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Büke Schwarz & Kathrin Klingner:Zwischen den Welten

In ihren teils autobiografischen, gesellschaftskritischen Comics erzählen die beiden Zeichnerinnen von Künstlern in Krisenzeiten und Förstern im Online-Wald.

Von Ayca Balci

Elâ Wolf ist Malerin, die mit ihren Bildern Geschichten erzählt. Sie hat türkische Wurzeln - die aber ihrer Meinung nach nichts mit ihrer Kunst zu tun haben und eigentlich auch nichts mit dem Rest ihres Lebens. Jedenfalls bis zum April 2017. Mit dem Sieg der Ja-Fraktion im Verfassungsreferendum, der Präsident Erdoğan grünes Licht dafür gab, die Demokratie in der Türkei auszuhebeln, sieht sich Elâ plötzlich mit der politischen Situation in ihrer zweiten Heimat konfrontiert.

Dass Büke Schwarz' Comicdebüt von etwas im "Dazwischen" handelt, lässt schon das Cover erahnen: Die Protagonistin steht mit einem Fuß in Berlin, mit dem anderen in Istanbul. Durch die Mitte zieht sich ein großer Riss. Auf der einen Seite ein türkisches "evet" (ja), auf der anderen ein "hayır" (nein). Und im Dazwischen - genau dort, wo Elâ steht - eröffnet sich der Comictitel: "Jein" - Ein Wort, das in Schwarz' Geschichte eine wichtige Rolle spielt. Denn es deutet nicht nur auf den türkischen Referendumswahlzettel hin, sondern steht auch für die Frage, ob man als Künstler in Phasen politischer und gesellschaftlicher Umbrüche Stellung beziehen sollte. Nicht nur die Protagonistin stellt sich dieser Frage, sondern natürlich auch ihre Erfinderin: Beide sind Künstlerinnen und leben in Berlin, haben türkische Wurzeln, und eine optische Ähnlichkeit ist auch kaum zu übersehen. Mit ihren Tuschezeichnungen in vielen Graustufen unterstreicht Büke Schwarz die thematisierte Positions-Grauzone auch optisch und sorgt mit ihren detaillierten Panels voller raffinierter Anspielungen immer wieder für neue Aha-Momente. Eine ihrer großen Stärken: Sie ermöglichen Ausflüge in die Köpfe von Deutsch-Türken. Sehen kann man dabei nicht nur jubelnde Erdoğan-Anhänger, sondern glücklicherweise auch diejenigen, die nicht so entschieden hätten.

Autobiografisch angehaucht ist auch Kathrin Klingners "Über Spanien lacht die Sonne". Die Zeichnerin nutzt gerne mal ihre bisher vielen und - wie sie selbst sagt - teilweise bizarren Nebenjobs als Comic-Inspirationsquellen. Wie auch ihr Alter Ego namens Kitty arbeitete sie schon als Moderatorin für Onlinekommentare. Im Krisenjahr 2015 wird Kitty als Aushilfe in einer Internetagentur eingestellt. Denn mit der sogenannten "Flüchtlingswelle" schwappt auch immer mehr Hassbrühe durch das Netz, die es zu filtern gilt. "Wir lesen hier den ganzen Kram, den Leute im Internet schreiben, damit es der Rest der Welt nicht tun muss", erklärt der Agenturchef. Und dann sitzt Kitty auch schon vor Kommentar-Bergen voller Hass, Hetze und Verschwörungstheorien und muss in Sekundenbruchteilen darüber entscheiden: Ist das Meinung oder muss das weg? Der karikaturistische Comic zeigt aber auch, dass die Kommentare doch nicht einfach im virtuellen Papierkorb landen: Kitty und ihre Kollegen nehmen den Müll widerwillig mit nach Hause. "Über Spanien lacht die Sonne" macht ernste Realität, nämlich Hate Speech im Netz, zum Thema, und schafft es dennoch, die Absurdität des digitalen Zeitalters tragisch-komisch auf den Punkt zu bringen.

Büke Schwarz: Jein, Jaja Verlag, 24 Euro; Kathrin Klingner: Über Spanien lacht die Sonne, Reprodukt, 20 Euro

© SZ vom 18.06.2020

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