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Chemiefabrik:Olympia-S-Bahnhof mit Schwermetallen belastet: Sanierung kostet eine Million

Graffiti. Grünzone im Verlauf der alten Olympia-S-Bahn am Rande des Olympiaparks. Olympiabahnhof (Oberwiesenfeld)

Trostloses Eck: Seit 1988 gammelt der ehemalige Olympia-S-Bahnhof vor sich hin - sogar die rostenden Gleise stehen unter Denkmalschutz.

(Foto: Florian Peljak)
  • Das 6,5 Hektar große Gelände des Olympia-S-Bahnhofs soll saniert werden.
  • Das wird voraussichtlich mehr als eine Million Euro kosten, weil der Boden teils mit Schwermetallen verunreinigt ist.
  • Die Chemiefabrik Baerlocher streitet ab, daran schuld zu sein.

Von Anita Naujokat, Moosach

Die Stadt München muss mehr als eine Million Euro in die Hand nehmen, um den Boden des 1988 stillgelegten Olympia-S-Bahnhofs westlich der Landshuter Allee zu sanieren. Das geht aus einer Sitzungsvorlage des Kommunalreferates für den Kommunalausschuss des Stadtrates hervor. Die Stadt beabsichtigt, das insgesamt 6,5 Hektar große Gelände als durchgängige Nord-Süd-Grünverbindung mit Freizeit- und Erholungscharakter zu gestalten.

Sanierungsbedarf besteht laut Kommunalreferat für die Flächen unmittelbar neben den Gleisanlagen nördlich des Georg-Brauchle-Rings bis hoch zur Triebstraße. Untersuchungen ergaben, dass sich dort "erhebliche Bodenschadstoffe in Form von ,Roten Sanden' in einer Mächtigkeit von zirka zehn Zentimeter befinden" - also unmittelbar an der Oberfläche, die dringend entsorgt werden müssen.

An vielen Stellen ist die Erde kontaminiert

"Rote Sande" sei kein eindeutig definierter Begriff, erklärt Referatssprecher Bernd Plank, in diesem Fall handele es sich um sandartige Stoffe, die mit Schwermetallen verunreinigt sind.

Zwischen dem Bahnsteig und einem früheren Gewerbegebiet westlich des Bahnhofs seien außerdem bis zu drei Meter tiefe Auffüllungen entdeckt worden, die im oberen halben Meter Asche und Schlacke enthalten und erhöhte Schadstoffgehalte an polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) und Schwermetalle aufweisen. Auch nördlich des Empfangsgebäudes sind die Spezialisten auf kontaminiertes Erdreich gestoßen.

Das Kommunalreferat stuft alles zusammen als gefährlichen Abfall ein und dringt auf eine schnelle Beseitigung, da es immer schwerer vertretbar sei, dort noch den Zutritt zu ermöglichen. Zudem könnten sich, vor allem unmittelbar neben dem alten Industriegleis, noch Kampfmittel und Munition aus dem Zweiten Weltkrieg im Boden befinden. Das Oberwiesenfeld war Abwurfgebiet für Bomben; auch Bodenkämpfe sollen dort stattgefunden haben.

Die Stadt wusste von den Altlasten

So ganz überraschend ist der Befund nicht. Als die Stadt das Areal vor fünf Jahren von der Deutschen Bahn erwarb, wusste sie bereits von den Altlasten. Im Kaufvertrag vereinbarten beide Seiten deshalb eine finanzielle Beteiligung der Bahn an den Sanierungskosten bis maximal 280 000 Euro. Der ÖDP geht das aber nicht weit genug: In einem Änderungsantrag wird gefordert, auch andere Verursacher in die Pflicht zu nehmen, statt die Kosten dem Steuerzahler aufzubürden.

Explizit erwähnt sie die Chemiefabrik Baerlocher (Schreibweise bis 1997: Bärlocher). Der seit Langem weltweit agierende Konzern produzierte von 1912 bis 1993 in direkter Nachbarschaft zum späteren Olympia-Bahnhof an der heutigen Riesstraße zunächst Soda, Schuhcreme und Waschmittel, später Stereate, Stabilisatoren, Gleitmittel, Metallseifen und Additive für Kunststoffe.

Unternehmen verneint Schuld

Der einstige Stammsitz des Werks südlich des Berufsschulzentrums wird heute vom Bürokomplex "88North" eingenommen. In den jahrzehntelangen Emissionen des Chemiewerks sieht die ÖDP einen Zusammenhang zu den besagten Roten Sanden. Zitiert wird dazu unter anderem das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, das 1975 von 22 Abluftkaminen der Bleichemiefabrik berichtete.

Das Unternehmen selbst gibt sich unwissend. Auf die Frage, wie es zu den von der ÖDP erhobenen Vorwürfen steht, verweist es darauf, dass Baerlocher seit mehr als zwanzig Jahren keine Chemieproduktion mehr auf dem Grundstück an der Riesstraße betrieben habe; auf die Zeit davor wird nicht eingegangen. Das Unternehmen verweist nur allgemein darauf, dass der sichere, umweltschonende und regelkonforme Betrieb im Laufe der langen Firmentradition stets ein zentrales Anliegen von Baerlocher gewesen sei.

Dabei hatten anhaltende Proteste von Anwohnern und Umweltschützern das Unternehmen letztlich mit dazu bewogen, die Produktion an andere Standorte zu verlegen; 1998 gab die Zentrale auch den Stammsitz auf und residiert seitdem in Unterschleißheim.

Auf die Frage, ob und wie es sich in der Verantwortung sieht, antwortet das Unternehmen schriftlich: "Aufgrund der vorliegenden Faktenlage können wir weder die behaupteten Verunreinigungen von Grundstücken im dargestellten Bereich beurteilen noch eine rechtliche Verpflichtung zur auch nur teilweisen Tragung eines eventuellen Sanierungsaufwandes erkennen oder etwa Überlegungen zur Höhe eines solchen Aufwands anstellen."

SPD spricht von "Denkmalschutz-Posse um Geister-Gleise"

Der Kommunalausschuss wird sich über den ÖDP-Antrag hinaus noch mit einem anderen Antrag befassen müssen. Die SPD-Rathausfraktion fordert, im Zuge der Bodensanierung auch gleich die nutzlos gewordenen Schienen zu entfernen. Diese stehen ebenso wie das ehemalige Empfangsgebäude als Teil des "Ensembles Olympiapark" unter Denkmalschutz und sollen erhalten bleiben. Die SPD spricht hingegen von einer "Denkmalschutz-Posse um Geister-Gleise".

Es erschließe sich nicht, welchen Erhaltungswert die alten Schienen hätten und warum die Stadt Geld für ihren Fortbestand ausgeben sollte, zumal sie eine echte Aufwertung des Areals mit einer Fuß- und Radwegverbindung eher erschwerten. "Dass dagegen ein westlich der Anlagen gelegenes Industriegleis, das noch älter als die S-Bahn-Schienen ist, anscheinend problemlos entfernt werden kann, macht die ganze Sache noch weniger nachvollziehbar", sagt der SPD-Fraktionsvorsitzende Alexander Reissl.

Inzwischen hat die Stadt mit der für Sanierung und Kampfmittelsondierung erforderlichen Rodung des Wildwuchses auf den Trassen begonnen. Die Arbeiten hatte der Kommunalausschuss vorab genehmigt, damit sie noch vor Beginn der Vogelbrutzeit beendet werden können. Verschont bleiben breite Streifen an der westlichen Einzäunung und gegenüber am Hang zur Landshuter Allee sowie der Bewuchs auf den ehemaligen Bahnsteigen.

© SZ vom 27.02.2016/imei

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