bedeckt München 24°
vgwortpixel

Asylpolitik:Aufmüpfiger Parteinachwuchs

Die Junge Union diskutiert, wie Integration im Landkreis gelingen kann und kritisiert dabei den Kurs von CSU-Chef Seehofer.

Nach dem Wahldebakel der CDU am Sonntag fordert CSU-Chef Horst Seehofer einen sofortigen Kurswechsel in der Flüchtlingspolitik - doch die Geschlossenheit in der CSU scheint so fest nicht zu sein. Bei der Jungen Union (JU) im Landkreis Dachau trifft die Kritik von Bayerns Ministerpräsident an der Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf Widerspruch. Auf einer JU-Veranstaltung am Montagabend im Ludwig-Thoma-Haus wagte der Parteinachwuchs zumindest leise Kritik: Die JU-Kreisvorsitzende Lena Eberl forderte eine "lösungsorientierte Diskussion". Sie erklärte, eine Obergrenze von bundesweit 200 000 Flüchtlingen pro Jahr, wie von der CSU gefordert, sei nicht zu realisieren. Eberl erklärte, dass sie "persönlich nicht direkt Seehofers Kurs" unterstütze. Auch die Dachauer JU-Ortsvorsitzende Julia Grote steht, wie sie sagte, Seehofer "kritisch gegenüber, auch wenn er ein sehr guter Ministerpräsident ist".

Damit hatte Landrat Stefan Löwl (CSU) offenbar nicht gerechnet, schließlich ging es um das Thema Integration. Von Flüchtlingen. Nicht in der eigenen Partei. Löwl ergriff flugs das Wort und schob Grote und Eberl in die Ecke: Sie gehörten zum "linksliberalen, feministischen Flügel der Partei", sagte der Landrat vor den etwa 70 Besuchern der Podiumsdiskussion. Er stellte klar: "Hilfsbereitschaft hat auch Grenzen." Die Grenze verläuft demnach zwischen Asylsuchenden, die in Deutschland Schutz vor Krieg suchten und jenen, die hier die Chance auf ein besseres Leben wahrnehmen wollten. Bei den "zwei bis drei Prozent, die Schutzbedarf haben, dürfen wir nicht fragen, was sie der Gesellschaft nutzen", sagte Löwl. Die anderen? "Da können wir erwarten, dass sie der Gesellschaft etwas bringen."

Schutzquote bei etwa 50 Prozent

Waltraud Wolfsmüller vom Helferkreis Asyl Dachau korrigierte Löwl: Die Schutzquote lag 2015 wesentlich höher, bundesweit bei etwa 50 Prozent, wie sie erklärte. Außerdem müssten auch abgelehnte Asylsuchende zwei bis drei Jahre auf ihren Bescheid warten. Deshalb müsse man von Anfang an gemeinsam mit dem einzelnen Asylsuchenden einen Plan erarbeiten. Integration sei immer individuell, auch in ihrer Dauer: "Da müssen wir auch mal Geduld mitbringen".

Damit lieferte Wolfsmüller eine erste Antwort auf die Frage, die von der JU gestellt wurde: "Wie schaffen wir das?" Gemeint sind damit die Unterbringung und Integration der Flüchtlinge im Landkreis. Ungefähr 2000 sind es zurzeit, der Zugang ist rückläufig. Ebenfalls eingeladen waren Bezirkstagspräsident Josef Mederer (CSU), der Hebertshausener Bürgermeister Richard Reischl (CSU) und Anita Engelbrecht von der Volkshochschule Dachau.

"Integration gelingt nur ohne Vorurteile"

Von einem Beispiel, wie Integration im Landkreis "geschafft" werden kann, erzählte Reischl. In Hebertshausen sind derzeit 62 Asylsuchende untergebracht, jeder einzelne habe einen Paten aus der Gemeinde. Man sei von Anfang an offen auf alle Beteiligten zugegangen. Integration brauche beide Seiten, die Asylsuchenden und die deutsche Bevölkerung, sagt Reischl. So hätten beim Bau einer Kinderkrippe in der Ortsmitte zwölf Asylsuchende mitgeholfen. Dabei hätten sich viele Gespräche ergeben. Letztlich seien durch die freiwillig arbeitenden Asylsuchenden auch Skeptiker umgestimmt worden: "Integration gelingt nur ohne Vorurteile", erklärte Reischl. Man müsse Menschlichkeit zeigen und den Flüchtlingen eigene Verdienstmöglichkeiten besorgen - "auch für die Leute, die nicht bleiben können". Doch mit seinem Kurs, kritisierte der CSU-Bürgermeister, fühle er sich "manchmal wie ein schwarzes Schaf in der Partei".

Auch den 25-jährigen Syrer Yazdan Ayo hatte die JU eingeladen. Seit zweieinhalb Jahren lebt er in Deutschland. Er erzählte auf Deutsch, wie er durch den Krieg "Zukunft, Bekannte, Freunde und Familie verloren" hat. Trotz bürokratischer Hürden studiert er bald "Internationale Wirtschaft und Entwicklung" an der Universität Bayreuth. Wie also geht Integration? Schnell die Sprache lernen und dabei vom Helferkreis unterstützt werden. Sein Fazit: "Wer will, sucht Wege. Wer nicht will, sucht Gründe."

© SZ vom 16.03.2016/gsl

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite