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Tierschutz in Forstinning:Charles im Garten Eden

Helga Burgmair vom Verein "Bayern Rockt Kaninchenhilfe" päppelt in Forstinning Kaninchen auf, die krank oder verwahrlost sind.

Von Franziska Langhammer, Forstinning

Wie der Charles genau dorthin gekommen ist, man wird es wohl nie erfahren. Vor einigen Monaten hoppelte er an einer Hecke neben einer Straße nahe Ergolding herum, total abgemagert. Eine aufmerksame Passantin bemerkte ihn schließlich und nahm sich seiner an.

"Wir haben uns dann in Landshut getroffen", erinnert sich Helga Burgmair. "Ich bin gleich weiter mit ihm zum Tierarzt, weil er so dünn war." Dort wurde festgestellt, dass der Charles - der übrigens so hieß, weil er furchtbar lange Ohren hatte wie der britische Thronfolger - ganz schlimme Zähne hatte. Weil seine unteren Schneidezähne alle ausgefallen waren, wuchsen die oberen immer weiter. Beißen und fressen, so Burgmair, konnte er nicht mehr. Doch in ihrer Obhut erholte sich Charles gut, und zumindest die letzten Monate seines Lebens konnte das weiß-graue Kaninchen mit den Schlappohren noch genießen. Leider musste Charles vor drei Tagen eingeschläfert werden, nachdem ein Tumor diagnostiziert worden war.

Wenn es Kaninchen schlecht geht, kommen Burgmair und ihre Kolleginnen vom Verein "Bayern Rockt Kaninchenhilfe" auf den Plan. Sie kümmern sich um verwahrloste und kranke Tiere, päppeln diese auf und vermitteln sie dann weiter. Momentan hat Helga Burgmair nur acht Kaninchen, es hoppeln aber auch schon mal 15 bis 20 Stück in ihrem Garten herum.

Wie die Tiere den Weg zu ihr nach Forstinning finden, ist ganz unterschiedlich. Manchmal werden Tiere ausgesetzt - wie wahrscheinlich auch Charles-, manchmal kommen Menschen übers Internet auf den Verein zu und melden, dass Kaninchen etwa in der Nachbarschaft schlecht gehalten werden. In solchen Fällen sprechen Burgmair und ihre Kolleginnen die Halter darauf an: "Das ist keine artgerechte Haltung." Oft heißt es dann, die Kinder, die ursprünglich ein Haustier wollten, seien groß geworden, und nun kümmere sich niemand mehr um die Kaninchen. Ungefähr die Hälfte solcher Gespräche enden damit, dass die Kaninchenretter die Tiere mit nach Hause nehmen. "Viele Leute sind froh, weil sie die Tiere als lästiges Anhängsel sehen", erzählt Burgmair. Es gebe aber auch Menschen, die ihre Tiere trotz der schlechten Haltungsbedingungen nicht hergeben wollen. "Da können wir gar nix machen", so Burgmair. "Das ist manchmal schon sehr frustrierend."

Bei Burgmairs landen die teils schwer kranken Tierchen erst mal im Garten Eden. Zehn bis zwanzig Quadratmeter hat jedes Kaninchenpaar für sich; die beiden großen, fünf Kilo schweren Kaninchen können sogar auf 200 Quadratmetern Wiese auf und ab hoppeln. Häufig ist der Grund für die schlechte Haltung, dass sich die Besitzer im Vorhinein nicht ausreichend informiert hätten, so Burgmair. Eine Vorgabe vom Verband der Tierärzte besagt, dass ein Kaninchenpaar mindestens sechs Quadratmeter Platz braucht. Die XXL-Käfige, die es im Angebot bei Baumärkten gäbe, sagt Burgmair, reichten meist von der Größe überhaupt nicht aus.

Wer an einem Kaninchen interessiert ist und auf der Homepage des Vereins fündig wird, wird von den Mitgliedern erst mal unter die Lupe genommen. "Wir sind sehr streng mit den Vorgaben", erklärt Daniela Michel, "wie viel Platz die Kaninchen im neuen Zuhause haben, welche Ernährung sie bekommen." Michel ist die Vorsitzende des Vereins und wohnt im niederbayerischen Attenhofen. 2018 haben sich die "Mädels vom Verein", wie Michel sie nennt, über Facebook kennen gelernt und zusammen getan. Dreißig überwiegend weibliche Mitglieder in ganz Bayern gibt es bisher, 15 davon sind aktiv dabei. "Hunde und Katzen haben ihre Lobby", sagt Michel. "Kaninchen sind ein stilles Thema." Und leider manchmal auch ein sehr teures: Kürzlich, erzählt sie, hätten drei Kaninchen Meinungsverschiedenheiten gehabt. Die tierärztliche Behandlung der Bisswunden und Augenverletzungen danach habe 700 Euro gekostet. Obligatorisch seien auch die halbjährlichen Impfungen, "dass unseren Mäusen ja nichts fehlt".

Helga Burgmair mit Charles.

(Foto: Christian Endt)

Diese Kosten sind kein Pappenstiel für den kleinen Verein, der sich vor allem aus Eigenmitteln und den Mitgliedsbeiträgen finanziert. Vier Pflegestellen hat die Kaninchenhilfe bei ihren Mitgliedern eingerichtet, eine davon im Dachauer Land, und eine eben in Forstinning bei Helga Burgmair, die sich ehrenamtlich um ihre Zöglinge kümmert.

Warum ihr Herz für die possierlichen Pelztiere schlage? Burgmair muss nicht lange überlegen. "Weil jedes seinen eigenen Charakter hat", sagt sie. Außerdem sei es schön, wenn sich draußen im Garten immer was rühre. "Das ist wie Fernsehen", findet sie. Etwas sorgenvoll blickt Burgmair auf den Winter. Kaninchen bekommen nur ein Winterfell, wenn sie bis September draußen gehalten werden. Nun würden aber oft Besitzer, deren Tiere ihren Stall drinnen haben, die Kaninchen im Winter einfach raus an die frische Luft setzen. "Kaninchen erkälten sich dann und kriegen einen Schnupfen, wie wir", so Burgmair.

Nicht alle Tiere vermittelt sie weiter, manche behält sie auch. So erging es auch Charles, der bis zum Schluss in seinem Paradies herumhoppeln durfte.

© SZ vom 04.12.2020
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