bedeckt München 18°

Belastete Umwelt:Aufstand gegen die Schlote

Das Moosacher Werk entstand 1909. Die Firma produzierte unter anderem Seifen.

(Foto: Bärlocher)

Die Chemie-Firma Bärlocher musste der wachsenden Stadt weichen und zog nach Unterschleißheim

Von Philipp von Nathusius

Was passieren kann, wenn das Wachstum der Stadt die an ihrem Rand angesiedelten Industriegebiete einholt, zeigt das Beispiel der Firma Chemische Werke München Bärlocher GmbH (CWM): Das angestammte Industrieunternehmen wurde verdrängt, und zwar nicht von einem Konkurrenten, sondern von Wohngebieten. Im Jahr 1997 gab der Chemie-Produzent seinen Abschied aus München bekannt. Bis dahin hatte das Unternehmen im Münchner Norden fast 80 Jahre lang giftige Substanzen verarbeitet. So lange, bis der öffentliche Druck zu groß wurde.

Als die Unternehmer Anselm Kahn und Franz Wittmann sich im Jahr 1912 in München niederließen, errichteten sie ihre Produktionsstätte buchstäblich auf der grünen Wiese. Doch die Stadt kam näher, nach und nach umzingelte sie die Fabrik. Erst kam der Flughafen Oberwiesenfeld, es folgten der Mittlere Ring und der Olympiapark, schließlich Wohnanlagen und unmittelbar auf dem Anrainergrundstück eine Berufsschule. Etwas mehr als einen Kilometer entfernt lag das neu gebaute Hochhaus der Olympia-Pressestadt mit seinen vielen Balkonen.

Von dort hatten die Anwohner freie Sicht auf die Schlote der Chemiefabrik - und viele fürchteten gesundheitliche Schäden durch Abgase oder Schwermetalle im Boden. Bürgerinitiativen prangerten Bärlocher für die Verarbeitung von Blei an, und im selben Atemzug machten sie der Stadt München Vorwürfe, weil sie eine Betriebserlaubnis erteilt hatte. Im Jahr 1980 stellte das Unternehmen schließlich die Bleiverarbeitung in München ein. Die Proteste aber gingen nicht vorüber: Der Protest richtete sich nun gegen das ebenfalls bei Bärlocher eingesetzte hochgradig toxische Metall Cadmium. Bärlocher sprach von einer Diffamierungskampagne - und zog schon im Jahr 1978 erste Konsequenzen. Produktionskapazitäten wurden von der Eigentümerfamilie Rosenthal an andere Standorte verlegt, nach Norddeutschland etwa oder ins Ausland.

Zwanzig Jahre später verließen die CWM mit ihren verbliebenen 150 Mitarbeitern schließlich das angestammte Areal in Moosach und bezogen einen neuen Verwaltungssitz in Unterschleißheim. Dort fühle man sich willkommen, hieß es. Anders als in München, wo die Produktion nach eigenen Angaben längst auf "Labormaßstab" zurückgefahren gewesen war. Doch vor dem Verkauf musste Bärlocher sechs Jahre lang den tatsächlich verunreinigten Boden aufarbeiten lassen. Mittlerweile steht an Stelle der Fabrik der Bürokomplex "Eighty-Eight North". Wo vormals Waschmittel, Metallseifen und Kunststoff-Additive hergestellt wurden, riecht es nun nach Latte Macchiato.

© SZ vom 10.09.2015
Zur SZ-Startseite