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Flüchtlinge in Ebersberg:Der lange Weg zum eigenen Zuhause

Familie Barrakat lebt in einer eigenen Wohnung,

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

1500 Asylbewerber leben im Landkreis - sie alle brauchen ein Bett zum Schlafen. Wir haben Flüchtlinge bei den verschiedenen Stationen begleitet: von der ersten Ankunft im Landratsamt über eine große Massenunterkunft bis zur ersten eigenen Wohnung.

Die Ankunft

Die Fahrt nach Ebersberg ist nicht weit, gemessen an den Kilometern, die Amadu hinter sich gebracht hat, seit er geflohen ist. Er kommt aus Sierra Leone, 6991 Kilometer gibt der Routenplaner an. 188 mal abbiegen zwischen Freetown, der Hauptstadt des westafrikanischen Staats, und Ebersberg. Wie oft Amadu, dessen wirklicher Name ein anderer ist, tatsächlich die Richtung gewechselt hat, er weiß es nicht mehr.

Schon hier im Bus, zwischen Fürstenfeldbruck, dem Erstaufnahmelager, und Ebersberg ist ihm die Orientierung abhanden gekommen. Kurz bevor der Bus an einer Ampel im Nirgendwo abgebogen ist, haben diese deutschen Sonnenstrahlen, die nicht wirklich wärmen, wenigstens ihren Weg durch den Nebel gefunden. Kurz darauf hat der Bus angehalten, die Tür sich geöffnet und sie alle ausgespuckt.

Wieder einmal steht ein Bus mit Flüchtlingen vor dem hinteren Eingang zum Landratsamt. 61 Männer aus mindestens acht verschiedenen Nationen klettern heraus, drängen sich um den Fahrer und nach ihren Tüten und Koffern. Eine Betreuerin bugsiert die Männer zum richtigen Eingang. Dort stehen sie dicht gedrängt und warten.

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Einen Monat lang hat der Fotograf Thomas Dworzak fotografiert, wie Flüchtlinge in ihrer neuen Heimat leben. Er sah, wie den Menschen aus Syrien und Afghanistan viel Hilfsbereitschaft entgegengebracht wurde - aber auch Hass und Gewalt.

Einige schleppen große Tragetaschen, in die sie ihre Habseligkeiten gestopft haben. Amadu hat einen ehemals gelben Rollkoffer an seiner Seite, der so viele Schmutzflecken hat, dass man die Farbe kaum mehr erkennen kann. Amadu hält ihn fest. Der Koffer ist sein Tisch, sein Haus, sein Kleiderschrank. Am Ende dieses Tages wird er auch wieder ein Bett haben, hofft er.

In Sierra Leone gilt immer noch der Ausnahmezustand

Amadu lässt sich mit der Menge ins Amt hinein treiben, ein paar Gänge, links, rechts, vor einer großen Weltkarte findet die Wanderung ein vorläufiges Ende. Die 37 Syrer finden sich zu einer Gruppe zusammen. Keiner der Flüchtlinge kommt aus Amadus Heimat, dem Land mit den Palmenstränden, aus dem man Bilder kennt von Kindern mit Maschinengewehren, von Kindern mit Armstümpfen oder Holzkrücken, von Menschen, die in brackigem Wasser nach Diamanten schürfen. Zehn Jahre lang herrschte Bürgerkrieg in Sierra Leone. Dann kam Ebola. Seit November ist das Land offiziell seuchenfrei, aber der Ausnahmezustand gilt noch immer. Es gehört zu den ärmsten Ländern der Welt.

Gründe gab es für Amadu genug, sein Leben im gelben Rollkoffer zu versenken. Jetzt sitzt er im Gang vor dem Ausländeramt in Ebersberg und schweigt. Andere Wartende bauen sich vor der Weltkarte auf. Viele tragen Sportjacken, Wollmützen, ein älterer Mann eine Bomberjacke. Mit dem Finger fahren sie eine imaginäre Route nach. "Ah, Mazedonia" ruft einer, "Griechenland" ein anderer.

Arabische und englische Wortfetzen fliegen durch die Luft. Sie verfolgen ihre Fluchtrouten: Serbien, Kroatien, Slowenien, Österreich, bis nach München. Ein schmächtiger Junge, der seine schwarze Wollmütze wie einen Fez auf dem Hinterkopf trägt, deutet ganz nach oben, "Island" ruft er und lacht. Als würde die Welt ihm offen stehen.

Es dauert, bis die Neuankömmlinge registriert sind

Doch dann öffnet sich eine Tür, ein Mitarbeiter steckt den Kopf heraus und ruft einen Namen. Schlagartig verändert sich die Stimmung. Stille im Gang, Spannung, der Aufgerufene schiebt sich zögerlich nach vorne. "Passport and residence authorisation" , verlangt der Beamte. Die Syrer rücken nach, bilden einen Halbkreis, die Luft schmeckt nach Angst, nach Bildern aus ihrer Vergangenheit. Bis der Junge das Gesuchte hervor zieht, alle Unterlagen da, alles okay. Die Tür schließt sich wieder, der Wall aus Leibern löst sich, die Diskussionen vor der Weltkarte setzen wieder ein.

Es dauert, bis die Neuankömmlinge registriert sind. Im schmalen Flur steht inzwischen die Luft. Die Männer gehen raus, debattieren, vergleichen ihre Zettel. Andere streifen durch die Gänge, bleiben mit ratlosen Gesichtern vor zwei großen Vitrinen mit sorgsam konservierten heimischen Vögeln stehen. Dann, endlich, tritt eine Beamtin aus der Tür, ruft die Männer zusammen, drückt ihnen Zettel in die Hände, Stadt- und S-Bahnpläne, auch Amadu bekommt einen.

Sie deutet auf je eine Zeile. "Kirchseeon", sagt sie, und wendet sich von einem zum anderen. "Kirchseeon, Kirchseeon, Vaterstetten, Kirchseeon. You must got to the train station. And you must go to the town administration." Die Männer sind aufgeregt, drängen sich um die Frau. Fragen, suchen auf dem eigenen Blatt, dem Blatt des Nachbarn, viele werden sich aus den Augen verlieren. "The station", wiederholt die Beamtin, "you know where it is?"

"When you miss the date, it's over"

Dann hat auch Amadu sein Blatt. "Grafing" hat sie gesagt. "Not Grafing station, Grafing city." Er ist der einzige, der dort unterkommt. Im Container. Mit einem tiefen Seufzer wuchtet er den Henkel seines Rollkoffers hoch, schleppt ihn vorbei an den Syrern, die noch in der Sesselgruppe vor dem Empfang sitzen, vorbei auch am großen Bildschirm, über den ein Nachrichtenticker und idyllische Winterbilder aus dem Ebersberger Land flimmern.

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Amadu hat aufgepasst, er weiß, er muss die Treppe hinunter zum Bahnhof. In der Tür zum Bahnsteig bleibt er mit einem Reifen seines Rollkoffers hängen, wuchtet das schwere Ding um die Türkante herum.

Auf dem Zettel in seiner Tasche steht der Anhörungstermin für seinen Asylantrag im nächsten Jahr. Vielleicht ist der Container nicht seine letzte Station in Deutschland. "When you miss the date", hat die Beamtin gesagt, "it's over." Auch das hat er sich gemerkt. Aber jetzt muss er erst einmal nach Grafing. "One station." Dort wird er ein Bett haben.