Erinnerungskultur:"Ein Kern meiner Arbeit ist das Erinnern"

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Erinnerungskultur: Zur NS-Zeit waren im KZ Dachau zahlreiche Geistliche inhaftiert, nur etwa die Hälfte überlebte. Als Pastoralreferentin an der Gedenkstätte ist es Judith Einsiedel ein Anliegen, die Erinnerung an alle Opfer lebendig zu halten. Dazu sucht sie auch den interreligiösen Dialog.

Zur NS-Zeit waren im KZ Dachau zahlreiche Geistliche inhaftiert, nur etwa die Hälfte überlebte. Als Pastoralreferentin an der Gedenkstätte ist es Judith Einsiedel ein Anliegen, die Erinnerung an alle Opfer lebendig zu halten. Dazu sucht sie auch den interreligiösen Dialog.

(Foto: Toni Heigl)

Judith Einsiedel war bereits in mehreren Pfarrverbänden im Raum München tätig. Doch ihre neue Tätigkeit als Pastoralreferentin an der KZ-Gedenkstätte Dachau unterscheidet sich davon fundamental. Sie umfasst auch Friedensarbeit und Rassismusprävention

Von Eva Waltl, Dachau

Das Innere einer Kirche ist für Judith Einsiedel bereits seit ihrer Kindheit ein bedeutungsvoller Ort. Viele Wochenenden verbrachte sie auf den hölzernen Bänken der Kirche ihrer Heimatpfarrgemeinde und lauschte den Orgelklängen ihrer Großmutter, die heute auf mehr als 70 Jahre Organistinnendasein zurückblickt. "Die Orgelempore war für mich als Kind ein Stück Heimat", erzählt Einsiedel. Nun hat die 42-Jährige als Pastoralreferentin in der KZ-Gedenkstätte in Dachau eine neue Heimat gefunden. Eine Aufgabe, auf die sie ihr Werdegang intensiv vorbereitet hat, die sie dennoch in der Anfangszeit bereits überrascht hat und in die sie hofft, neue Impulse einbringen zu können.

"Das Arbeiten an der KZ-Gedenkstätte ist etwas ganz anderes als das Arbeiten in der Pfarrei", sagt Einsiedel. In den vergangenen vier Jahren war sie in verschiedenen Pfarrverbänden im Raum München tätig. Das Wirken an einem historischen Ort wie Dachau sei für sie "sehr eindrucksvoll". Bereits während ihrer Studienzeit hat sich Einsiedel mit den Themen Gedenkkultur, Shoa, Rassismusprävention und Friedensarbeit vertieft beschäftigt. Studienaufenthalte in Israel sowie zwei Volontariate für die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste bereiteten sie auf das Amt vor und seien auch "wichtige Bausteine für die Dachaubewerbung" gewesen, erzählt sie.

Sie selbst wuchs in einer "klassisch katholischen Familie" auf, erzählt sie, war Mitglied bei den Pfadfindern, dem Kirchenchor und leitete gemeinsam mit anderen Jugendlichen die Kinderbibeltage - allesamt "sehr positive Erfahrungen mit der Kirche". Aber es waren nicht nur die Gruppenaktivitäten, sondern vor allem auch das Zusammentreffen mit "prägenden Religionslehrern", die für sie richtungsweisend gewesen seien. "Ich hatte inspirierende Lehrer, die selbst glaubten, was sie sagten und um einige Fragen auch rangen." Sie seien authentisch gewesen, erzählt sie. Genau deswegen hätten sie sie auch für den Glauben begeistern können.

Die Entscheidung, den Weg der Pastoralreferentin einzuschlagen, festigte sich endgültig, als Einsiedel mehr über das Berufsbild recherchierte. Auch ihr einjähriger Au-Pair-Aufenthalt in Rom sensibilisierte sie grundlegend für theologische Themen. "Hier hat mich alles was mit Rom, dem Vatikan und der Theologie zu tun hat, beeindruckt", erinnert sie sich. Es folgte das Studium fürs Gymnasiallehramt in Würzburg und anschließend das Studium der Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Dort besuchte sie auch die Begleitausbildung für angehende Pastoralreferenten. Nun kommt sie nach Dachau.

Mit neuen und altbewährten Impulsen möchte sie der seelsorgerischen Arbeit an der KZ-Gedenkstätte nachgehen. Die Geschichte des Konzentrationslagers und der Opfer aufrechtzuhalten, sieht Einsiedel auch als Aufgabe der Kirche. "Ein Kern meiner Arbeit ist das Erinnern und das Nicht-Vergessen", sagt sie. Dass sie nun mit ihrer Tätigkeit in Dachau zum Gedenken beitragen kann, an dem Ort, wo ab 1940 mehr als 2700 Geistliche inhaftiert waren, von denen fast die Hälfte das KZ nicht überlebte, zu, sei für sie besonders wertvoll.

Einsiedel sieht sich als Pastoralreferentin in der Rolle, die Menschen für die Vergangenheit zu sensibilisieren, wofür sie - neben den zahlreichen Historikern, die in der KZ-Gedenkstätte tätig sind - ihr theologisches Profil nutzen möchte: "Wichtig ist mir, dass Friedensgebete und Gottesdienste stattfinden und dass wir stellvertretend für die hier Ermordeten und deren Angehörigen beten", zählt sie auf. Sie will Ansprechpartnerin vor Ort sein, im kommenden Jahr selbst auch Rundgänge leiten und für Schulklassen ein offenes Ohr haben. "Es ist auch meine Aufgabe, Rede und Antwort zu stehen", sagt sie. Neben der Erinnerungskultur gibt es noch ein weiteres "Herzensthema", das Einsiedel als Pastoralreferentin in der KZ-Gedenkstätte miteinbringen möchte: der interreligiöse Dialog. - Welche Gemeinsamkeiten haben die verschiedenen Religionen? Was verbindet sie? "Während meines Studienaufenthalts in Jerusalem hatte ich auch jüdische und muslimische Dozenten. Das war ein großes Geschenk." Nun hofft sie, die Veranstaltungen und Zielgruppen der KZ-Gedenkstätte interreligiös zu erweitern - gemeinsame Projekte mit Juden, Christen und Muslimen und dahingehend auch die Jugend stärker mit einzubeziehen.

In ihren ersten sechs Wochen gewinnt Einsiedel bereits einen Einblick in die Arbeit an der Gedenkstätte und ist begeistert, wie lebendig der Ort doch ist: "Es sind so viele engagierte Menschen jeden Alters, Organisationen und Einrichtungen, die hier zusammenwirken, weil ihnen die Erinnerung wichtig ist. Das ist sehr eindrucksvoll", sagt sie.

Welcher denn nun der eindrucksvollste Moment seit ihrem Start in Dachau gewesen sei? Einsiedel überlegt nicht lange: "Vor einigen Tagen konnte ich einen Zeitzeugen besuchen, der selbst in der Versöhnungskirche gewirkt hat und mir nun seine Geschichte erzählt hat." Das mache die Arbeit in Dachau so besonders, dass es ein Ort ist, der Begegnungen und Auseinandersetzungen zwischen den Generationen ermöglicht und fordert.

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