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Kunst in Dachau:Meditation über das Menschsein

Die Galerie Lochner zeigt Druckgrafiken von Antoni Tàpies. Die Werke des katalanischen Künstlers fordern den Betrachter. Doch die Mühe lohnt sich

Mehr als 600 Besucher haben die Grafiken des Op-Art-Künstlers Victor Vasarely in der Dachauer Galerie Lochner gesehen; rein zahlenmäßig war es bislang die erfolgreichste Ausstellung in der kleinen Dachauer Galerie, die seit einem Jahr immer wieder Druckgrafiken international renommierter Künstler zeigt. Jetzt ist in dem kleinen Raum an der Konrad-Adenauer-Straße 7 ein Teil des druckgrafischen Oeuvres des katalanischen Künstlers Antoni Tàpies (1923-2012) zu sehen. Er zählt neben Pablo Picasso, Joan Miró und Salvador Dalí zu den wichtigsten spanischen Künstlern der jüngeren Geschichte. "Ich bin gespannt, wie die Ausstellung ankommt", sagt Josef Lochner, der diese kleine Schau gemeinsam mit Gerhard Niedermair gewohnt souverän konzipiert hat.

Waren die vorangegangenen Ausstellungen von Victor Vasarely und Alex Katz ein Fest der Farben und Formen, ist Antoni Tàpies ein Künstler, der vor allem mit der stofflichen Struktur des Materials arbeitet. Brüche und Risse der Oberfläche, nicht selten Symbole hineingekratzt in die Farbe, kennzeichnen seine Bilder. Diese schroffe Plastizität bewahren auch seine technisch raffiniert ausgeführten Druckgrafiken. Zu sehen sind Arbeiten aus den Jahren 1980 bis 1998, so dass man auch noch einen Blick auf Tàpies' frühe Phase als Surrealist erhaschen kann, ehe er umschwenkte zur informellen Kunst.

Galerie Lochner

"Personnage assis" kann man als sitzende Person sehen oder als Kreuz oder als beides.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Opulent oder gar schwelgerisch ist keine der Arbeiten. Seine auf wenige gedeckte Farben reduzierte Palette erinnert an Naturmaterialien: Aschgrau, massives Kohleschwarz, Blut- oder Eisenrot und die mannigfaltigen Ockertöne der Erde, vereinzelt auch ein wenig Gold. Diese gedämpften Töne stehen in bewusstem Gegensatz zur schrillen Buntheit von Werbung und Konsumwelt. "Meine Malerei ist eine Meditation über die Natur des Menschen", sagte Tàpies einmal. Und Meditation erfordert Konzentration auf das Wesentliche.

Im Mittelpunkt der Lithografie "Oval gris" sieht man eine eiförmige graue Fläche vor einem halbtransparenten bräunlichen Hintergrund, ein dickes schwarzes Kreuzsymbol prangt darunter. Zwischen gestischen Graustrichen erkennt man einzelne Buchstaben und am linken Rand einen hingekritzelten Stuhl. Antoni Tàpies hat über die Jahrzehnte eine eigene künstlerische Ausdrucksform voller Chiffren und Symbole entwickelt. Die Buchstabenfolge "AT" beispielsweise steht einerseits für Antoni Tàpies selbst, aber auch für die innige Verbindung des Künstlers zu seiner Frau Teresa. Manche Schriftzüge sind unleserlich und bleiben rätselhaft, manche wirken wie magische Formeln. Tàpies sah in seiner Malerei selbst etwas Magisches, ja, etwas Alchemistisches, bei dem gewöhnliche Materialien durch die Kunst zu etwas Erhabenem veredelt werden.

Galerie Lochner

In der Grafik "Chaise et pied" verbindet Tàpies profane und quasi-sakrale Motive.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Tàpies ist ein radikal moderner Künstler, seine Bilder sind weder gegenständlich noch im eigentlichen Sinne abstrakt, und doch haben seine Arbeiten eine urwüchsige, archaische Kraft. Fast wie ein sakrales Werk erscheint der Druck "Personnage assis", der in der Galerie Lochner passenderweise wie ein Altarbild zwischen zwei Ziersäulen der Galerie hängt, die, nebenbei gesagt, früher mal ein Whirlpool-Geschäft war. Die "sitzende Person" erscheint als Kreuz, das sich in kräftigen Konturen goldfarben vom schwarzen Hintergrund abhebt. Symbol und Gestalt verschmelzen hier, und Tàpies gelingt sogar das Kunststück, den dynamischen Strich mit einer kontemplativen Ruhe im Ausdruck zu vereinen. Das Kreuzsymbol taucht in seinen Bildern sehr häufig auf. "Todesbesessenheit" warfen ihm deshalb manche Kritiker vor. Doch das ist ein Missverständnis. Das Kreuz hat bei Tàpies viele Bedeutungen: Es kann spirituelles Symbol sein oder einen Standort markieren wie auf einer Karte.

Ein großes Thema für Antoni Tàpies, der sich auch intensiv mit Buddhismus und fernöstlicher Philosophie befasst hat, ist das Leiden als inhärentem Bestandteil des Lebens. Immer wieder hat er sich mit der Frage befasst, wie man mit der Trauer, wie man mit dem Schmerz umgehen soll. Das ist wohl auch der Grund, warum man in seinen Bildern immer wieder Füße, Augen, Hände sehen kann. "In gewissem Sinne sind die Bilder, in denen ich menschliche Körperteile, Füße, Beine, Arme darstelle, mit Exvoten vergleichbar, jenen Wachsnachbildungen von Gliedern und Organen, die die Gläubigen bei uns in die Kirchen bringen", erläuterte der Künstler einmal. Mit Exvoten versuchten die Gläubigen ihren Gebeten um Heilung mehr Erfolgschancen zu verleihen.

Galerie Lochner

Die raue Optik macht auch den Reiz seiner Arbeiten aus.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Ästhetik von Tàpies' Bildern mit ihren rauen Oberflächen und den eilig hingekritzelten Zeichen erinnern nicht von ungefähr an geheime Botschaften auf Mauerwerk. Das Wort "tàpies" bedeutet im Katalanischen "Mauer". In der Zeit der Franco-Diktatur waren die Hauswände Barcelonas zudem übersät von Widerstandsparolen. Auf Antoni Tàpies muss das großen Eindruck gemacht haben. Als glühender Katalane nahm er auch die Streifen der Senyera, der katalanischen Flagge, als gestalterisches Element in seiner Kunst auf. Der Legende nach stammen die roten Streifen vom Blut des in einer Schlacht tödlich verwundeten Adligen Guifré el Pilós, auch bekannt als Wilfried der Haarige. In der Farblithografie "Clau del Foc VIII" ähneln die roten Streifen auf gelbem Grund verwischten blutigen Fingerabdrücken.

Nicht selten gelten Grafiken ja als randständiges Produkt im Oeuvre eines Künstlers - doch dies meist völlig zu Unrecht. Antoni Tàpies war ein Meister der grafischen Künste, davon kann man sich in der Galerie Lochner selbst überzeugen. Gerade die radikale Reduktion macht Tàpies' Werke so faszinierend. "Zeichnet man die Dinge nur andeutungsweise, so ist der Betrachter gezwungen, sie mit eigener Imagination zu ergänzen", so der Künstler. "Das zwingt zu einer Teilnahme des Betrachters, einer Beteiligung am kreativen Prozess." Für diesen Prozess sollte man sich Zeit nehmen. Es lohnt sich.

Antoni Tàpies - Druckgrafiken: Ausstellung bis 19. April in der Galerie Lochner, Konrad-Adenauer-Straße 7. Öffnungszeiten: Donnerstag, 16 bis 19 Uhr, Samstag, 12 bis 15 Uhr und Sonntag, 14 bis 17 Uhr.

© SZ vom 13.02.2020