Dachauer Todesschütze:Die Chronik des Falls

Mitten im Gerichtssaal des Amtsgerichts Dachau feuerte er um sich und traf einen jungen Staatsanwalt tödlich. Nun wird Rudolf U. in München der Prozess gemacht. Der schwerkranke Angeklagte verfolgt den Prozess von einem Krankenbett aus. Nun ist er gestorben.

Von Anna Fischhaber

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Quelle: Niels P. Joergensen

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Mitten im Gerichtssaal des Amtsgerichts Dachau feuerte er um sich und traf einen jungen Staatsanwalt tödlich. Dann wurde Rudolf U. in München der Prozess gemacht. Der schwerkranke Angeklagte verfolgte die Verhandlung vom Krankenbett aus, nun ist er gestorben..

Trauer, Entsetzen, Fassungslosigkeit: Im Amtsgericht Dachau sind am Tag nach der Bluttat alle Verhandlungen abgesagt. Vor der Tür hat jemand ein Blumengesteck niedergelegt. Der Staatsanwalt Tilman T. ist am 11. Januar 2012 von einem Angeklagten im Gerichtssaal getötet worden.

Staatsanwalt im Amtsgericht Dachau erschossen

Quelle: dapd

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Nach der Tat wurde Rudolf U. von der Polizei abgeführt. Er war eigentlich wegen Veruntreuung und Vorenthaltung von Arbeitsentgelt vor Gericht gestanden. Der Transportunternehmer hatte Sozialversicherungsbeiträge in Höhe von 44.000 Euro nicht gezahlt. Der Dachauer Amtsrichter verurteilt ihn deshalb zu einer einjährigen Bewährungsstrafe. Noch während der Urteilsbegründung zog der 54-Jährige plötzlich eine Waffe aus seiner Jacke.

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Quelle: npj

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Sechs Schüsse feuerte Rudolf U. aus einer Pistole ab. Er zielte auf den Richtertisch und den 31-jährigen Staatsanwalt. Der Richter, der Protokollführer und die Verteidigerin konnten sich wegducken, der junge Staatsanwalt wurde von zwei Kugeln in die Hand und dann in die Hüfte und in die Schulter getroffen. Zwei Zollbeamte, die als Zeugen geladen waren, konnten den Mann schließlich überwältigen.

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Quelle: Niels P. Joergensen

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Ein Notarzt reanimierte den verletzten Staatsanwalt. Doch die Verletzungen waren so schwer, dass die Ärzte im Amperklinikum in Dachau den Mann nicht retten konnten. Trotz einer Notoperation starb er am selben Tag um 17 Uhr. Der 31-Jährige hatte erst im Januar 2011 bei der Staatsanwaltschaft am Landgericht München angefangen. Er hinterlässt eine Ehefrau.

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Quelle: Niels P. Joergensen

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Bereits wenige Minuten nach dem Notruf rückten die ersten Streifenwagen der Dachauer Polizei an. Die Beamten stürmten mit schusssicheren Westen und Maschinenpistolen den Verhandlungssaal und ergriffen den Täter.

Im Gericht trafen sie auf verängstigte Menschen. Ein Jugendgerichtshelfer hatte sich in der Toilette eingesperrt, als er die Schüsse hört. "Es hätte ja auch ein Amokläufer sein können", sagte er später.

Angeklagter erschießt Staatsanwalt im Amtsgericht Dachau, 2012

Quelle: Niels P. Joergensen

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Eine Debatte über die Sicherheit an deutschen Gerichten entbrannte. Am Abend nach den tödlichen Schüssen machte sich Justizministerin Beate Merk vor Ort ein Bild der Lage und erklärte: Eine absolute Sicherheit könne nicht erreicht werden, man könne nicht aus jedem Gerichtsgebäude eine Trutzburg machen. Es habe sich um ein Routineverfahren gehandelt. Um "ein Verfahren, in dem kein Mensch damit rechnen konnte, dass so etwas passiert".

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Quelle: DAH

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Doch was treibt einen Mann zu so einer Tat? Noch dazu nachdem das Routineverfahren gegen ihn mit einer Bewährungsstrafe eigentlich glimpflich ausgeht?

Der Täter lebte allein. Keine Ehefrau, keine Kinder, erzählen Nachbarn. Mit seinem Transportunternehmen in Dachau hatte er wenig Glück. Nach Auftragsrückgängen, Pfändungen und einer Insolvenz erlitt er 2009 einen Schlaganfall. Zuletzt lebte er von Hartz IV. Kurz vor der Verhandlung soll er im Dachauer Schlosscafé gleich beim Amtsgericht laut geworden sein. Als er das Café verließ, hatte er zwei Bier getrunken.

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Quelle: Niels P. Joergensen

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Die Waffe, eine belgische Armeepistole vom Kaliber 6,35 Millimeter, hatte Rudolf U. illegal erworben - und brachte sie völlig unbemerkt von zu Hause mit ins Gericht. In seiner Wohnung wurden keine weiteren Waffen gefunden, dafür ein Vorrat an Munition.

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Quelle: Alessandra Schellnegger

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Die Münchner Staatsanwaltschaft erhob Anfang April Anklage wegen Mordes und dreifachen versuchten Mordes gegen den Transportunternehmer. Sie ging davon aus, dass Rudolf U. aus Hass auf die Justiz so gehandelt hatte. Die Staatsanwaltschaft zeichnete das Bild eines Querulanten, der es nicht duldet, dass andere Personen über sein Verhalten urteilen. Rudolf U., der nach Stadelheim in U-Haft kommt, äußerte sich zunächst nicht. Er leidet an Diabetes, ein Bein wurde amputiert.

Straub vor Gericht

Quelle: dpa

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Zunächst sah es so aus, als bliebe die Tat ungesühnt: Die Amputation seines zweiten Beines lehnte Rudolf U. ab, er verweigerte nun jede medizinische Hilfe. "Mein Mandant hat schon vor Monaten erklärt, er wolle nicht mehr leben", sagte sein Verteidiger. Ein Gutachter erklärte den Angeklagten schließlich für verhandlungsunfähig. Sollte sich der Mann nicht behandeln lassen, werde er bald sterben. Der ursprünglich auf den 23. Oktober angesetzte Prozess platzte.

Todesschütze Dachau, Amtsgericht Dachau

Quelle: dapd

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Schließlich stimmte Rudolf U. überraschend der Amputation seines zweiten Beins zu. Am 5. November begann der Prozess, im Gerichtssaal ist ein Krankenbett aufgestellt - doch der Angeklagte erscheint zunächst nicht. Wegen seines schlechten Gesundheitszustandes muss er erneut operiert werden. Am zweiten Tag kommt er doch - und legt sogleich ein Geständnis ab: "Ich habe den Staatsanwalt erschossen", erklärt er und räumt ein, dass er auch den Richter töten wollte. Als es um sein Motiv geht, wurde der schwerkranke Angeklagte auf seinem Krankenbett laut.

Prozess gegen Dachauer Todesschuetzen

Quelle: dapd

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Für Aufsehen sorgte beim Prozess vor allem Wahlverteidiger Maximilian Kaiser. Mal verließ der Anwalt wutentbrannt den Gerichtssaal, weil die Kammer ihn nicht zum Pflichtverteidiger seines insolventen Mandanten machen wollte - und seine Bezahlung damit nicht gesichert ist. Zum Ende stellte er noch eine Vielzahl von Anträgen - darunter sogar einen auf Einstellung des Verfahrens. Die Anwälte der Familie des Opfers nannten sein Auftreten "geschmacklos". Schließlich wurde Rudolf U. zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Landgericht München II stellte zudem eine besondere Schwere der Schuld fest. Damit ist eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren kaum möglich. Nun, ein halbes Jahr später, ist der Mann im Gefängnis verstorben.

© Süddeutsche.de/afis/sonn/bavo
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