Ehrung:Wie es wirklich war

Ehrung: Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises: Autor David Van Reybrouck (links), neben ihm Oberbürgermeister Dieter Reiter.

Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises: Autor David Van Reybrouck (links), neben ihm Oberbürgermeister Dieter Reiter.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der belgische Historiker und Publizist David Van Reybrouck erhält in diesem Jahr den Geschwister-Scholl-Preis in der LMU. In seiner Dankesrede wagt er einiges.

Von Thomas Kirchner

Von Mut ist viel die Rede am Dienstagabend in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität. Das liegt nahe bei der Verleihung eines Preises, der nach den Geschwistern Scholl benannt ist. Wie die beiden und ihre Mitstreiter der Weißen Rose sich dem NS-Regime entgegenstellten, das war mutig. Nein, noch mehr, das Wort reicht nicht hin. Sie bezahlten mit ihrem Leben. Sie wussten es. Und taten es trotzdem.

So groß sind diese Taten, dass es einer Anmaßung gleichkommt, ein Buch auszuzeichnen, das "an das Vermächtnis der Geschwister Scholl erinnert". Lukas Bärfuss spürt das. "Wie kann es jemand wagen?", fragt der Schweizer Schriftsteller in seiner Lobrede auf den diesjährigen Preisträger, den belgischen Historiker und Publizisten David Van Reybrouck. Auch die Preisverleiher, die Stadt München und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, wissen um das Gefälle, das sich hier auftut, zumal am Ort des historischen Geschehens. Deshalb muss ein Werk auch nur "im weitesten Sinne" an jenes Vermächtnis erinnern. Daneben soll es von "geistiger Unabhängigkeit" zeugen und geeignet sein, "bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut zu fördern".

Ehrung: Hält die Laudatio: der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss.

Hält die Laudatio: der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wie hat Van Reybrouck das eingelöst mit "Revolusi", dem im Original 2020 erschienenen Buch, in dem er die Befreiung Indonesiens von der niederländischen Kolonialherrschaft darstellt? Dazu muss man das besondere Verhältnis der Niederländer zu ihrer kolonialen Vergangenheit kennen. Es war bis vor Kurzem eher ein Nicht-Verhältnis. Vieltausendfaches Abschlachten der einheimischen Bevölkerung, jahrhundertelange Ausbeutung eines riesigen Gebiets am anderen Ende der Welt: Davon wollte man allzu lange nichts wissen; wenn doch, wurde vieles beschönigt. Und dann kommt der Belgier Van Reybrouck und knallt den Niederländern nach sechs Jahren Arbeit - auf eigene Faust, ohne akademische Einbindung, ohne größere öffentliche Förderung - 750 Seiten an den Kopf, in denen er Hunderte Zeitzeugen erzählen lässt, wie es damals wirklich war. Das Buch zeigt eine riesige Lücke im historischen Bewusstsein der Nachbarn auf. Und das tut auch weh. So weh, dass sogar die linksliberale Zeitung Volkskrant in ihrer Rezension Van Reybroucks eigentliche Intention, den Hinweis auf die mangelnde Aufarbeitung der Geschichte, nicht mit einer Silbe erwähnte.

Mutig war auch schon das vorherige Buch über den Kongo (2010), in dem Van Reybrouck seinem eigenen Land einen Spiegel der Untaten vorhielt, die es in der früheren Kolonie begangen hat. Mutig war das Manifest (2008), in dem er "Populismus" nicht als Gegensatz, sondern als Ergänzung der Demokratie begreift; ebenso das Pamphlet "Gegen Wahlen", in dem er 2013 forderte, Bürger in die Gesetzgebung einzubinden, die wie im alten Athen durch Los bestimmt werden - eine zunächst kontraintuitive Idee, die in Form von Bürgerräten weltweit aufgenommen worden ist, demnächst auch in Deutschland.

"Die höchste Ehre, die mir jemals zuteilgeworden ist"

Mutig ist es von Van Reybrouck, die Dankesrede für die "höchste Ehre, die mir jemals zuteilgeworden ist", als fiktiven Brief an "Sophie" und "Hans" zu gestalten. Darin erzählt ihnen der Geehrte von seinem nächsten Buchprojekt, das vom Kolonialismus und der Zerstörung der Erde handelt, dieser "größten Herausforderung unserer Zeit". Darf man sich auf diese Art gemein machen mit den Kämpfern wider die alles vernichtende Nazi-Diktatur? Es mag einige in der Aula geben, in der neben Stadträten und Oberbürgermeister Dieter Reiter auch Nachfahren der Weißen Rose wie der Enkel von Christoph Probst und der Neffe von Alexander Schmorell sitzen, die das für heikel oder gar nicht ganz statthaft halten.

Mutig, fast waghalsig ist es schließlich, wie Laudator Bärfuss versucht, jeglichen möglichen Stolz über die oft gelobte deutsche Vergangenheitsbewältigung, die als Gegen- und Vorbild zur niederländischen im Raum steht, zu unterbinden. Auch die Deutschen, sagt er, hätten mit der Kolonie in Neu-Guinea eine "indonesische Geschichte", und auch im Umgang mit ihr komme es zu "Verschleierung, Täuschungen, Halbwahrheiten". Er belegt das mittels einer Schnellrecherche, die sich auf die Schnelle nicht überprüfen lässt. Dass die Deutschen "keine Ahnung" haben "von der indonesischen Gegenwart", wie er sagt, und dass dies den Antisemitismus-Skandal auf der letztjährigen Documenta rund um das indonesische Künstlerkollektiv Ruangrupa begünstigt hat, wird kaum jemand bestreiten wollen.

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