Lesung im Volkstheater Bela B schreibt einen vogelwilden Genre-Sprenger

Bela B tourt derzeit durch Deutschland, um sein Buch Scharnow vorzustellen. Hier ist er bei einer Lesung in Erfurt zu sehen.

(Foto: imago images / VIADATA)

Der Rockmusiker hat seinen ersten Roman verfasst. Das Buch ist anders, rallig, ein bisschen prollig. Bela B stellt es im Volkstheater vor.

Von Bernhard Blöchl

Bela B, der Stehtrommler der Ärzte, hat sich also auf seinen Hintern gesetzt und einen Roman geschrieben. Seinen ersten, da ist das Buhei groß. Bela B ist ja nicht nur einer der bekanntesten Rockmusiker hierzulande, er hat sich auch als Schauspieler und Synchronsprecher einen Namen gemacht. Sein Buch erfüllt nun die Erwartungen an ihn als ewig verschmitzten Krawallo. Denn "Scharnow", so heißt die episodenhafte Trash-Orgie über den fiktiven Ort in der Nähe von Berlin, ist Punk pur. Also Punk im Sinne von: anders, rallig und auch ein bisschen prollig. Und da der Titel seit ein paar Wochen in den Verkaufscharts hängt, übertrifft er die Erwartungen sogar.

Wohltuend ist das schon deshalb, weil sich hier einmal nichts Genormtes oder hochgejazzt Literarisches verkauft wie Tickets für eine Ärzte-Club-Tour, sondern ein vogelwilder Genre-Sprenger. Bela B, der sich als Autor Bela B Felsenheimer nennt, eine Kombination aus Pseudonym und bürgerlichem Nachnamen, bricht auf 414 Seiten mit infantilem Vergnügen gängige Plot- und sonstige Regeln, mischt Heimat- mit Fantasy-, Thriller- mit Liebes-, Comedy- mit Mystery-Elementen. Er lässt Dutzende Protagonisten auf den Leser los, er selbst hat "38 tragende Rollen" gezählt; er wechselt die Erzählperspektiven im Tempo von Tote-Hosen-Songs (blickt dabei auch in die Gedankenwelt von mordenden Büchern und homosexuellen Eichhörnchen); der Prolog-Held überlebt die ersten Seiten nicht; Tote landen auf einem "Seelenparkplatz", bevor sie reinkarnieren.

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Im ausverkauften Volkstheater, beim München-Stopp seiner Lesetour und dem Heimspiel aus Verlagssicht (Heyne Hardcore), bringt Bela B den Punk auf die Bühne. Das beginnt schon beim Outfit, einem grünen Pyjama zu Pantoletten, setzt sich mit dem Paffen einer Seifenblasenpfeife fort und hört bei "Mische" noch längst nicht auf, einem Mix aus Korn und Fanta ohne Zucker, das er live zusammen schüttet, um vier Becher davon durch die Reihen zu schicken.

Bela B, 56, ist Bühnenprofi, er ist ein angst-, scham- und scheinbar altersloser Entertainer, ein Grandseigneur des gepflegten Remmidemmis. In seinem Buch überschlagen sich derart Ereignisse: Am "Tag X", dem Kern der Handlung im scheinbar öden Scharnow, geschieht folgendes: Ein Literaturblogger stirbt, ein Supermarkt wird überfallen, ein Hund wird erschossen, ein fliegender Mann hält die Polizei auf Trab. Die Freak-Parade schließt Verschwörungstheoretiker, ein Pornosternchen und "Omili" mit Tourettesyndrom ein; Bela B konzentriert sich bei seiner Lesung vorrangig auf den "Pakt der Glücklichen", ein Säuferkollektiv mit Manifest ("Du darfst alleine trinken, aber nie alleine saufen"). Eine Schnapsidee spült die Männer, bewaffnet und nackt, in den einzigen Supermarkt des Kaffs - und löst eine Kettenreaktion des Skurrilen aus.

Der Autor liest so gut wie er bellt, die Rollenwechsel liegen ihm. Comic-Zeichnungen an der Wand illustrieren den Trash, zwischendurch gibt's Geräusche und Rex Gildo aus der Sound-Maschine. Die große Bela-Show ist bedudelnd, oft lustig, immer unterhaltsam. Wenn er zum Beispiel die Kollegen Juli Zeh und Ferdinand von Schirach ins Spiel bringt ("Nimm das, Juli Zeh!"), dann spürt man seine Freude an der irre klingenden Tatsache, dass er, "der sympathische Rock'n'Roll-Schlagzeuger" (Bela B über sich), plötzlich mitmischt im Bücherzirkus. "Ich sieze Sie übrigens den ganzen Abend, weil ich jetzt Bestseller-Autor bin", sagt er zur Begrüßung. "Bestseller-Autor" ist sein Lieblingsbegriff, er fällt häufiger als "Scharnow". Und ja, er übertreibt es mit dem großspurigen Spaß, wie er gerne mit allem übertreibt. Am Ende legt er sein bereits von der Leipziger Buchmesse bekanntes T-Shirt unter dem Pyjama frei, auf dem steht: "Spiegel  Bestseller".

All das verzeiht man ihm, der Abend: reines Vergnügen. Nur eine Wolke trübt die Heiterkeit, ein ernüchternder, spekulativer Gedanke zum kauzigen Buch: Handelte es sich bei "Scharnow" um das Debüt eines Unbekannten, kein großer Verlag hätte es gedruckt. Man muss wohl schon ein Star sein, damit Verlage das Andersartige wagen. Bela B kann nichts dafür, er darf gerne weiterbellen.

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