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SZ-Serie: Bauen in Dachau, Folge 8:Darf's noch ein bisschen mehr sein?

An Dachaus Stadteinfahrten ist in den vergangenen Jahren neue und teils sehr dichte Wohnbebauung entstanden, auch im Gewerbegebiet wurde viel gebaut. Die architektonische Qualität ist dabei allerdings oft sehr unterschiedlich. Und auch der Stadtrand braucht etwas Grün zur Naherholung

Von Gregor Schiegl

Seitdem Paul Havermann vor mehr als 25 Jahren sein Atelier in Stetten bei Schwabhausen bezogen hat, befährt der Künstler die Strecke bei schönem Wetter öfter mit dem Fahrrad. Auf der Fahrt zurück nach Dachau sieht er jedes Mal schon von weitem einen fünfgeschossigen Gebäuderiegel, der wie ein auf Grund gelaufenes, graues, abgetakeltes Schlachtschiff am Ortseingang von Dachau liegt und den Stadteingang zu versperren scheint.

Von Webling

Hat man Webling passiert, kommt alsbald der Verkehrskreisel, der einem die Wahl lässt, an der ersten Ausfahrt in das Quartier Udldinger Weiher einzufahren oder den direkten Weg nach Dachau zu nehmen. Geradeaus fallen Havermann links neben dem bereits erwähnten überdimensionierten Gebäudekomplex zwei nicht ganz kleine aber trotzdem gut und pfiffig gestaltete Hauseinheiten auf. In jeder Einheit sind je vier Reihenhäuser mit drei Geschoßen integriert.

"Die Wucht der Bauwerke wird durch die, in farbigem Holz gefassten und ausgeführten obersten Stockwerke reduziert", lobt Havermann. "Mit diesem Gestaltungsmittel erringen sie trotz gewisser Masse eine Leichtigkeit, die durch die Farbgebung in Rot und Blaugrau und der sorgfältigen Detailplanung noch unterstrichen wird. Auch die hochwertigen Fenster, die zweifarbig ausgeführt sind, die Gestaltung der Außenbeleuchtung, der Briefkästen und der gesamten Eingangssituation ist die überlegte Komposition von Architektenhand." Ganz anders, was links und rechts davon zu sehen ist: Nach hinten, links reihen sich bis zu sechsgeschossige eintönige Wohnungsbebauungen an. "Die teilweise mit Wellblech verkleideten Fassaden, wohl als Aufwertung gedacht, werden zum Alibigestaltungsmittel, die vermeintlich gefällige in Gelb und Rot ausgeführte Farbgestaltung wirkt dazu einfach nur banal."

Rechts vor den Reihenhäusern und dann parallel zur Augsburger Straße verlaufend kann man dann ein Lehrstück von einfachster Bauträgertätigkeit erfahren: "Von Architektur kann hier nicht mehr die Rede sein, denn das wäre ja Baukunst, es ist nur noch ein Zusammenstellen von restlos begrenzter Formen- und Materialsprache. Ein Lehrstück wie offensichtlich mit billigsten Zutaten ein Maximum an Gewinn erzielt werden kann. Verzweifelt wendet man den Blick nach rechts und sucht Erleichterung. Gleich hinter dem künstlichen Wall, der, um den Schallschutz für die dahinterliegende Wohnbebauung zu gewährleisten, nachträglich noch schnell, von Amtswegen hingebastelt wurde, wird es zuerst nicht besser. Die drei noch gar nicht so alten Punkthäuser sind echte Geschwister des vorher gesehenen Schlachtschiffes und haben schon die erste Sanierung hinter sich. Wer es nicht glaubt, möge sich selbst ein Bild machen.

Es geht auch anders. Sofort in der Blickverlängerung stehen weitere vier Wohnanlagen, die den Ausmaßen der Punkthäuser ähnlich sind. Jedoch allein nur in den Ausmaßen! Von den großzügigerer und detailreicheren Außengestaltungen, über die differenzierte und gut abgestimmte Farbgebung, den weiten Fenstermaßen mit wertigeren, unter Putz verbauten Jalousiekästen, die Balkonbrüstungen in unterschiedlich farbigen und filigranen Holzstäben ausgeführt, ergeben insgesamt ein viel feineres und reicheres Erscheinungsbild. Auch so etwas kann und sollte Bauträgerarchitektur leisten!"

Udldinger Weiher

Schon sind wir mitten drin im Quartier Udldinger Weiher. "Hier sind noch zwei Beispiele von Bauträger-Wohnanlagen zu sehen, beide von den gleichen Architekten geplant, allerdings mit offensichtlich ganz verschiedenen Vorgaben der Auftraggeber, die dann in ihrer baulichen Qualität, der Erscheinung und Ausführung nicht unterschiedlicher sein könnten. Wieder ein Riegel von Wohnungen, bei welchem hilflos versucht wurde mit grünem, appliziertem Farbdekor, der dann im Obergeschoss nach Westen hin immer spärlicher wird, zu retten, was noch zu retten ist - vergebens. In der Verlängerung stehen dann vier, farbig unterschiedlich gestaltete Mehrfamilienhäuser. Ob Farbe, integrierte Rollladenkästen, Fensterformate, möge sich der Leser auf einem seiner vielen Corona-Spaziergänge selbst ein Bild machen, man muss nicht Architektur studiert haben, um die eklatanten Unterschiede zu erkennen.

Paul Havermann

Paul Havermann war Gründungsmitglied des Architekturforums Dachau. Als Kunstlehrer unterrichtete er an Dachaus Schulen und in Mailand. Er begleitete Bau und Gestaltung vieler Gebäude seiner Heimatstadt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Belohnt wird der Flaneur auf seinem Rundgang noch mit einer sehr gut gestalteten, lang gezogenen, doppelten Reihenhausanlage, der die gestalterische Kraft, trotz einiger Um-, An- und Ausbauten nicht auszugehen scheint. Dazu kommen noch drei sehr schön gestaltete Einfamilienhäuser, zwei in klassischer Massivbauweise, davon eines mit Klinkerfassade, das andere mit einer dezenten Farbgebung und einem Akzent in Rotorange in den Laibungen, das dritte ein in Ziegelrot gefasstes Holzhaus."

Schleißheimer Straße

"Nähern wir uns Dachau von Osten, so wird man kilometerlang vom Schleißheimer Kanal begleitet. Einst gebaut als Transportweg für die Ziegel des neuen Schlosses in Schleißheim und später in einem ausgeklügelten Kanalsystem weitergenutzt als Verbindung für die Gondeln zwischen dem Dachauer Schloss, dem Schloss Schleißheim, Nymphenburg und der Münchner Residenz. Leider ist heute von dieser bedeutenden barocken Einzigartigkeit nur noch ein kleiner Rest zu sehen.

Am Ortseingang, markiert durch einen Verkehrskreisel, fällt der Blick rechts auf ein Gebäudeensemble, das nicht gerade zum weiteren Verweilen einlädt. Hotel, Wohnungen, Filialbäckereiladen, gestaltet ohne jegliche Ambition. Leider verdeckt dieses banale Gebäude das dahinterliegende, lang gestreckte Gebäude der Firma NAT, ein Industriebau, wie man ihn sich für ein Gewerbegebiet nur wünschen kann. Aus den gut gestalteten Außenanlagen erhebt sich ein in Glas, Stahl, zum Teil auf sichtbaren Betonstützen stehender Büro und Verwaltungsbau. Die klare Gliederung, die technische Gestaltung und der über zwei Geschoße gehende Schriftzug machen das gute gesamte Erscheinungsbild aus."

Der Traum vom Bürgerpark Südost

Das letzte Stück des Schleißheimer Kanals, einem historisches Baudenkmal von europäischem Rang, wurde im Stadtgebiet Dachaus schon vor dem Zweiten Weltkrieg mit Erde zugeschüttet. An der inneren Schleißheimer Straße wurde später eine Allee gepflanzt, parallel dazu verläuft heute ein Radweg. Bis zur Theodor-Heuss-Straße ist dieser Weg stadtauswärts großzügig umrahmt von Bäumen und Gehölzen, doch sobald man den Stadtteil Dachau Ost erreicht hat, schrumpft der Grünstreifen zusehends. Der erst nach dem Krieg entstandene Stadtteil ist dicht bebaut, das Wohngebiet Dachau-Ost zwischen Würm- und Alte-Römer-Straße hat keinerlei Anschluss an Frei- und Erholungsflächen, weshalb sich eine Bürgerinitiative für einen Bürgerpark neben dem Seeber-Gelände aussprach. Diese Forderung nahmen zahlreiche Stadtratsfraktionen auf, etwa die SPD oder das Bündnis für Dachau, das sogar ein Ratsbegehren forderte. "Der Bürgerpark-Südost eröffnet einen Korridor zum so wichtigen Naherholungsgebiet Karlsfelder See", argumentierte die Gruppierung damals. Heute ist das kleine Areal immer noch kein Park, sondern eine verwilderte Brache, auf der Bauschutt lagert. Künstler Bruno Schachtner aus Dachau Ost hatte die Idee, die meterhohen Stahlträger, an der einst eine riesige Bautafel angebracht war, mit Kunst zu bespielen, bis der Park hergestellt ist. Doch wie von Dachaus Bürgermeister Kai Kühnel zu erfahren ist, hat ein das Rechtsgutachten der Stadt gegeben, dass eine Enteignung des Grunds für einen Park nicht rechtens wäre; das Verkaufsangebot vom Eigentümer soll "unredlich hoch" gewesen sein. "Und ohne Zugriff auf das Areal kann kein Park gestaltet werden." gsl

Weiter nach Dachau hinein, man hat eben die fast schon vom Verkehr erstickte Kreuzung Alte Römerstraße passiert, liegt zur linken Seite das riesige Gelände der ehemaligen Fabrik Schuster. Gerade entstehen hier die ersten Bauten. "Auf das Ergebnis darf man gespannt sein. Der neuhinzukommende Verkehr lässt jedoch die schlimmsten Befürchtungen erwarten. Im hinteren Teil bleibt wohl noch für einige Zeit das Areal der Filmkulissen für die Heimatserie 'Dahoam is dahoam'.

In Richtung Innenstadt entstanden in den vergangen Jahren immer mehr neue Wohnbebauungen von unterschiedlichsten Qualitäten. Überhand nimmt aber eine immer gleichbleibende banale Gestaltung von Wohnanlagen, an der man exemplarisch beobachten kann, wie mit einfachsten Mitteln, immer wieder die gleichen ideenlosen Gestaltungsprozesse abgerufen werden. Hier ist keine Architektenhand gefragt; ein Druck auf die Tastatur des Computers genügt, das konditionierte Programm spuckt angepasst an die Grundstücksgröße das immer gleiche langweilige aber für den Bauträger effiziente, kostenoptimierte Verkaufsprodukt aus. Sie leben nur einmal, es ist nicht egal wo, so ein Bauträger-Slogan. Es ist aber anscheinend egal wie! Übrig bleiben zugepflasterte fußballfeldgroße Betonwüsten, als gäbe es kein Morgen mehr. Jedes Mal, wenn in Dachau wieder ein Grundstück ausgeräumt und abgeholzt wird, muss man fürchten, dass sich diese Bau-Pandemie gleichsam wie eine visuelle Körperverletzung weiter durch Dachau frisst."

Von Karlsfeld

"Kommt man von Süden, von Karlsfeld über die vierspurige Schnellstraße, besser sinnlose Rennstrecke nach Dachau, die einst gefeiert zu den Olympischen Spielen 1972 entstand, so stellt man ernüchtert fest, dass sich linker Hand in den vergangenen 20, 25 Jahren ein Gewerbegebietsviertel im Discountcenter-Charme breitgemacht hat. Würde man nur die riesigen Parkplätze mit Wohnungen oder Büroflächen überbauen, der sündhaft teure Grund wäre für eine maßvolle, bessere Nachverdichtung genutzt. Auch rechter Hand entstand ein Mischgebiet aus Wohnungen, Kleingewerbe und Gastronomie. Gestalterisch kein Höhepunkt, im Sommerhalbjahr durch das Blattwerk der gepflanzten Bäume weniger sichtbar. Mit etwas mehr Grün vor, um und an den Häusern wären so manche architektonischen Wunden besser zu kaschieren, vielleicht gar zu heilen und brächten zudem noch einen klimatischen Mehrwert."

Folge 9 widmet sich Dachaus Grünflächen.

© SZ vom 12.06.2021
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