Süddeutsche Zeitung

Chilly Gonzales in München:Feuer im Theater

"Entertainment ist Krieg", sagt Chilly Gonzales. Diesen Krieg gewinnt der vielleicht beste Entertainer, den es im Moment gibt, bei seinem Solokonzert im Münchner Prinzregententheater mit Leichtigkeit. Der größenwahnsinnige Kanadier tötet Bruder Jakob, spielt Happy Birthday in Moll - und macht mit dem Publikum ein kleines Lagerfeuer.

Sebastian Gierke

Als der Mann auf der Bühne steht und Chilly Gonzales die Hand zur Begrüßung hinstreckt, nimmt der Pianist sie nicht. Gonzales weicht einen Schritt zurück, verzieht das Gesicht und schickt den Zuschauer mit den wasserstoffblonden, streng gescheitelten Haaren und dem pinken Satinmorgenmantel wieder zurück auf seinen Platz. "Du bist mir zu ähnlich", ruft er dem Enttäuschten lachend hinterher. Chilly Gonzales mit der struppig-schwarzen Mähne, dem dunkelgrünen Satinmorgenmantel und den hässlich-grünen Slippern.

Das geht natürlich nicht, dass ihm jemand auf der Bühne Konkurrenz macht - und sei es nur optisch. Selbst nennt sich Gonzalez "musikalisches Genie". Und das völlig zu Recht. Er ist ein begnadeter Pianist. Viel wichtiger allerdings: Gonzales bewegt sich mit einer Leichtigkeit wie nur wenige sonst durch die verschiedenen musikalischen Genres. Auch an diesem Mittwochabend bei seinem Solokonzert in München.

Der aus Toronto stammende Kanadier, der zurzeit in Köln lebt, ist der Prototyp des modernen Eklektikers, reißt die sowieso nur künstlichen Grenzen zwischen U- und E-Musik spielend ein. Bei ihm ist alles echt und unecht zugleich, wahr und falsch, Zitat und genialischer Einfall. Er hat lange an irrwitziger elektronischer Musik gebastelt, wollte sich zum Präsidenten des Berliner Musik-Untergrunds wählen lassen, hat Raps mit Symphonieorchester aufgenommen und einen Weltrekord aufgestellt: das längste Klavierkonzert aller Zeiten, mehr als 27 Stunden am Stück, 300 Lieder.

Dass Gonzales nun im seit Wochen ausverkauften Prinzregententheater auftritt, diesem kunstgeschichtlich kaum einzuordnenden Prachtbau, passt deshalb ziemlich gut. Gonzales vereint die leisen Töne und die herausfordernden, spielt mal barock, mal minimalistisch und vor allem: Der 40-Jährige verneint jede Hierarchie zwischen Hoch- und Popkultur - und legt damit vor allem die Intelligenz der Popkultur offen, als selbstbewusste, kreative Kraft.

Konsequent ist es da, dass er sein gesamtes Leben als ästhetisches Spiel aufführt. Chilly Gonzales, der eigentlich Jason Charles Beck heißt, ist eine große, ironisch-phantastische Inszenierung, die ein großes Ziel hat: Du sollst nicht langweilen.

"Pop ist Unterhaltung!"

In München ist Gonzales, um sein Album "Solo Piano II" vorzustellen, ein Album, das mit gefälligen Melodien aufwartet, aber grundsätzlich eher mäßig unterhaltsam klingt, dafür subtil und schwelgend. Auf der Bühne allerdings ist bei Gonzales nichts mäßig. Er ist Entertainer. Einer der besten Entertainer, die man im Moment auf einer Bühne erleben kann. "Das ganze Authentizitätsgewäsch macht mich rasend. Pop ist Unterhaltung!", sagt er selbst. "Was soll ich mit Leuten, die vor lauter hohlem Pathos vergessen, mich gut zu unterhalten?"

Gute Unterhaltung, kaum etwas ist schwieriger hinzubekommen. Gonzales schafft das in München locker. Und ist dabei von Musikkabarett so weit entfernt wie Mario Barth von lustig. Entertainment bei dem Genie Gonzales muss man auch als Denkvorgang beschreiben. Der Auftritt funktioniert als Symbiose zwischen dem Narzissten auf der Bühne und den Komplementärnarzissten im Publikum. Gonzales erkennt, was die Menschen von ihm denken und erwarten und entwickelt daraus eine Show, wie sie komischer nicht sein könnte.

Nach dem Blonden in Pink holt er sich Ute aus dem Publikum auf die Bühne. Und komponiert mit ihr am Flügel in fünf Minuten ein Lied. Anfangs noch etwas zurückhaltend, improvisiert Ute am Ende munter drauf los. Wie Gonzales sich darüber freut! Er macht sich nicht lustig. Er lacht nur hinauf, nicht hinab. Und sein Humor hat immer eine melancholische und größenwahnsinnige Dimension.

"Bruder Jakob ist tot"

Wenn er zum Beispiel Dur und Moll erklärt. Dur, das sei die Tonart des Status quo, die konservative Tonart. Die der Habsburger. Das Tonbeispiel überzeugt. Dann spielt er Bruder Jakob an. So wie es komponiert wurde, in Dur. "Ich höre hier: weniger Immigration. Keine Schwulenehe." Und dann Bruder Jakob in Moll. "Jetzt schläft Bruder Jakob nicht mehr, Bruder Jakob ist tot." Ach ja: Jeder, der Probleme mit dem Älterwerden hat, sollte sich "Happy Birthday" in Gonzales' Mollversion anhören.

Oder wenn er erklärt, wie sich die intimen Stücke vom Album auf der Tour verändern. Wie ein heiteres, leichtes Lied bei den Auftritten in den USA plötzlich "amerikanisch" klingt. Er spielt heavy, dröhnend, gewalttätig, hüpft auf seinem Klavierstuhl herum und grinst in sich hinein.

Meist aber lümmelt Gonzales mit gebeugtem Rücken über der Tastatur, quatscht viel zwischen den Liedern, auch auf Deutsch. Und hinterfragt sich dabei ständig selbst, macht sich über seine Rolle lustig. Man weiß, wie viel Arbeit das ist. "Entertainment ist Krieg", hat Gonzales einmal gesagt. Man spürt und sieht davon aber nichts. Auch nicht auf der Leinwand über der Bühne, auf der die Tastatur des Flügels gezeigt wird. Die Finger rasen. Die Ideen auch. Gonzales spielt seine Rolle mit überwältigender Leichtigkeit. Große Kunst.

Am Ende des Konzerts erzählt er von kanadischen Lagerfeuern und wie dort gesungen wird. Von der kreativen Gemeinschaft, die dann entsteht. Dann summt er dem Saal eine einfache Basslinie vor. "Hm, Hm." Das Publikum: "Hmm. Hmm." Gonzales schaut herausfordernd. Das Publikum: "Hmmm. Hmmm." Gonzales schaut enttäuscht. Das Publikum: "HMMMM. HMMMM." Und plötzlich brennt im Prinzregententheater ein Lagerfeuer.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1530091
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
Süddeutsche.de/afis/gba
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.