Forstwirtschaft Die Folgen der Erderwärmung für den Wald in Dachau sind dramatisch

Auch die Fichte im Dachauer Stadtwald ist von Bprkenkäfern befallen und verliert Stücke ihrer Rinde.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Infolge des Klimawandels breitet sich der Borkenkäfer in den Fichtenwäldern des Landkreises enorm aus. Die Waldbauern suchen einen Ausweg aus der Misere.

Von Renate Zauscher, Schwabhausen

Ministerialrat Günter Biermayer ist ein renommierter Experte, aber auch dafür bekannt, ein humorvoller Mensch zu sein. Doch bei einem Thema bliebt auch der Leiter des Forstamts Fürstenfeldbruck nicht mehr gelassen: Borkenkäfer. Die Waldbauern zittern, wenn sie nur den Namen des Käfers hören.

Allein im Jahr 2017 richtete der Borkenkäfer in den Landkreisen Fürstenfeldbruck, Dachau und Landsberg einen Schaden von ungefähr fünf Millionen Euro an. Der enorme Anstieg der Borkenkäferpopulation und damit der Schäden hat vor allem eine Ursache - den Klimawandel, wie Biermayer in Schwabhausen vor Waldbauern des Landkreises Dachau erklärte. Nun ist das kein neues Wissen, aber Biermayers Aussagen hierzu waren alles andere als beruhigend. Die Uhr tickt. Das ist jedem Besucher der Hauptversammlung der Waldbauernvereinigung (WBV) Dachau an diesem Abend klar geworden.

Die Folgen der Erderwärmung für den Wald sind dramatisch

Große Hoffnungen auf eine Begrenzung des Anstiegs der Erderwärmung braucht sich offenbar niemand mehr zu machen. 2018 sei das heißeste Jahr seit 140 Jahren gewesen, sagte Biermayer, und es lasse sich nicht absehen, ob sich der durchschnittliche Temperaturanstieg tatsächlich, wie oft beschworen, auf zwei Grad begrenzen lasse. Der Klimawandel sei in vollem Gange, in den vergangenen zehn Jahren seien die Durchschnittstemperaturen hierzulande bereits um rund ein Grad über den vorherigen Durchschnitt angestiegen. Schon in den Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts wurde von Experten und Naturschützern vor den Folgen des Treibhauseffekts gewarnt - aber die Appelle verhallten ungehört.

Die Folgen für den Wald sind offenbar jetzt schon dramatisch, auch wenn der Landkreis Dachau, der waldärmste in Oberbayern, im Jahr 2018 noch glimpflich davon gekommen ist. Doch auch hier vermehrt sich der Borkenkäfer in rasantem Tempo. Die Entwicklung aller Insekten ist temperaturgesteuert. In Abhängigkeit von der Temperatur beträgt die Entwicklungsdauer des Buchdruckers, des Großen Fichtenborkenkäfers, zwischen sechs bis 22 Wochen.

Waldbauernsprecher Leonhard Mösl steht mit seinem Verein vor großen Aufgaben.

(Foto: Toni Heigl)

Was bedeutet das für die Forstwirtschaft im Landkreis Dachau?

Durch den Temperaturanstieg in allen Höhenstufen verlängert sich einerseits der Zeitraum, in dem eine Entwicklung der Borkenkäfer möglich ist. Andererseits läuft die Generationsabfolge rascher ab, weshalb wesentlich mehr Borkenkäfer während eines Jahres gebildet werden können. Meteorologen bestätigen, dass der Klimawandel, insbesondere eine Temperaturerhöhung um 1,5 bis 3,5 Grad Celsius bereits voll im Gange ist. Auch wenn sofort Maßnahmen zum Klimaschutz erfolgen würden, wäre eine Trendumkehr erst in mindestens 15 bis 20 Jahren möglich.

Etwa 1200 Borkenkäfer.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Was bedeutet das für die Forstwirtschaft? Sowohl Günter Biermayer wie Leonhard Mösl, Vorsitzender der Waldbauervereinigung, berichteten von schweren Schäden und katastrophalem Borkenkäferbefall der Wälder etwa in Tschechien mit entsprechendem Verfall der Holzpreise auch bei uns. Dazu kommen laut Biermayer geringere Zuwächse im Wald, da gerade Nadelbäume wie Fichte, Kiefer oder Lärche mit der Trockenheit nicht zurechtkommen. Die Fichte als traditioneller "Brotbaum der bayerischen Waldwirtschaft" hat nach Biermayers Einschätzung ausgedient. Einzige Ausnahmen unter den Nadelbäumen seinen Douglasie und Tanne, wobei die Triebe junger Tannen fatalerweise höchst begehrt beim Rehwild sind.

Schon jetzt sind die Zusammenhänge von Klimafolgen und Holzpreisverfall sichtbar

Welche Optionen hat also der Waldbesitzer? Eine "Anpassungsstrategie für plus vier Grad in den nächsten hundert Jahren" - die gebe es nicht, sagte Biermayer. Und auch die Frage, zu welchen Baumarten man raten solle, sei offen, da man sich derzeit in einem "schwankenden Übergangsklima" befinde und kaum Erfahrungen habe, welche "Gastbaumarten" sowohl winterliche Fröste als auch lang anhaltende Hitze und Trockenheit aushielten. Auf jeden Fall aber rät Biermayer zu einem Waldumbau hin zu mehr Laubwald und zu sorgfältiger Pflege des Waldes mit regelmäßiger Durchforstung, um möglichst stabile, sturmresistente Bestände zu bekommen.

Schon jetzt sind die Zusammenhänge von Klimafolgen und Holzpreisverfall sichtbar. Leonhard Mösl und WBV-Geschäftsführer Peter Göttler, informierten über die Preisentwicklung. Für einen Festmeter Fichtenstammholz wird derzeit nur noch 70 statt wie im Vorjahr noch 85 Euro erzielt; bei Käferholz müsse mit einem Abschlag von bis zu 25 Prozent gerechnet werden. Lediglich Eichenholz sei stark gefragt. Mösl wie Biermayer appellierten allerdings an die Waldbesitzer, deshalb nicht vermehrt Eichen, vor allem alte Rand- und "Mutterbäume", zu fällen: Sie seien unersetzlich für die Naturverjüngung im Wald.

Das Insekt frisst sich durch Gänge in die Bäume.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Zu Wort kamen auch der stellvertretende Landrat, Pfaffenhofens Bürgermeister Helmut Zech (CSU), Uli Wittmann, Sprecher der Jäger im Landkreis, und die Forstleute Lisa Schubert und Franz Knierer, die vor Ort für ein breites Spektrum von Beratungs- und Informationsangeboten sorgen. Knierer riet dazu, mit den lokalen Jagdvorständen persönlich über die von Waldbesitzern und Jägern sehr unterschiedlich beantwortete Frage der vertretbaren Höhe der Wildbestände zu diskutieren. Wie Biermayer richtete auch Knierer den Appell an die Jägerschaft, mit den Waldbauern "zusammen zu arbeiten".

"Große Probleme für den Berufsstand"

Für "gemeinsame Lösungen" plädierte auch Simon Sedlmair, stellvertretender Vorsitzender des Bauernverbands im Landkreis. Er sprach von "großen Problemen in unserem Berufsstand" angesichts von gesellschaftlich geforderten Änderungen. Änderungen, so Sedlmair, "werden kommen" - aber sie seien nur "mit Vernunft, Sachverstand und fachlicher Begleitung" durchsetzbar.

Leonhard Mösl aus Ebertshausen wurde für weitere fünf Jahre in seinem Amt als Vorsitzender der Waldbauernvereinigung Dachau nahezu einstimmig gewählt. Einen Wechsel gab es dagegen beim Posten des Stellvertreters: Michael Gschwendner, der dieses Amt zwanzig Jahre lang innehatte, trat nicht mehr zur Wahl an; sein Nachfolger ist Michael Lechner aus Michelskirchen.

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Kommentar

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