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Dachau:Auf dem Weg zur Radl-Stadt

Hier radelt der Polizeipräsident ebenso ins Büro wie der Oberbürgermeister. Dachaus Kommunalpolitiker sind von ihrem Besuch im westfälischen Münster begeistert. Und wollen sich ein Beispiel daran nehmen.

Wenn Schauspieler Axel Prahl als Tatort-Kommissar Frank Thiel mit dem Fahrrad zum Schauplatz eines Verbrechens fährt, mag das für viele Fernsehzuschauer exzentrisch wirken, den Menschen in Münster jedoch erscheint das normal. Hier radelt der Polizeipräsident ebenso ins Büro wie der Oberbürgermeister. Selbst der frühere Bischof war ein begeisterter Radler. Nicht umsonst nennt sich die rund 285 000 Einwohner zählende westfälische Metropole Fahrradhauptstadt Deutschlands. Sie war jetzt Ziel einer Informationsfahrt des Dachauer Stadtrats, der sich dort Anregungen für eine umweltfreundlichere Verkehrsplanung holen wollte und mit einer Menge neuer Erkenntnisse zurückkehrte. "Ich erwarte jetzt zahlreiche Anträge", meinte denn auch Oberbürgermeister Peter Bürgel (CSU).

Münster

Die bundesweit größte Radstation befindet sich vor dem Münsterschen Hauptbahnhof. Sie bietet Platz für 3300 Fahrräder.

(Foto: Foto: Presseamt Münster / Joachim Busch)

Gleich zu Beginn allerdings mussten die Besucher aus Dachau in Münster ein Verkehrsproblem beheben - im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Wagen war so nahe an einer Einmündung abgestellt, dass der Bus, der die Dachauer Delegation vom Bahnhof in Hamm zum Hotel in Münster brachte, nicht um die Kurve kam und feststeckte. Während der Fahrer die kommunale Verkehrsüberwachung anrufen wollte, griffen einige kräftige Stadträte beherzt zu und lupften den falsch geparkten VW Golf ein Stück zur Seite, so dass der Bus doch durchkam.

Der Flächenverbrauch von Autos in der Innenstadt sei einer der Gründe gewesen, warum man im Rathaus von Münster in den siebziger Jahren begonnen habe, dem Fahrrad in der Verkehrspolitik Priorität einzuräumen, erfuhren die Dachauer am folgenden Tag von Stephan Böhme, dem Fachstellenleiter für die Planung von Verkehrsanlagen in der Stadtverwaltung. Der zweite wichtige Grund: Die Förderung des Radverkehrs sei für die Kommune die preiswerteste Möglichkeit, den innerstädtischen Verkehr abzuwickeln.

Während in Dachau in der Vergangenheit so mancher Antrag auf eine Verbesserung für Radfahrer daran scheiterte, dass dadurch einige Autoparkplätze wegfallen könnten, entwickelten die Münsteraner im Laufe der Jahre ein stimmiges Gesamtkonzept. So wurden beispielsweise 16 attraktive Fahrradstraßen aus den Außenbezirken in die Innenstadt geschaffen, aber auch Radverbindungen abseits der Hauptverkehrsstraße angeboten. Auf den ehemaligen Stadtbefestigungsanlagen können Radler die Altstadt auf einem 4,5 Kilometer langen Rundkurs gefahrlos umrunden. Durch großflächige Tempo-30-Zonen und die Öffnung von Fußgängerzonen und Einbahnstraßen wurde das Netz für den Radverkehr durchlässiger, weil unattraktive Umwege wegfielen. Ampeln wurden fahrradfreundlich gestaltet, etwa an manchen Kreuzungen durch Induktionsschleifen, die ihnen schneller Grün bringen. So ist zu erklären, dass das Fahrrad heute das meistbenutzte Verkehrsmittel in Münster ist: Es macht laut Böhme 38 Prozent des Gesamtverkehrs in der Stadt aus, das Auto kommt nur auf 33 Prozent.

Doch Verkehrsplaner Böhme machte den Dachauer Besuchern auch klar, dass das alles allein nicht reicht: Es werden auch Abstellplätze und Serviceeinrichtungen gebraucht - und ganz viel Werbung in der Öffentlichkeit, um eine entsprechendes Bewusstsein zu schaffen. Seit 1999 gibt es etwa eine unterirdische Radstation am Bahnhof, mit 3300 Plätzen Deutschlands größte Parkgarage für Radler. In erster Linie stellen Pendler hier ihre Räder ab, die morgens mit dem Zug ankommen und mit dem Fahrrad an den Arbeitsplatz weiterfahren. Doch sind in der Radstation, deren Investitionskosten von rund sieben Millionen Euro 1999 zur Hälfte durch Gelder aus der Stellplatzablöse für Autos aufgebracht wurden, auch eine Reparaturwerkstatt, eine Waschanlage und ein Fahrradverleih untergebracht.

Die Dachauer Kommunalpolitiker aus allen Fraktionen betonten, dass Münster einen Vorsprung von fast 40 Jahren habe, man also keine Wunderdinge erwarten dürfe. Doch für Volker C. Koch, den Verkehrsreferenten des Stadtrats und Fraktionschef der SPD, wäre schon viel gewonnen, wenn der Besuch den Anstoß zu einem Bewusstseinswandel geben würde. Eins zu eins werde man nichts umsetzen können, meint zwar der CSU-Fraktionsvorsitzende Christian Stangl, doch auch er sieht die Möglichkeit, in kleinen Schritten zu Verbesserungen für Radfahrer zu kommen. Auf die Anträge, von denen OB Bürgel gesprochen hat, wird er nicht lange warten müssen. Sowohl Koch wie Grünen-Fraktionschef Thomas Kreß haben bereits welche angekündigt.

© SZ vom 18.10.2011

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