München erlesen:Heitere Fassaden

Asta Scheib, 2016

Die Schriftstellerin Asta Scheib, hier fotografiert in ihrem Haus im Münchner Stadtteil Gern, hat schon viele erfolgreiche Romanbiografien geschrieben.

(Foto: Stephan Rumpf)

In ihrem Künstlerroman "Sonntag in meinem Herzen" taucht Asta Scheib in das Leben Carl Spitzwegs ein und findet einen oft abgründigen Maler.

Von Florian Welle, München

Viele Male ist Carl Spitzweg innerhalb seiner geliebten Heimatstadt München umgezogen. Dabei verlor er jedoch nie den Alten Peter aus den Augen. Immer war es ihm wichtig, weit oben zu wohnen mit Blick über Hausdächer und Türme, dem Trubel der Stadt zugleich nah und fern. Bilder wie "Die Dachstube" erzählen davon. Asta Scheib weiß um die Bedeutung des entrückten Beobachterstandpunkts für Spitzweg. In ihrem erstmals 2013 erschienenen Künstlerroman "Sonntag in meinem Herzen" nimmt die Beschreibung seiner verschiedenen Wohnungen breiten Raum ein.

Spitzweg, 1808 geboren und in der Eisenmann-, Ecke Neuhauserstraße aufgewachsen, bezog 1833 in der Dienergasse 9 seine erste eigene Wohnung. In dem Haus, einst im Besitz der Großeltern, richtete sich der studierte Apotheker und malende Autodidakt im vierten Stock ein und fühlte sich zum ersten Mal frei. "Hier konnte er die Morgenröte malen oder die schweren Farben der Nacht. Hier konnte er - alles", schreibt Scheib und lässt Spitzweg seinen jüngeren Bruder Eduard wissen: "Ich werde noch ganz stolz, weil ich so hoch über allen Menschen bin. Schau ich in die Tiefe, in den schwindelnden Schlund, so sehe ich ein Marionettentheater in Aktion."

Ein Leben, erzählt aus der Vogelperspektive

Nicht ganz zehn Jahre später wechselte er ins obere Stockwerk eines Hauses in der damaligen Pfandhausgasse, der Verbindung von Maximilians- und Promenadeplatz. Weitere Umzüge folgten, ehe er zu Beginn der 1860er Jahre in der Altstadt seine "verborgene Perle" fand, so Scheib. Die Adresse: Heumarkt 3. In die Wohnung im dritten Stock am heutigen Jakobsplatz mietete sich Spitzweg zunächst ohne "amtliche Erlaubnis" ein - erst 1875 sollte der ewige Junggeselle für seinen Schlupfwinkel das offizielle Wohnrecht erhalten. Hier hatte er, der wegen eines Venenleidens seine ausgedehnte Reisetätigkeit im In- und Ausland eingestellt hatte, noch mehr Ruhe zum Malen. Hier starb der Meister der pointierten, mit feinsinnigem Humor wie auf einer Bühne arrangierten Genrebilder, ehe er im letzten Lebensdrittel auch zur Landschaftsidylle fand, schließlich am 23. September 1885.

Asta Scheib, die im Bergischen Land geboren wurde, seit Jahrzehnten in München wohnt und schon viele erfolgreiche Romanbiografien vor allem von Frauen geschrieben hat, übernimmt in ihrem Buch Spitzwegs Blick auf die Welt. Die Schriftstellerin erzählt sein Leben aus der Vogelperspektive, die sie jedoch immer wieder aufgibt, um den Künstler, wie mit einem Fernrohr, nah heranzuholen. Auf diese Weise erhalten Leserinnen und Leser ein lebendiges Bild von Spitzwegs Leben und Kunst in seiner Zeit.

Carl Spitzweg

Der Maler Carl Spitzweg gezeichnet von Philipp Sporrer.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Bereits die ersten Kapitel führen die Verschränkung von Nah- und Fernsicht vor. Da verfolgen wir, wie Carl gemeinsam mit seinem älteren Bruder Simon die Heimatstadt spielend erobert: "Die Spitzweg-Buben gingen auf Entdeckungsreisen durch die Nachbarschaft. Allein die Gerüche machten sie schon neugierig, denn in der nächsten Nähe ihres Elternhauses lagen das Augustiner- und das Pschorrbräu mit ihren Sudhäusern ..." Bald kennen die beiden "jede Kirche, jedes Kloster und jeden Turm". Gleichzeitig arbeitet Scheib Spitzwegs Charakter heraus. Er war ein fleißiger, guter Schüler, stets heißt es in den Zeugnissen aber auch: "Zu große Ängstlichkeit."

Der frühe Tod der Mutter sollte ihn ebenso prägen wie später der seiner einzigen großen Liebe Clara kurz vor der Hochzeit. Der Tod des Vaters 1828 dürfte hingegen mehr Befreiung als Schmerz gewesen sein. Mit Carls Neigung zur Kunst konnte dieser nie etwas anfangen, die Söhne sollten etwas Anständiges erlernen. So wurde Carl zunächst Apotheker, ehe er sich, finanziell unabhängig, ganz dem Malen widmete. Doch auch wenn er Aufnahme in die Münchner Künstlerkreise fand, seine Bilder gekauft wurden - Moritz von Schwind lobte ihre "ironische Distanz" - plagten den umfassend gebildeten Spitzweg Gefühle "der Zweitrangigkeit, des Nichtgenügens".

Zu Spitzwegs Lebzeiten wütete allein die Cholera drei Mal in München

Spitzweg war bewusst, dass seine ewigen Hochzeiter, glücklosen Jäger und strickenden Wachtposten das Ihre dazu beitrugen, ihn als biedermeierlich abzutun. Asta Scheib zeigt das, wenn sie ihn sagen lässt: "Ich fürchte, meine Bilder werden oftmals gründlich missverstanden, so dass künftige Generationen an eine gute alte Zeit glauben werden (...) Dass die Polizei stets über alles wacht, übersieht man gern. Ich zeige Postkutschen, die durch idyllische Landschaften fahren. Niemand sieht, dass es einem darinnen verdammt schlecht gehen kann. Ich male hübsche Kinder, die miteinander spielen (...) Niemand sieht die Bedrohung, die Krankheiten oder das Grobe, Hartherzige der Obrigkeit."

Zu Spitzwegs Lebzeiten wütete die Cholera allein in München dreimal. Die Flucht aufs Land zieht sich wie ein roter Faden durch "Sonntag in meinem Herzen", das man heute, vor dem der Hintergrund der Pandemie, nochmal anders liest. Eindringlich die Beschreibungen von Quarantänemaßnahmen, "das einzige Mittel, die Seuche einzudämmen". Nicht selten jedoch war die Krankheit schneller, viele starben. Unter ihnen bereits 1829 sein Bruder Simon, 1854 die bayerische Königin Therese und 1874 Spitzwegs engster Weggefährte, der Landschaftsmaler Eduard Schleich d. Ä. Als einer der wenigen Zeitgenossen hatte dieser das Tragikomische in Spitzwegs Bildern erkannt.

Asta Scheib, Sonntag in meinem Herzen. Das Leben des Malers Carl Spitzweg. dtv, München 2017, 496 Seiten, 10,95 Euro.

© SZ/arga/chj
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