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Container Collective:Hier macht München Platz für Subkultur

27 Schiffscontainer stehen am Eingang zum Werksviertel nahe des Ostbahnhofs, die meisten davon werden an junge Künstler und Unternehmer vermietet.

(Foto: Stephan Rumpf)

Im Werksviertel kehrt langsam Leben ein. Radio 80 000 sendet bereits, Künstler arbeiten in ihren Ateliers. Wenn das Modell funktioniert, könnten bald weitere Container-Städte in München entstehen.

Der saftige Schokoladenkuchen ist mit reichlich türkisem Zuckerguss überzogen, ein Geländer ist liebevoll mit Zahnstochern nachempfunden. Auf dem Kuchen, den Sophie Herz, 24, zum Geburtstag bekommen hat, steht mit weißem Zuckerguss geschrieben: Hobis, kurz für Holzbildhauerinnen. Der Kuchen ist eine Miniaturausgabe des Containers, den Sophie mit ihren Freundinnen Ana Saraiva, und Melanie Meier, beide 23, vor wenigen Wochen im neu entstehenden "Container Collective" am Ostbahnhof bezogen hat. 27 Schiffscontainer stehen am Eingang zum Werksviertel nahe des Ostbahnhofs, die meisten davon werden an junge Künstler und Unternehmer vermietet. Zwischennutzung - zunächst für drei Jahre -, das Münchner Allheilmittel für Subkultur.

An einem der ersten warmen Tage des Jahres sind die Türen des Containers weit geöffnet, damit der Geruch der Farbe an den frisch gestrichenen Wänden sich verflüchtigen kann. Der längliche Container ist noch sehr spärlich eingerichtet, doch Sophie hat schon zahlreiche Bilder von ihren jüngsten Arbeiten auf dem Boden ausgebreitet. Sie will damit eine Mappe anfertigen. Und wenn dann endlich auch ihre erste eigene Holzbildhauerbank im Container steht, kann Sophie endlich auch damit beginnen, an ihrem ersten Auftrag als freischaffende Holzbildhauerin zu arbeiten. Denn das ist das Ziel: Irgendwann so viele Aufträge zu bekommen, dass sie nicht mehr nebenbei Modell stehen oder im Café arbeiten muss. Sophie will von der Kunst leben können.

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Der Einzug in ihren türkisfarbenen Container ist deshalb auch für Ana mehr als nur die Möglichkeit, ungestört zu werkeln. "Es ist wie ein Traum, der wahr wird", sagt Ana, die nebenbei ebenfalls noch als Model arbeitet. Sie lächelt, als sie sich leicht erschöpft nach einer Schicht in der Kaserne de Janeiro auf einem der Stühle in der Sonne niederlässt.

Das Kollektiv besteht aus insgesamt 27 Containern, von denen 15 von Robinson Kuhlmann und Markus Frankl vermietet werden. Unter anderem an die Jungs von Qualia-Monaco, die an ihren Motorrädern schrauben, an Dominik Obalski und seine Cocktail-Schule. Sogar ein Unternehmensberater arbeitet hier.

In der Mitte zwischen den Containern stehen alte Holzkisten, in die schon junge Bäumchen gepflanzt wurden, und große Wassertanks, die nachts in bunten Farben leuchten. Das Design der Container ist bewusst sehr unterschiedlich. Dem Münchner Street-Art Künstler Loomit, der selbst im Werksviertel angesiedelt ist, sind keine Grenzen gesetzt. Robinson ist es lieber, dass die Kunstwerke anecken, als dass sie nicht einmal auffallen. Die verschiedenen Graffiti auf den Containern passen zu den sehr unterschiedlichen Mietern.

In den zwölf Containern, die nicht vermietet werden, befinden sich unter anderem ein Ausstellungsraum, eine Bar, die noch keinen Namen hat, und ein Café namens Kaserne de Janeiro, das Robinsons Bruder Neville betreibt. Der hatte eigentlich eine längere Reise nach Brasilien geplant, aber dann kam das "Container Collective" dazwischen. Familie geht vor.

Junge Leute

München lebt. Viele junge Menschen in der Stadt und im Umland verfolgen aufregende Projekte, haben interessante Ideen und können spannende Geschichten erzählen. Auf dieser Seite werden sie Montag für Montag vorgestellt - von jungen Autoren für junge Leser. Lust mitzuarbeiten? Einfach eine E-Mail an die Adresse jungeleute@sueddeutsche.de schicken. Weitere Texte findet man im Internet unter http://jungeleute.sueddeutsche.de oder www.facebook.com/SZJungeLeute. SZ

Passenderweise kommen die ausrangierten Schiffscontainer aus aller Welt und lassen neben den vorbeirauschenden Zügen am Ostbahnhof ein Gefühl von Urlaub und ja, vielleicht auch von Großstadt aufkommen. Eben jenes Großstadt-Feeling, das München so oft abgesprochen wird. In den kommenden Jahren seien noch weitere Container-Städte nach ähnlichem Prinzip in München in Planung, verrät Robinson. Das Kollektiv könnte also - bei Erfolg - die Weichen für mehr Raum für Subkultur stellen.

Ursprünglich wollte man auf dem ehemaligen Pfanni-Gelände Raum für Einzelhandelsverkaufsflächen schaffen. Robinson überzeugte Pfanni-Erbe Werner Eckart aber schnell von einem anderen Konzept: weniger Einzelhandel, mehr Popkultur. Mit einer Mischung aus Gastronomie und Kreativität will er der kleinen Container-Stadt nun Leben einhauchen. Drei Jahre dürfen sie vorerst bleiben, was danach passiert, ist noch ungewiss. Aber vielleicht wird das Projekt sogar auf sechs Jahre verlängert.

Die Ungewissheit macht für Robinson aber den besonderen Reiz aus. Deshalb will er auch nicht in erster Linie große Firmen in den Containern sehen, sondern viele junge Münchner, die Lust haben, aktiv mitzugestalten. Und das wird auch belohnt: Wer sich am Kollektiv beteiligt, sei es durch die Arbeit im Café oder beim Bewerben der zahlreichen geplanten Veranstaltungen, kann an der Miete sparen. Die soll aber sowieso für alle erschwinglich bleiben, sagt Robinson - genaue Zahlen will er aber nicht nennen. Das wichtigste ist für Robinson aber vor allem eines: "Die Leute sollen ein Strahlen in den Augen haben, wenn sie zum ersten Mal in ihrem eigenen Container stehen."