn Bauer über die Kaninchen erzählt, geht in die gleiche Richtung: "Von einem Hof im Landkreis Ebersberg wurden 24 Tiere wegen schlechter Haltung beschlagnahmt. Darunter waren alle möglichen Tiere." Bauer konnte sechs Kaninchen ein vorläufiges Zuhause schenken, darunter vier zwei bis fünf Wochen alte Babys und ihre Mutter. Die Kaninchen befanden sich allerdings noch in einer guten Verfassung.

Immer wieder bekommt Evelyn Bauer Anrufe. Mal geht es um eine gefundene Schildkröte, mal um eine verletzte Ente. "Leider können wir diese Tiere nicht aufnehmen, da wir keinen Platz und nicht das richtige Personal haben", lautet dann ihre Antwort.

Zurück im Haupthaus hört man die Schreie eines Katers. "Das ist Kimba", erzählt Bauer, "Er wurde gefunden, und der Besitzer hat sich nie gemeldet." Der rote Kater springt an der Tür hoch und kratzt gegen das Glas. Sie finde es "wirklich herzzerreißend", sagt Bauer. Die Fundtierauffangstation war eigentlich nur als Heim für Katzen gedacht, es ist Platz für 50. Die Auffangstation verfügt auch über eine Krankenstation. Die ist zurzeit voll mit Katzenbabys, die mit der Flasche aufgezogen werden müssen.

Tierschutz in Ebersberg: Für viele der Tiere hat Evelyn Bauer schon ein neues Zuhause gefunden.

Für viele der Tiere hat Evelyn Bauer schon ein neues Zuhause gefunden.

(Foto: Christian Endt)

Bei Rückgaben von Katzen kann Evelyn Bauer, wie sie erzählt, momentan keinen Anstieg feststellen, den man auf die abflauende Pandemie zurückführen könnte. Auffällig seien aber die vielen Anrufe, die sie wegen Hunden bekomme: "Bei ihnen handelt es sich meistens um nicht sozialisierte Hunde aus dem Ausland oder solche, die über Ebay gekauft wurden." Die Gründe für die Rückgaben seien meist Überforderung, Zeitmangel oder Allergien, erzählt Bauer. Annehmen könne sie die Tiere trotzdem nicht, sagt sie, sie muss auf andere Stellen verweisen.

Auch die Zahl der Hunde, die auf Autobahnen vom Zoll beschlagnahmt werden, steigt. "Erst kürzlich hatten wir zehn Hundewelpen da, bei ihnen fehlten die nötigen Papiere." Nachdem sie ihre Impfungen erhalten hatten, konnten sie allerdings weitervermittelt werden und haben nun ein Zuhause gefunden. Welpen würden sich immer gut vermitteln lassen, sagt Bauer.

Ein großer Schritt in die richtige Richtung wäre da eine Registrierungspflicht, findet die Expertin vom Tierschutzverein. Sie spricht von einer "großen Erleichterung" für Tierheime und Auffangstationen. Hunde bekommen zwar vom Tierarzt einen Chip unter die Haut, allerdings wissen die meisten Halter nicht, dass sie die Tiere zusätzlich registrieren müssen. Nur so sind sie etwa für Tierheime zuordenbar. Solch eine Registrierungspflicht würde Orten wie der Auffangstation in Ebersberg sehr helfen, weiterhin ihre wichtige Arbeit zu machen.

Wenn sie Tiere vermittelt, achtet Evelyn Bauer stets sehr darauf, wer sie bekommt. Bei jedem Tier besucht sie die Wohnung. Bevor sie Freigänger-Katzen vermittelt, überprüft sie, ob die Verkehrslage im neuen Zuhause geeignet ist. "Erzählen können die Leute ja immer viel", sagt sie. Sie spricht da aus Erfahrung, wenn man bedenkt, in welchen Zuständen die Tiere teilweise bei ihr abgegeben werden. Die Hündin Nelly ist da nur ein Beispiel von vielen.

Hier in der Auffangstation hat sie ein Zuhause, darf sich meistens frei auf dem Gelände bewegen und bekommt die nötige Zuneigung. Ihr Fell ist wieder nachgewachsen, doch man sieht noch die Spuren ihres Leids. Es ist eine traurige Geschichte mit einem Happy End.

© SZ vom 25.08.2021/koei
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