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Kommunalwahl in Dachau:Die Sternstunde der Grünen im Landkreis

Grüner Ortsverein

Strahlendes Gesicht:Sabrina Spallek will Bürgermeisterin werden.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Grünen stehen im Landkreis vor der Kommunalwahl so gut da wie niemals zuvor. Die Mitgliederzahlen steigen, in vielen Gemeinden gründen sich Ortsverbände. Die Ökopartei stößt in ein Vakuum, das CSU und SPD hinterlassen.

Von David Holzapfel, Dachau/Bergkirchen

Sabrina Spallek hat eine Flasche Prosecco und viele gute Wünsche mitgebracht. "Ich hoffe, dass Bergkirchen eine grüne Hochburg im Landkreis wird, dass wir noch großen Zuwachs bekommen", sagt sie. Zumindest der Wirtsraum in Bergkirchen, in dem sich die Grünen an diesem Abend treffen, ist bereits gut gefüllt. Viele sind gekommen, es wird gelacht, man kennt und schätzt sich. Auch Spallek, die bei den Kommunalwahlen im März 2020 die Kreistagsliste der Grünen anführen wird, hat sichtlich gute Laune. Es gibt etwas zu feiern: Die Bergkirchner Ortsgruppe der Grünen erlebt ihre Geburtsstunde.

Die Gründung steht bezeichnend für den Optimismus der Grünen im Dachauer Land. Die Ökopartei steht im Landkreis so gut da wie nie zuvor. 17,1 Prozentpunkte bei den Landtagswahlen im vergangen Jahr, 18,7 Prozent bei den Europawahlen in diesem Jahr, wiederholt zweitstärkste Kraft hinter der CSU. Die Folge: Ein Zuwachs an Mitgliedern, vielerorts schießen seither neue Ortsverbände aus dem Boden: In Röhrmoos, Pfaffenhofen-Odelzhausen, Petershausen, Markt Indersdorf-Weichs und in Bergkirchen. Ein Erfolg, von dem die Grünen bis vor wenigen Jahren nicht zu träumen gewagt hätten.

Ein Ende des grünen Aufschwungs? Derzeit nicht in Sicht

Sie stoßen in ein politisches Vakuum. SPD und CSU mussten im Landkreis zuletzt teils herbe Verluste verkraften. Bei den Landtagswahlen 2018 verloren die Sozialdemokraten im Vergleich zur Wahl 2013 zweistellig Prozentpunkte - ein schlichtweg verheerendes Ergebnis. Auch die CSU musste ihre Vorherrschaft im Landkreis von einst 50 Prozent aufgeben. Wähler suchten sich neue politische Heimaten. Andere Parteien, vor allem die Grünen, profitierten und profitieren noch immer davon.

Gründe dafür gibt es viele. Als Greta Thunberg kam, die "Fridays for Future"-Bewegung damit begann, ihren Unmut auf die Straßen zu tragen, und der Klimaschutz zunehmend zum Politikum erklärt wurde, setzten sich die Grünen an die Spitze der Protestbewegung. Auch der Unmut vieler über die Groko kommt der Partei zugute; die Grünen erleben einen Aufschwung, auch auf lokaler Ebene. Ein Ende des Erfolgs? Derzeit nicht in Sicht.

Dieses Momentum wollen die Mitglieder auch im Dachauer Landkreis für sich nutzen. Die Kommunalwahlen im März 2020 rücken näher, und die Grünen blicken zuversichtlich in die Zukunft. Dies wird auch auf der Gründungsversammlung in Bergkirchen deutlich. Am Ende des Abends, die ersten Mitglieder wollen bereits hinaus in die Winterkälte, erhebt sich Achim Liebl, Landratskandidat der Dachauer Grünen und langjähriges Parteimitglied, und sagt: "Ich freue mich darauf, nach dem 15. März mit euch diskutieren zu können, wie wir den Landkreis rocken." Der anschließende Applaus ist groß.

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Achim Liebl ist Landratskandidat.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Chancen, bald mehr als bisher in der Kommunalpolitik mitzureden, stehen gut. Doch um den "Landkreis zu rocken", wie Liebl sagt, um künftig Bürgermeister und Gemeinderäte stellen zu können, braucht die Partei Ortsgruppen und gefestigte Strukturen auf kommunaler Ebene. Strukturen, die bis zuletzt noch weitestgehend fehlten. Allein seit April 2018 haben sich deshalb fünf grüne Ortsverbände im Landkreis Dachau neu gegründet, so viele wie bei keiner anderen Partei. Die Grünen wollen so ihre Basis in der Region stärken, den "Menschen eine demokratische Alternative bieten", wie es Kreisverbands-Sprecher Richard Seidl sagt.

So etwa in Röhrmoos. Im Jahr 1989 erstmals aktiv, damals noch unter dem Namen "Grüne Unabhängige Liste" (GUL), beschlossen die Röhrmooser Umweltschützer im Herbst 2018 fortan unter der Flagge der Grünen zu agieren. Anfang 2019 wurde ein eigener Ortsverband gegründet. Mit Arthur Stein, 61, stellt der Verband im nächsten Jahr zum ersten Mal einen Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters. Auch eine Liste für die Gemeinderatswahl wurde unlängst bestimmt. Neugründungen gab es zuletzt auch in Pfaffenhofen-Odelzhausen und in Markt Indersdorf-Weichs. Mitte 2019 entstanden, wollen auch sie nun mitmischen in der Lokalpolitik. Beide Ortsverbände haben vor Kurzem Kandidaten für ihre Gemeinderatslisten aufgestellt. Zudem fordert die Grüne Susanne Vedova in Pfaffenhofen den amtierenden Bürgermeister Helmut Zech (CSU) heraus.

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Die Partei steht im Landkreis so gut da wie nie zuvor.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Auch in Petershausen stellt der noch junge Ortsverband eine üppige Gemeinderatsliste, 16 Kandidaten treten dort zur Wahl an. Schon in den Achtzigern gab es in der Gemeinde eine grüne Liste, und bis 2014 war die ebenfalls ökologisch orientierte ÖDP im Gemeinderat vertreten. Auf diesen Wurzeln will der Ortsverband künftig aufbauen.

Geburtsschmerzen, etwa bei der Gewinnung neuer Mitglieder oder bei der Listenfüllung für die Kommunalwahlen, habe es im Zuge der Neugründungen kaum gegeben, betonen die Ortsverbände unisono. Doch Kommunalwahlen sind immer auch Gesichter- und Persönlichkeitswahlen. Ob es den zum Teil noch jungen, unbekannten Ortsverbänden bis März 2020 gelingt, ihr Profil zu schärfen, bleibt abzuwarten. Um auf sich aufmerksam zu machen, veranstalten die Ortsgruppen derweil "Kennenlern- und Mitmachveranstaltungen" für interessierte Bürger. Die Resonanz hierzu sei bisher durchweg positiv, sagt Landratskandidat Achim Liebl.

Nicht nur im Landkreis Dachau erhalten die Grünen derzeit ordentlich Rückenwind. Über 80 Ortsverbände wurden in Bayern seit der Landtagswahl 2018 neu gegründet. Die Mitgliederzahl der Bayerischen Grünen stieg von rund 8500 im Jahr 2013 auf mehr als 15 000 im Jahr 2019 - Tendenz steigend. Mit Themen wie der Förderung des öffentlichen Nahverkehrs, einer dezentralen erneuerbaren Stromgewinnung und dem Ausbau von Kita-Plätzen ziehen die Grünen in den Kommunalwahlkampf.

© SZ vom 05.12.2019
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