Nach AOK-Kündigung Schwerer Schlag für Hausärzte

Nachdem die AOK ihren Vertrag mit den Hausärzten gekündigt hat, steht nach Ansicht der Medizinger im Landkreis Dachau die Zukunft vieler Praxen auf dem Spiel. Mit gravierenden Folgen für Patienten.

Von Wolfgang Eitler

Die Diagnose ist eindeutig: Dachaus Hausärzte befinden sich zum Jahreswechsel in einem depressiven Zustand. Allerdings nicht wegen psychosomatischer oder psychologischer Ursachen, sondern wegen handfester politischer Fakten und Niederlagen zum Jahresende in Bayern. Andreas Schneider aus Erdweg, Mitglied im Vorstand des ärztlichen Kreisverbands, fürchtet um die Existenz der Hausarztpraxen auch im Landkreis.

Dachaus Hausärzte fürchten um ihre Zukunft.

(Foto: dapd)

Der neue stellvertretende Vorsitzende Hans-Ulrich Braun hofft jetzt auf Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP). Von ihm wünscht er sich im neuen Jahr einen Vorstoß zum Vorteil der Hausärzte und damit einer wohnortnahen Versorgung in ganz Deutschland.

Vergangene Woche ist der Versuch eines geschlossenen Ausstiegs aus den Krankenkassen auf der Nürnberger Versammlung der Hausärzte gescheitert. 39 Prozent der versammelten Ärzte stellten sich auf die Seite ihres umstrittenen bayerischen Vorsitzenden Wolfgang Hoppenthaler, der nach der Niederlage von seinem Amt zurücktrat. Gleichzeitig kündigte die AOK als größte gesetzliche Krankenkasse den Hausärztevertrag auf.

Die erste Niederlage nimmt Andreas Schneider noch gelassen hin. Er hätte es besser gefunden, wenn die bayerische Staatsregierung sich vermittelnd in den Konflikt zwischen Hoppenthaler und den Krankenkassen eingeschaltet und nicht gegen den Verband der Hausärzte Partei ergriffen hätte.

Er rechnete auch nicht mit einem politischen Erfolg dieser Aktion und wertet die 39 Prozent für Hoppenthaler schon als dessen persönlichen Erfolg.

Aber die Kündigung des Hausarztvertrags durch die AOK empfindet er als schweren Schlag, der die niedergelassenen Ärzte in der Existenz bedrohe. Dabei geht es Schneider nicht nur ums Geld ("Die Summen sind eher gering."), sondern um den künftigen Stellenwert der wohnortnahen Versorgung.

Der besondere Vertrag mit der AOK wies den Hausärzten eine Art Schlüsselfunktion zu. Sie betreuten ihre Patienten komplett; sie kontrollierten auch die Ergebnisse der Untersuchungen und Therapien bei den Fachärzten und in den Kliniken. Schneider bedauert: "Diese Aufgabe haben wir jetzt verloren."

"Es wird falsch verteilt"

Aber genau sie sei wichtig gewesen, um langfristig ein funktionierendes und auch sparsames Gesundheitssystem aufzubauen, sagt Hans-Ulrich Braun aus Karlsfeld. Dadurch können beispielsweise Doppeluntersuchungen verhindert werden. Braun bedauert die AOK-Kündigung, weil dieses neue Hausärztesystem jetzt erst richtig angelaufen sei. Denn seit kurzem hätten sich auch die Betriebskrankenkassen angeschlossen.

Die Frage, ob sie einem Abiturienten raten würden, heute noch Medizin zu studieren, beantworten beide mit einem klaren Ja. Aber ob es ratsam ist, noch Hausarzt zu werden, müsse die Politik entscheiden. Braun sieht Gesundheitsminister Rösler gefordert. Wenn er ein funktionierendes System wolle, dürfe er nicht die Hausärzte beschneiden.

Der Karlsfelder Arzt ist der Ansicht, dass im Gesundheitssystem genügend Geld vorhanden ist. "Es wird nur falsch verteilt." Beide Dachauer Ärztevertreter wollen sich nicht aus dem Kassensystem verabschieden. Braun, der in einer Gemeinschaftspraxis in Karlsfeld tätig ist, sagt zum gescheiterten Aufstand der Hausärzte in Nürnberg: "Wir haben uns dagegen entschieden, weil die Versorgung der Patienten nicht mehr gesichert gewesen wäre."