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Ebersberger Forst:Höhlenforscher soll Brunnen-Rätsel lösen

Die Holzdeichel am Boden des zehn Meter tiefen Brunnens könnte entscheidende Hinweise auf das Alter der Anlage geben. Der Spezialist geht von einem Baujahr zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert aus.

(Foto: Christian Endt)

Bernhard Häck wird sich als erster Mensch des Jahrtausends in den mysteriösen Brunnen im Ebersberger Forst abseilen. Schon jetzt zieht der Archäologe erste Schlüsse.

Von Korbinian Eisenberger, Ebersberg

Die Mission wird oberhalb der Luke aus Metall beginnen. Ein Dreifuß und Waldbäume sollen ein Konstrukt stabilisieren, von dem er sich eigenhändig in die Tiefe abseilt. Zehn Meter geht es hinein in den Boden, mit Klettergurt und Stirnlampe. Oben, an der Öffnung des Brunnens, werden Feuerwehrler aus Ebersberg stehen und ihn mit zusätzlichen Seilen sichern. Innen im Brunnen, in der Finsternis, muss er alleine zurecht kommen: Bernhard Häck, der erfahrene Mann vom bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Der einzige, den es bayernweit für solche Aufgaben gibt: Ein hauptberuflicher Hohlraumforscher. Ein Mann für die Schicht im Schacht.

Mittwochmittag im Ebersberger Forst. 25 Leute stehen im Wald und lauschen den gewichtigen Worten eines wichtigen Mannes. Sein Urteil wird darüber entscheiden, wie sagenhaft die rätselhafte Entdeckung unweit der Staatsstraße 2080 zwischen Forstinning und Ebersberg einzuordnen sein wird. Jedes Kind kennt hier die Sage von der weißen Frau, die unweit der Kapelle St. Hubertus in wenigen hundert Metern Luftlinie umgekommen sein soll. Aber ein Brunnen im Ebersberger Forst? Womöglich viele hunderte Jahre alt? Und damit ein Denkmal? Landrat Robert Niedergesäß spricht bei diesem Termin von "überregionaler Neugierde". Klar ist: Die Region hat ein neues ungelöstes Mysterium.

Bernhard Häck, 55, steht mit Bergstiefeln im Wald, alle Blicke auf ihm. Er ist der erste Referent, noch vor dem Landrat, dem Bürgermeister, dem Kreisheimatpfleger, dem Forstbetriebsleiter. Häck berichtet, dass er erst nach seinem Tiefgang samt Analyse eine fundierte Altersbestimmung abgeben könne. Nur so viel: "Sehr wahrscheinlich ist der Brunnen in einer Zeit zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert gebaut worden", sagt er. Davon sei etwa wegen der kindskopfgroßen Steine auszugehen. Entscheidend für die Datierung des Brunnens könnte die Bergung der Holzleitung sein, eine Deichel, die auf dem Brunnenboden steht. An den Jahresringen der Holzlatten lässt sich die Fällung eines Baumes aufs Jahr genau datieren. Weil kein Jahresring identisch ist, ähnlich wie beim menschlichen Fingerabdruck.

Gemurmel im Forst. Reicht das Alter der Deichel aus, um auch das Baujahr des Brunnens zu bestimmen? Häck steigt wieder auf den Betonsockel, der den Brunnen versperrt. Der Deckel ist sein Podium. Natürlich werde er nicht nur die vermoderten Holzleitungen aus der Tiefe hieven. Jeder einzelne Stein soll dokumentiert werden, sagt er. Schon jetzt sei absehbar, warum dort einst ein Brunnen gebaut wurde, egal ob vor oder nach dem 30-Jährigen Krieg (1618 bis 1648). Nach einer digitalen Erhebung des Vermessungsamts liefern die Aufwölbungen und Bodenstrukturen im Umfeld des Brunnens ausreichend Hinweise, wonach dort einst Ackerbau und Viehzucht betrieben wurde. In nächster Nähe des Brunnens wurden Scherben von Ton- und Keramik-Gefäßen gefunden. Die Tendenz des Denkmalschutz-Experten: "Der Brunnen wird ein Denkmal."

Denkwürdig ist diese Zusammenkunft im Ebersberger Forst schon jetzt, auch wenn bisher nur "der Verdacht eines Denkmals" bestehe, wie Häck es formuliert. Historiker Bernhard Schäfer erklärt, dass er eine Erwähnung des Brunnens aus dem Jahr 1739 in einem Klosterarchiv gefunden habe, wonach die Menschen aus Anzing und Forstinning "zu diesem Zeitpunkt schon lange Zeit das Nutzungsrecht für den Brunnen hatten". Wie lange, stehe dort nicht.

Heinz Utschig, der Forstbetriebsleiter und Hausherr des Brunnens, tritt mit einem ironischen Grinsen auf den Betonsockel und formuliert die Zukunft seines Wunschbrunnens. Nachdem der einstige Brunnenkopf wieder aufgebaut ist, könnte er sich unten drin ein mit Photovoltaik gespeistes Licht vorstellen, damit Touristen sich das Innere des Brunnens ansehen können, "wenn sie zehn Euro einwerfen", sagt Utschig, nicht ohne ein Zwinkern.

Einen Reibach werden sie mit dem Brunnen wohl erst einmal nicht machen. Damit etwa das Museum Wald und Umwelt, der Forstbetrieb, die Stadt Ebersberg oder der Landkreis von der Attraktion des Brunnens profitieren können, muss Zeit und Geld investiert werden, auch das wird bei dieser Zusammenkunft deutlich. Der einstige Ebersberger Feuerwehrkommandant und aktuelle Bürgermeister Uli Proske erklärt, dass sich die Stadt und die Freiwillige Feuerwehr mit "Arbeitseinsatz, Lagerplätzen und technischen Geräten" an der Recherche beteiligen könnten. Der frühere Wassermeister Proske (den laut Kreisheimatpfleger Thomas Warg "eine langjährige Beziehung zu Brunnen prägt") sagt, dass er an einer Einschätzung von Spezialist Häck zweifle: "Ich behaupte, dass es kein Schichtwasser- sondern ein Grundwasserbrunnen ist."

Höhlen- und Brunnenforscher Bernhard Häck wird dem berühmtesten Loch im Landkreis auf den Grund gehen.

(Foto: Christian Endt)

Es ist ein bisschen wie in der ORF-Serie "Braunschlag", wo ein ganzer Ort hofft, aus einer vermeintlichen Marienerscheinung Kapital zu schlagen. Nur dass die Ebersberger bei weitem nicht so in Nöten sind wie der fiktive österreichische Ort. Wobei auch hier Geldfragen ungeklärt sind. Später wird im Landratsamt Ebersberg eine Besprechung zum weiteren Vorgehen stattgefunden haben. Es geht um den Zeitplan. Und vor allem um die Frage, wie die Abseil-Aktion und weitere Forschungen finanziert werden.

Gemurmel weicht dem Rauschen des Waldes. Bernhard Häck erzählt jetzt von seinen Forschungen, die er seit mehr als 30 Jahren betreibt. 178 Meter ging sein tiefster Brunnen in die Erde, nie ist ihm etwas passiert. Anders als seinem Höhlenforscher-Freund Johann Westhauser, wie Häck erzählt. Der Karlsruher Westhauser wurde unfreiwillig berühmt weil ihm in der tiefsten Höhle Deutschlands ein Stein auf den Kopf krachte. Häck, selbst Höhlenforscher, hat viele Hypes erlebt, wenn sich Schächte, Höhlen und Brunnen auftaten, die er dann erkunden sollte. "Die Psychologie des Menschen", sagt er. Weil die letzten großen Geheimnisse in der Tiefe lauern.

© SZ vom 10.09.2020/koei
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