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Theater:Psychogramm eines Zerrissenen

Die Welturaufführung von "Ludwig Thoma - eine Selbstzerstörung" zeichnet die Wandlung vom genialen Satiriker zum antisemitischen Hetzer nach.

Von Dorothea Friedrich, Dachau

Was ist (Theater-)Traum, was war Realität in Ludwig Thomas Leben? Wer nicht gerade ein ausgewiesener Kenner des Literaten ist, mochte sich am Freitagabend nach der Premiere von "Ludwig Thoma - eine Selbstzerstörung" denken: "Vorhang zu und viele Fragen offen". Warum dieser Satz, den der Großkritiker Marcel Reich-Ranicki stets am Ende des "Literarischen Quartetts" sagte und damit Bertolt Brechts Ausspruch in "Der gute Mensch von Szechuan" ummünzte? Weil dieses Stück, das die Ludwig-Thoma-Gemeinde ausdrücklich zum 150. Geburtstag Thomas bei Norbert Göttler, Bezirksheimatpfleger, Schriftsteller, Publizist und Fernsehregisseur, in Auftrag gegeben hatte, in einer Collage Leben und Werk Thomas in vielen Facetten beleuchtet. Und weil in die ohnehin mit reichlich Personal gespickte Handlung zudem Ausschnitte aus dessen Werk integriert waren.

Thoma - Eine Selbstzerstörung

Im Zwiegespräch mit alten Weggefährten werden auch die menschlichen Abgründe des berühmten Literaten Ludwig Thoma eindrucksvoll ausgelotet.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Da fühlte sich der eine oder die andere im Publikum zumindest am Anfang etwas überfordert. Doch eine spontane Umfrage unter etlichen Zuschauern zeigte am Ende: Die Absicht Göttlers und der Ludwig-Thoma-Gemeinde ist aufgegangen: "Ob sein Privatleben und seine politische Einstellung am Lebensende die Sicht auf sein Werk beeinflussen, muss jeder selbst entscheiden", hatte Göttler bei einem Gespräch mit der SZ Dachau kurz vor der Premiere gesagt. Diese war übrigens eine veritable Welturaufführung. Die Reaktionen des Publikums: "Ich weiß nicht mehr, was ich von Thoma halten soll." - "Er war ein Charakterschwein." - "Mir egal, wie er war: Seine Sachen sind großartig." - "Wie kann ein Mensch sich nur so ändern?"

Die Mitwirkenden

Darsteller: Wolfgang Möckl, René Rastelli, Angelika Mauersich, Dominik Härtl, Snezana Eckl, Edi Hörl, Thomas Westermaier, Christian Gerling, Franz Baur, Elena Schiffner, Markus Kurbanoglu, Hansi Kron, Brigitte Fiedler, Reiner Seuß, Leander Möckl, Norbert Göttler, Hansjörg Berghammer, Rotraut Wolf, Andreas Wagner, Fini Kron, Regie: Ben Möckl, Bühnenbild: Vroni Schober, Thomas Westermaier, Kostüme und Requisiten: Gertrud Weber, Inspizienz: Christa Horbelt, Technik: Tommy Bredenpohl, Musik: Philipp Doben, Maske: Carola Walter, Souffleuse: Heike Sohnemann, Organisation: Edi Hörl. dfr

Was aber machte den Einstieg in dieses Psychogramm eines Zerrissenen für manchen so schwierig? Vielleicht beschreibt das ein Satz, den Thomas Verleger Albert Langen (ein geduldiger Mahner: Edi Hörl), Gründer der Satirezeitschrift Simplicissimus, bei seinem ersten Auftritt sagte: "In der Literatur sind die Übergänge fließend." Denn Langen erscheint Thoma (hervorragend und ganz in seiner Rolle aufgehend: Wolfgang Möckl) im Traum. Der einst so gefeierte Star der Literaturwelt hockt in seinem letzten Lebensjahr einsam, krank und verbittert in seinem Haus auf der Tuften bei Rottach-Egern. Langen ist aber nur einer von vielen Weggefährten und Protagonisten seiner Werke. Auch der Fabrikant Wilhelm Käsebier (René Rastelli als eine Art guter Geist) tritt auf. Er bleibt, während alle anderen mit Ausnahme des Malers, Grafikers und Karikaturisten Olaf Gulbransson (Thomas Westermaier als Freikörperkultur-Fan) wieder entschwinden.

Eine Steilvorlage für die Thoma-Gemeinde

Die Menschen aus seiner Vergangenheit erinnern Thoma daran, wer er einmal war: der Autor, der mit spitzester Feder seine Finger in die Wunden der Zeit legte, gegen Ungerechtigkeiten und absolutistisches Gebaren von Staat und Kirche anschrieb, für seine Überzeugungen sogar für sechs Wochen ins Gefängnis Stadelheim ging. Käsebier zeigt ihm, wie messerscharf er in seinen Werken Menschen charakterisierte. Eine Steilvorlage für die Thoma-Gemeinde, die etliche seiner heute noch strahlkräftigen Szenen spielte, also Literatur in ihrer schönsten Form auf die Bühne brachte. Der - ganz im Gegensatz zu seinem literarischen Vorbild - eher sanftmütige Käsebier scheitert jedoch mit seiner Goodwill-Tour. Weder lässt sich Thoma von seiner (realen) Besessenheit für die verheiratete Maidi von Liebermann (grandios zwischen Leidenschaft und Pflichterfüllung zerbrechend: Angelika Mauersich) abbringen noch von seinen (ebenso realen) rassistischen Hetzartikeln im Miesbacher Anzeiger. Für letztere bedarf es zum bösen Schluss kaum der Überredungskünste des Apothekers Fritz Salzberger (Franz Baur als faustischer Mephistopheles mit niederträchtig verführerischem Gehabe und Stimme).

Was aber bleibt nach diesem streckenweise aufwühlenden Abend? Es bleibt der Respekt vor der großartigen schauspielerischen Leistung der etwa 20 Darsteller der Ludwig-Thoma-Gemeinde. Sie haben oft gleich mehrere Rollen übernommen und diese souverän gemeistert. Es bleibt eine hohe Anerkennung für den erst 17-jährigen Regisseur Ben Möckl. Dieser hat zudem entsprechend dem ausdrücklichen Wunsch Göttlers die "Urfassung" des Stücks bearbeitet und den Wünschen der Theatergruppe angepasst. Es bleibt die Erinnerung an die Musik Philipp Dobens, die in manchmal schrillen Tönen Thomas kaum zu begreifende Wandlung vom genialen Satiriker zum üblen antisemitischen Hetzer nachvollzieht. Es bleibt aber vor allem die Frage, die sich auch bei Richard Wagner oder bei den Profiteuren und Mitläufern des Nazi-Regimes stellt: Kann man Leben und Werk trennen?

© SZ vom 03.04.2017/gsl

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