Streit um Wassernutzung:Der Verteilungskampf hat begonnen

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Tannenhof Oberweilbach

Damit die kleinen Christbäume vom Tannenhof Oberweilbach bis zur Weihnachtszeit groß und schön sind, brauchen sie Licht, Nährstoffe und jede Menge Wasser. Tatsächlich gleicht der Bewässerungsteich eher einem kleinen See. Das Hauptproblem ist, dass der Betrieb Wasserschichten anzapfen muss, die für die Trinkwasserversorgung wichtig sind.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Für seinen Tannenhof braucht Stefan Spennesberger viel Wasser. Deswegen hat er einen Brunnen gebohrt und tiefere Schichten angezapft als erlaubt. Nun geht der Fall vors Gericht: Das Landratsamt fürchtet um die Sicherheit des Trinkwassers, der Landwirt bangt um seine Existenz.

Von Helmut Zeller, Dachau

Die Versorgung mit sauberem Trinkwasser ist für die meisten Bewohner im Landkreis Dachau eine Selbstverständlichkeit. Tatsächlich ist seine Qualität sehr hoch - noch. Die Nitratbelastung variiert in den einzelnen Gebieten, liegt aber jeweils im einstelligen Bereich und damit deutlich unter dem EU-Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter. Allerdings warnen Experten vor den langfristigen Auswirkungen des Nitrateintrags durch die Landwirtschaft auf das Grundwasser und den Folgen des Klimawandels. Vor diesem Hintergrund verhandelt das Verwaltungsgericht München am 14. Dezember über die Klage eines Unternehmers aus der Gemeinde Hebertshausen gegen den Landkreis Dachau. Das Gericht muss entscheiden: Hat in diesem Fall der Schutz des Grundwassers oder das wirtschaftliche Interesse des Klägers mehr Gewicht?

Landwirt Stefan Spennesberger hat 2016 für seinen 22 Hektar großen Tannenhof Oberweilbach beim Landratsamt den Bau eines Brunnens beantragt. Noch während das Genehmigungsverfahren lief, begann er mit dem Neubau. Das war auch rechtens, wie Sina Török, Pressesprecherin des Landratsamtes, erklärt. "Er kann schon mit dem Bohren anfangen, aber nicht bis zum Tiefengrundwasser." Doch dann das bittere Ende: Die Behörde ordnete jetzt den Rückbau des nicht genehmigten Brunnens für die Christbaumzucht an. Die Begründung: Er reiche zu tief und gefährde die Trinkwasserversorgung. An dem Prüfverfahren war auch das Wasserwirtschaftsamt beteiligt.

Für seinen Betrieb wäre der geforderte Brunnenrückbau eine "Katastrophe"

Wasserfachleute sprechen von drei Stockwerken mit Grundwasser im Erdreich, die durch undurchlässiges Gestein voneinander geschieden sind: das Tiefengrundwasser in der unteren Tertiärschicht, das künftigen Generationen als Trinkwasserreservoir vorbehalten bleiben soll; das Wasser in der oberen Tertiärschicht, aus dem heute das allermeiste Trinkwasser, in Bayern 90 Prozent, entnommen wird sowie das Grundwasser in der Schicht darüber, der Quartärschicht, aus der allein Wasser für eine landwirtschaftliche Nutzung abgepumpt werden soll und darf.

Spennesbergers Brunnen aber reiche tiefer und beeinflusse deshalb die Trinkwasserversorgung, sagt Török. Die Pressesprecherin betont, dass ihre Behörde dem Landwirt und der Baufirma keinesfalls eine Absicht unterstelle. Sie räumt sogar ein: Der Brunnen stehe auf einem Gebiet, in dem es praktisch keine Quartärschicht gebe. Landwirt Spennesberger wollte nicht Stellung nehmen, weil es sich, wie er sagt, um ein laufendes Verfahren handelt. Nur so viel: Für seinen Betrieb wäre der geforderte Brunnenrückbau eine "Katastrophe".

Die Gerichtsverhandlung findet vor dem Hintergrund einer umweltpolitischen Debatte über den Schutz des Trinkwassers statt, die von den Grünen im Kreistag im März 2019 angestoßen worden ist. Wegen des Klimawandels würden zunehmend Interessenskonflikte zwischen landwirtschaftlicher Bewässerung und Trinkwasserversorgung entstehen, erklärte die Fraktionssprecherin Marese Hoffmann. Tatsächlich ist es nicht immer möglich, zur Bewässerung Oberflächenwasser oder gespeichertes Niederschlagswasser zu verwenden, weshalb dann auf Grundwasser zurückgegriffen werden muss. Die Grünen wollten von der Verwaltung die fachlichen Grundlagen der Genehmigung in solchen Fällen wissen.

Landrat Stefan Löwl (CSU) beantwortete die Fragen online im Forum des Bürgerdialogs. Das Landratsamt und die Vertreter landwirtschaftlicher Interessen würden das Grundwasser als "höchstes Gut, das strikt geschützt und vorrangig der öffentlichen Trinkwasserversorgung vorbehalten bleiben soll", bewerten. Bedingt durch den Klimawandel und damit einhergehende häufigere Trockenphasen greife man in der Landwirtschaft allerdings verstärkt auf Grundwasserbrunnen zurück. Eine Nutzung des Tiefengrundwassers werde nur in Ausnahmefällen und unter strengen Auflagen bewilligt. Es darf zum Beispiel keine Gefahr der Verunreinigung bestehen.

Eine wenig befriedigende Antwort für die Grünen und den Bund Naturschutz im Landkreis. Es bleiben Fragen offen. Zwar liegt die Nitratbelastung des Grund- und Trinkwassers weit unter dem EU-Grenzwert. "Das Dachauer Trinkwasser ist sehr gut, sogar eines der besten in Bayern", sagt Pressesprecherin Török. Damit das so bleibt, muss das Grundwasser geschützt werden. Dem bayerischen Landwirtschaftsministerium zufolge ziehen sich entlang der nördlichen Landkreisgrenze, über Altomünster und Hilgertshausen-Tandern, in die Nachbarlandkreise Neuburg-Schrobenhausen und Pfaffenhofen einzelne Äcker, unter denen das Grundwasser zu hoch mit Nitrat belastet ist. Eine zu hohe Nitratbelastung im Wasser kann krebserregend sein. Deshalb müssen betroffene Landwirte strenge Auflagen befolgen. Vor allem müssen sie ihre Düngermenge, die Hauptgrund für die Nitratverseuchung ist, um 20 Prozent reduzieren. So sieht es eine Verschärfung der Düngemittelverordnung vor, die seit eineinhalb Jahren in Kraft ist. Doch bezweifeln die Landwirte die Ergebnisse der Messungen durch die Behörden.

Das Tiefengrundwasser soll geschont werden

Grünen-Kreisrat Roderich Zauscher, Vorsitzender des Bundes Naturschutz, meint, dass der Nitrateintrag im Landkreis sich in Grenzen halte, da die intensive Viehwirtschaft mit ihrem hohen Anfall an Dünger (Mist, Jauche) nicht dieses Ausmaß wie in anderen Landesteilen habe. Dennoch warnt er: Ein massiver Nitrateintrag aus der intensiven Düngung von Ackerflächen könnte sich erst über die Jahre im Grundwasser bemerkbar machen. Anders sieht es mit Böden, Flüssen und oberflächennahem Wasser aus. Das Wasser aus Hausbrunnen in den Gärten etwa stammt aus geringer Tiefe und ist mit Nitrat und Pflanzenschutzmitteln belastet.

Die Verunreinigung des oberflächennahen Grundwassers - der Hauptquelle des Trinkwassers in Bayern - nimmt zu. Laut Umweltministerium sind ungefähr 30 Prozent der Grundwasserkörper mit Rückständen aus der Landwirtschaft belastet. Das Tiefengrundwasser soll geschont werden, die Wasserversorger sollen belastetes Grundwasser mit Filteranlagen aufbereiten. Laut Umweltbundesamt verbraucht eine Person in Deutschland täglich 120 Liter sauberes Wasser - das könnte durch den Klimawandel zu einem nicht mehr erschwinglichen Luxus werden. Denn wenig Niederschlag und anhaltende Dürreperioden bremsen die Grundwasserneubildung.

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