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Attacke auf Döner-Imbiss:"Eine organisierte rechtsextreme Szene"

Mohammed Gharibyar (links), dessen Döner-Imbiss von Rechtsradikalen überfallen wurde, mit Mitarbeiter Zadvan Abdul Rahman.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)
  • Experten sind sich einig, dass im Osten Münchens eine organisierte rechtsextreme Szene herangewachsen ist.
  • Der Angriff auf die Imbissbude eines Afghanen ist der bisherige Höhepunkt einer ganzen Reihe von rechten Straftaten in den Landkreisen Ebersberg und Erding.
  • Die Polizei bestreitet das bislang: Eine gewaltbereite rechte Szene im Raum Ebersberg könne sie nicht erkennen.

Der Überfall einer achtköpfigen Gruppe auf einen Dönerladen am Ebersberger Bahnhof vom Freitagabend mit zwei Verletzten ist der schlimmste rechtsextremistische Gewaltakt in und um München seit Jahren. Darin sind sich Ermittler und Kenner der rechten Szene einig. Für Miriam Heigl von der städtischen Münchner Fachstelle gegen Rechtsextremismus ist es eindeutig, dass im Raum Ebersberg "eine organisierte rechtsextreme Szene" herangewachsen ist. Die Polizei bestreitet das bislang.

Doch der Angriff mit einem Messer, Hämmern und einem Baseballschläger auf die Imbissbude eines 41-jährigen Afghanen ist der bisherige Höhepunkt einer ganzen Reihe von rechten Straftaten in den Landkreisen Ebersberg und Erding. Die Landtags-Grünen haben am Montagabend reagiert und wollen von der Staatsregierung wissen, welche Verbindungen die Ebersberger Angreifer zur rechtsextremen Szene haben.

Im Januar tauchten bereits am S-Bahnhof in Grafing Schmierereien auf, die einen Deportationszug, Menschen am Galgen und Hakenkreuze zeigten. Damals hatte die Erdinger Kriminalpolizei "eine Häufung von Propagandadelikten im Raum Grafing" eingeräumt. Im März erhielt ein griechisches Gastwirtsehepaar in Kirchseeon ausländerfeindliche Drohbriefe und -anrufe, von April bis Juli wurden in Poing und Ebersberg massenhaft neonazistische Aufkleber angebracht. Im August verteilte die Neonazi-Partei "Der Dritte Weg" Flugblätter in Altenerding, Ende Juli wurde dort ein Wohncontainer für Flüchtlinge mit Neonazi-Parolen beschmiert.

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Und nur zwei Tage nach dem Ebersberger Überfall wurden die Erdinger Moschee und zwei Flüchtlingsunterkünfte in der Nacht zum Montag mit ausländer- und islamfeindlichen Parolen verunstaltet. Einen Zusammenhang der jüngsten Vorfälle gebe es nicht, heißt es aus der Abteilung Staatsschutz der Kripo Erding. Eine gewaltbereite rechte Szene im Raum Ebersberg kann sie auch nicht erkennen. Max Ganser, der ermittelnde Staatsschutz-Beamte, sagt nach dem brutalen Überfall vom Freitag: "Es gibt überall welche, die zu stark rechts tendieren, genauso wie nach stark links."

Robert Andreasch von der antifaschistischen Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (Aida) nennt derlei Aussagen "eine Unverschämtheit": "Es wird alles an den Start gebracht, was verharmlosend wirkt." Für ihn ist klar: Oberbayern ist derzeit einer der Schwerpunkte der Aktivitäten von Neonazis. In Markt Schwaben etwa gebe es eine Wohngemeinschaft von Münchner Nazis, auch Germering, Geretsried, Wolfratshausen und Landsberg seien ein Brennpunkt, sagt Andreasch.

Neonazis leben oft unerkannt in der Gesellschaft

Dass etwa im Fall der Grafinger Schmierereien kein Täter gefasst wurde, verwundert ihn nicht: "Die Polizei hat keine Ahnung, wie Neonazis sich organisieren." Rechtsextreme seien nicht immer eine klar benennbare, hierarchisch organisierte Gruppe am Rande der Gesellschaft, sondern - Andreasch nennt das Beispiel Pegida, bei deren Kundgebungen seit Jahresbeginn polizeibekannte Neonazis offen auftreten - oft mitten in der Gesellschaft zu finden: "Ich glaube, dass die Polizei falsch sucht."

Die Tatverdächtigen des Angriffs in Ebersberg sind derweil wieder auf freiem Fuß, gegen vier von ihnen wird wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Ken Heidenreich, Sprecher der Staatsanwaltschaft München II, kann keine Tötungsabsicht erkennen: "Nur wenn jemand ein Messer mitbringt, ist er noch kein versuchter Totschläger."

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