Das ist schön:Als Fassbinder weinte

Bei den Filmkunstwochen München sind zwei überwältigenden Filme von Douglas Sirk zu sehen.

Von Fritz Göttler, München

Vom Tod hat das Kino seine stärksten Momente geborgt, Trauermärsche, Sterbeszenen, Beerdigungsmessen, da spielt es groß auf. Einer der stärksten dieser Momente ist das Ende von "Imitation of Life", 1959, dem ultimativen Melodram von Douglas Sirk: Kaskaden von weißen Blumen, vier weiße Pferde ziehen den Wagen mit dem Sarg, Mahalia Jackson singt "Trouble in the World". Es war der letzte Film von Douglas Sirk, der in Hollywood durch atemraubende Stilisierungen die beschädigten amerikanischen Träume auf die Leinwand brachte. Danach zog er sich ins Tessin zurück, hat noch hin und wieder Theater gemacht, auch im Residenztheater, in den Siebzigern gestaltete er mit den Studenten der HFF München ein paar Übungsfilme. An diesem Wochenende ist "Imitation of Life" wieder zu sehen, im Kino, Thomas Kuchenreuther zeigt ihn bei den Filmkunstwochen, in seinem Kino abc.

"Sirk hat gesagt, man kann nicht Filme über etwas machen, man kann nur Filme mit etwas machen, mit Menschen, mit Licht, mit Blumen, mit Spiegeln, mit Blut ..." Rainer Werner Fassbinder hat das geschrieben, er sah Anfang der Siebziger sechs Sirkfilme und notierte dann ausführlich seine Erfahrungen damit. Im Kino gewesen. Geheult. Das hat sein Filmemachen radikal verändert.

Fatalismus ist der Motor der Melodramen

Wenn man "Imitation of Life" sieht, im Kino zumal, fängt man etwa nach der Hälfte instinktiv an sich am Sitz festzuklammern, sich zu wappnen gegen das traurige Ende, die Flut der Tränen, Fatalismus ist der Motor der Melodramen. Lana Turner spielt eine egozentrische Schauspielerin, die versessen ist auf Erfolg am Broadway und ihre Tochter abspeist mit Luxus. Die andere Mutter ist afroamerikanisch, Juanita Moore als Annie, eine erschreckende Helikoptermama. Sie spart für ein glorreiches Begräbnis.

Dass die Menschen nicht allein leben können, aber auch nicht gemeinsam, das hat Fassbinder damals verzweifeln lassen in den Filmen von Douglas Sirk. Annies Tochter ist die tolle Susan Kohner, sie hat eine sehr helle Hautfarbe und verleugnet deshalb ihre Mutter: I am white white white ... Es kann einem das Herz zerreißen, wenn sie schließlich doch ein zerbrechliches "Mama" flüstert und eine Umarmung hinkriegt. Als ihr Freund das mit ihrer Abstammung mitkriegt, schleudert er ihr das N-Wort entgegen und schlägt sie brutal zusammen.

Am nächsten Wochenende zeigt Thomas Kuchenreuther einen weiteren Sirk-Klassiker, "Written on the Wind", Obsessionen in einer texanischen Ölmilliardärsfamilie. Auch hier muss die Liebe viel kaputt machen, damit am Ende wenigstens ein kleines Happy End rauskommt. Dass man diese Filme noch einmal im Kino sehen kann, das ist schön. Und dass man es dort tun kann, wo sie einst Fassbinder zum Heulen brachten, das ist besonders schön.

© SZ/chj/blö
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