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Handwerk in der Krise:Schnipp, schnapp, Hoffnung weg

Thomas Kraus in seinem Friseursalon. Wann er wieder öffnen darf, ist unklar.

(Foto: Toni Heigl)

Die Friseure im Landkreis Dachau kämpfen finanziell ums Überleben. Schon wieder. Nachdem viele im ersten Lockdown keine staatliche Hilfe bekamen, gehen sie jetzt erneut leer aus. Experten erwarten eine Insolvenzwelle

Von Eva Waltl, Dachau

Bei Anruf läuft ein Tonband ab. Die Stimme klingt, als würde sie ein Unglück verkünden. Und so ist es auch: "Bis voraussichtlich 14. Februar bleibt der Salon geschlossen. Wir hoffen, dass wir danach wieder für Sie da sein können." Ende der Ansage. Seit Mitte Dezember sind alle Friseurgeschäfte in Bayern geschlossen, und die finanzielle Lage der etwa 50 Betriebe in der Stadt Dachau ist ernst. Das ist noch milde ausgedrückt. Die sogenannten Soforthilfen des Bundes erwecken nur dem Namen nach den Anschein schneller Geldauszahlungen. Doch bis es so weit ist, müssen die Friseurmeister einen großen bürokratischen Aufwand bewältigen - und nicht wenige fallen dennoch durchs Raster. Friseure und Friseurinnen haben der SZ von ihrem Überlebenskampf in der Corona-Pandemie erzählt.

Thomas Kraus vom Salon "Toms Haarkult" in Dachau ist auf die Sofortzahlung der Regierung angewiesen, denn spätestens seit dem zweiten Lockdown sind Rücklagen, die ohnedies für betriebliche Notfälle gebildet worden sind und einem andauernden Betriebstillstand nicht standhalten, längst verbraucht. Bevor der Handwerksmeister aber auf eine finanzielle Hilfe hoffen kann, muss er erst einmal einen Wust an Papieren durcharbeiten. "Wir bekommen die Fixkosten lediglich erstattet, wenn wir im Vergleich zum Vorjahr Einbußen nachweisen können." Anspruch auf die Sofortzahlungen haben nur jene Betriebe, die einen Umsatzeinbruch von mindestens 30 Prozent nachweisen können.

Auch für die Salons von Dennis Maiwald fällt die Unterstützung weg, denn in den Wochen vor der erneuten Schließung im Dezember vergangenen Jahres, "dem umsatzstärksten Monat im Jahr", ist der Ansturm auf Maiwalds Läden wie auf viele andere in Dachau extrem hoch gewesen. "Wir haben im Dezember lediglich 25 Prozent weniger Umsatz gemacht", erklärt Dennis Maiwald. Das gerät den Betroffenen jetzt zum Nachteil: Ihnen fehlen fünf Prozent Einbußen, um die Förderung zu erlangen. Dabei benötigt Maiwald die finanzielle Hilfe dringend, denn auch er kann betriebliche Kosten nicht mehr mit den Einnahmen decken.

Es geht ja schon ein Jahr lang so, seit Frühjahr 2020. Während des ersten Lockdowns mussten die Betriebe etwa sechs Wochen lang geschlossen bleiben und mit enormen Umsatzausfällen zurecht kommen. Auch damals war der Andrang auf die Dachauer Friseursalons nach der Wiedereröffnung groß. Die Dachauer Köpfe wollten frisiert werden. Friseure schnitten, föhnten und färbten unter strengen Auflagen. Thomas Kraus konnte sich dann mithilfe des Kurzarbeitermodells und Urlaubsausgleich noch über Wasser halten. Aber ewig würde er, wie er schon damals wusste, nicht schwimmen können.

Wie Thomas Kraus stürzten sich viele Geschäftsinhaber in Unkosten, um die geforderten Hygienemaßnahmen zu erfüllen. "Die Standards waren sehr hoch", sagt Kraus. Die Salonbetreiber mussten viele Anschaffungen tätigen und auch der Arbeitsablauf wurde erschwert. "Aber wir haben das alles in Kauf genommen, um weiter arbeiten zu können", so Kraus. Etwa drei Monate konnten Kraus und seine Mitarbeiter arbeiten und damit auch den Umsatzverlust verringern.

Dann, Mitte Dezember, wieder Lockdown. Der Frust sitzt tief. "Wir haben alles umgesetzt, um dann doch nicht arbeiten zu dürfen", beklagt Thomas Kraus. Maiwald erging es genau so. Auch er hat Investitionen getätigt, um seine Mitarbeiter und Kunden vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen. "Ich habe noch 500 Stück der FFP-2-Masken besorgt", sagt Maiwald. Drei Tage später folgte die Schließung seiner Läden. Finanzielle Unterstützung bekam er nicht. "Während der Öffnungsperioden nahmen wir gerade so viel ein, um keinen Anspruch auf das Geld zu haben."

Thomas Kraus vom Salon "Toms Haarkult" in Dachau blickt in eine ungewisse Zukunft. Seine Rücklagen sind komplett aufgebraucht.

(Foto: Toni Heigl)

Bundeskanzleramtschef Helge Braun (CDU) war kürzlich äußerte sich bestürzt über das Video der Friseurin Bianka Bergler. Sie hat einen Salon in der Dortmunder Innenstadt. Unter Tränen schilderte sie in mehreren Instagram-Clips, wie es ihr und ihren Angestellten im Lockdown ergeht. Sie kritisierte auch die ausbleibende Hilfe der Politik. "Deshalb müssen wir jetzt alles dransetzen, dass Hilfen schnell ausgezahlt werden", sagte Helge Braun am Samstag in einem Gespräch mit dem Sender RTL. Das Video nannte er "eindrucksvoll und bestürzend". In Dortmund steht rund ein Drittel der Friseurläden vor dem Aus.

Tränen fließen auch in Dachau. Thomas Kraus betont die psychische Belastung der Friseurinnen und Friseure im Lockdown, die nicht auf Homeoffice ausweichen können und die ihre schmalen Ersparnisse - in diesem Berufszweig sind die Gehälter nun wahrlich nicht üppig - aufbrauchen müssen. Und dann? Das wissen Maiwald und Kraus auch nicht, und die Unsicherheit zehrt an den Nerven aller in der Branche. Wann und ob er überhaupt finanzielle Hilfe bekommt, sagt Kraus, sei noch ungewiss. Aber er und viele weitere Friseure im Landkreis würden nicht daran denken aufzugeben - in dieser Krise. Ihren Protest drücken die Ladeninhaber mit einer bayernweiten Aktion aus: Sie lassen in ihren Geschäften das Licht 24 Stunden lang brennen, zuletzt am vergangenen Freitag. Auch Dachauer machten mit.

In der Pandemie aber kommen noch weitere Probleme auf die Friseurbetriebe zu: mit dem Nachwuchs. Die Lehrlingsausbildung erfolgt unter erschwerten Bedingungen. Die Betriebe fanden zwar neue Wege, um Wissen an die Lehrlinge weiterzugeben, auch wenn dies derzeit nur via Onlineseminare stattfinden kann. Sandra Breiding, Obermeisterin der Friseurinnung Dachau, erklärt, dass "auf allen Ebenen versucht wird, die Ausbildung aufrecht zu erhalten." Digitale Schulungen seien freilich kein Ersatz für die praktische Übung, aber die Auszubildenden könnten ihren theoretischen Wissensstand erweitern, erklärt Ulrich Dachs, Kreishandwerksmeister in Dachau.

Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr war der Andrang auf die Dachauer Friseursalons groß. Thomas Kraus konnte sich dann mithilfe des Kurzarbeitermodells und Urlaubsausgleich noch über Wasser halten.

(Foto: Toni Heigl)

Die Lehrlinge in den Salons von Maiwald erfahren ihre Ausbildung ebenfalls über Onlineplattformen. "Wir bilden jeden Tag aus", sagt Maiwald - und darauf ist er zu Recht stolz. Eine gesonderte Regelung erlaubt es dem Friseurmeister sogar, ein Training im Salon anzubieten, unter Beachtung aller Corona-Regeln. Dennoch beklagt auch er den fehlenden persönlichen Kontakt: "Online kann ich natürlich nicht zeigen, wie die richtige Fingerhaltung beim Schneiden funktioniert, das fehlt." Die Lehrlinge seines Betriebs werden weiter voll gezahlt, und die Gesellenprüfung soll wie geplant stattfinden können. Auch wenn die Ausbildung gesichert ist, sieht Dachs ein großes Problem für die Zukunft der Branche: Wie solle man junge Menschen in der Pandemie für das Handwerk begeistern. Die Friseure können aktuell keine Praktika anbieten und dies fiele schwer ins Gewicht: "Uns fehlt der Nachwuchs", klagt Dachs.

Im Landkreis habe es bis dato noch keine Insolvenzanträge in der Friseurbranche gegeben, bestätigt der Kreishandwerksmeister. Allerdings ist er sich sicher, dass diese Welle kommen werde: "Es ist bloß eine Frage der Zeit. Betriebliche Ausgaben, Salonmieten, Mitarbeitergehälter müssen gezahlt werden, obwohl es keine Einnahmen gibt." Das Zwei-Mann-Team des Salons "Toms Haarkult" und auch Dennis Maiwald und sein Team halten durch. Alle fiebern sie dem 15. Februar entgegen. Die Scheren sind geschliffen - aber die Zweifel wachsen. Sie fragen sich, ob beim derzeitigen Infektionsgeschehen ihre Läden wieder öffnen dürfen, auch im Hinblick auf die hoch ansteckende britische Virusmutation, die vor ein paar Tagen im Landkreis aufgetreten ist.

© SZ vom 01.02.2021
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