Contra Wiesn-Hits Das Oktoberfest ist ein musikkultureller Albtraum

Jede überproduzierte Pop-Radio-Welle hat mehr zu bieten als das größte Volksfest der Welt. Warum eigentlich? Ein Plädoyer für mehr Vielfalt.

Kommentar von Philipp von Nathusius

Alljährlich im September beginnt auf der Theresienwiese das große Gähnen. Dann startet die Wiesn. Und mit ihr legt sich eine Klangteppich-Monotonie über den Festplatz, die in ihrer Gleichförmigkeit stark an Münchner Neubauarchitektur erinnert. Sie dringt aus den dünnwandigen Verschalungen der als Zelte getarnten Holzpaläste nach draußen auf die Bierstraße und hinauf zur Bavaria. Und man fragt sich: Wie hält die honorige Dame das bloß aus?

Abend für Abend, Stunde um Stunde, Jahr für Jahr bekommt die Statue dort oben auf der Anhöhe nichts als musikalisches Dosenfutter auf die bronzenen Ohren. Sicher, vorgetragen von vielen guten bis meisterhaften Blasmusik-Instrumentalisten. Umso schlimmer, dass ihr aus deren Tuben und Trompeten nichts als Popkultur-Einheitsbrei entgegenklirrt. Zusammengerührt aus Vier-Viertel-Takten und drei bis sechs Akkorden.

Ein Prosit den immergleichen Wiesn-Liedern!

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Ein bisschen Neue Deutsche Welle, ein bisschen Chart-Erfolge der vergangenen zehn Jahre, ein bisschen Ballermann, fertig ist der ewige Wiesn-Mix. Es ist eine das Booklet einer Doppel-CD füllende Zusammenstellung von Mitgrölbarem. Wie hält die Bavaria diese Heavy-Rotation des Grauens bloß aus? Und vor allem: Wie halten wir Menschen das bloß aus, die wir in dieser Stadt leben, sich mit ihr identifizieren wollen, für die nun mal kein Weg um das Oktoberfest herumführt?

Jede überproduzierte Pop-Radio-Welle hat musikkulturell mehr zu bieten als das größte Volksfest Münchens, das sich doch eigentlich gerne als so weltbeflissen, als so kulturell vielfältig gibt. Es ist gleichzeitig das größte Volkfest der Bayern, ja das größte aller Feste einer ganzen Nation von Dichtern und Denkern; angeblich. "In München steht ein Hofbräuhaus", "Viva Colonia", "I will nur z'ruck zu dir", "Wir lieben das Leben", "die Liebe und die Lust", "von der Erde lo-oho-o-oho-os", "Atemlos" - bodenlos.

Diejenigen, die das Sichverkleiden mit Lederhose und Dirndl nicht pflegen und trotzdem ins Bierzelt möchten, können das tun. In Zivil, in Jeans und T-Shirt oder so. Man fällt ein wenig auf, aber man darf trotzdem mitmachen. Aber eines kann man nicht: dem gleichgemachten Humptata- und Tralla-Schallala entgehen. Auf die Wiesn gehen, das heißt den Kommerzklang aushalten lernen. Basta! Zur Not mit viel, viel, viel zu viel Bier. Sonst geht's nicht. Zumindest für Menschen mit echtem Musikgeschmack.

Warum muss das so sein? Warum gibt es bis auf wenige Ausnahmen in keinem der dreizehn zeltartigen Gute-Laune-Tempel mal eine Party mit anspruchsvollerer Musik? Oder einfach nur mal mit etwas anderem? Musik, bei der man sich nicht genötigt fühlt, sich den Menschen in seinem Bekanntenkreis, die noch nie dem Sog dieses Festes erlegen sind, erklären zu müssen: "Wie, und bei so einer Musik hast du ernsthaft Spaß?" Klar, mit viel Alkohol geht alles, entgegnet man verschämt.

Jetzt könnte man sagen: Wer etwas anderes hören will, solle sich auf die Oide Wiesn schleichen. Aber das ist Unsinn. Die Oide Wiesn ist schön, und ja, sie hat musikalisch eine größere Bandbreite zu bieten. Sie ist aber nun mal nicht das Oktoberfest, nicht das weltberühmte Volksfest, das jeder kennt. Nicht Teil dieses umwerfenden, megainternationalen, in Teilen auch ursprünglich-traditionellen, zweiwöchigen, süchtigmachenden Turbo-Wahnsinns. Denn so ist es: Die Wiesn ist einzigartig, sie ist ernsthaft großartig. Und für viele könnte sie noch ein Stück großartiger sein.

Man wünscht sich und den Betreibern, zumindest denen der großen Zelte und denen meisten der 22 kleinen, mehr Mut, Neues auszuprobieren, mehr kulturelle Vielfalt zuzulassen. Wie wäre es zum Beispiel damit, an einem stinknormalen Wiesn-Tag ein Mini-Festival abzuhalten, etwa ein Sound of Munich Now auf der Wiesn. Es muss ja nicht melancholischer Synthie-Sound mit Oberton-Gehauche oder Herz-Schmerz-Gitarre sein, stattdessen Münchner Gruppen, die auch Partymäßiges draufhaben. Oder man lässt regelmäßig auch in einem der großen Zelte eine der vielen Bands des neuen Alpen-Heimat-Sounds (die nicht zufällig LaBrassBanda heißt) auftreten. Prognose: Das Zelt wäre voll. Es würde das Fest vitalisieren, wieder ein Stück an München, seine Heimat, heranholen, den Genpool der Wiesn-DNA auffrischen.

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