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Chilly Gonzales in München:"Bruder Jakob ist tot"

Wenn er zum Beispiel Dur und Moll erklärt. Dur, das sei die Tonart des Status quo, die konservative Tonart. Die der Habsburger. Das Tonbeispiel überzeugt. Dann spielt er Bruder Jakob an. So wie es komponiert wurde, in Dur. "Ich höre hier: weniger Immigration. Keine Schwulenehe." Und dann Bruder Jakob in Moll. "Jetzt schläft Bruder Jakob nicht mehr, Bruder Jakob ist tot." Ach ja: Jeder, der Probleme mit dem Älterwerden hat, sollte sich "Happy Birthday" in Gonzales' Mollversion anhören.

Oder wenn er erklärt, wie sich die intimen Stücke vom Album auf der Tour verändern. Wie ein heiteres, leichtes Lied bei den Auftritten in den USA plötzlich "amerikanisch" klingt. Er spielt heavy, dröhnend, gewalttätig, hüpft auf seinem Klavierstuhl herum und grinst in sich hinein.

Meist aber lümmelt Gonzales mit gebeugtem Rücken über der Tastatur, quatscht viel zwischen den Liedern, auch auf Deutsch. Und hinterfragt sich dabei ständig selbst, macht sich über seine Rolle lustig. Man weiß, wie viel Arbeit das ist. "Entertainment ist Krieg", hat Gonzales einmal gesagt. Man spürt und sieht davon aber nichts. Auch nicht auf der Leinwand über der Bühne, auf der die Tastatur des Flügels gezeigt wird. Die Finger rasen. Die Ideen auch. Gonzales spielt seine Rolle mit überwältigender Leichtigkeit. Große Kunst.

Am Ende des Konzerts erzählt er von kanadischen Lagerfeuern und wie dort gesungen wird. Von der kreativen Gemeinschaft, die dann entsteht. Dann summt er dem Saal eine einfache Basslinie vor. "Hm, Hm." Das Publikum: "Hmm. Hmm." Gonzales schaut herausfordernd. Das Publikum: "Hmmm. Hmmm." Gonzales schaut enttäuscht. Das Publikum: "HMMMM. HMMMM." Und plötzlich brennt im Prinzregententheater ein Lagerfeuer.

© Süddeutsche.de/afis/gba

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