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Kultur in der Krise:Kino-Hits auf Halde

Die Bayerische Filmbranche startet durch in ein Jahr voller Ungewissheiten: Das Publikum erwartet ein attraktives Programm, die Macher befürchten Kannibalisierungseffekte

Von Josef Grübl

Selbst in Niederkaltenkirchen ist alles anders, dort interessiert man sich jetzt für semispannende Themen wie Home-Office, Hausbau oder die privaten Folgen des Brexits. In dem fiktiven niederbayerischen Dorf, Schauplatz der Kinofilmreihe um den Polizisten Franz Eberhofer, ist eine neue Ernsthaftigkeit zu verspüren, zumindest im jüngsten Film: "Kaiserschmarrndrama" setzt zwar nach wie vor auf Krimi, Kalauer und Kulinarik, die ganz große Ausgelassenheit ist aber weg - zwischendurch darf geweint werden.

Das passt wiederum zur allgemeinen Stimmung in der Branche, die irgendwo zwischen Zwangsoptimismus und Dauerdepression feststeckt. Noch hat die Filmförderungsanstalt (FFA) ihre jährlichen Kinobesucherzahlen nicht veröffentlicht, man muss aber kein Prophet sein, um eine miserable Bilanz vorherzusagen: 2020 hatten die Kinos fünf Monate lang geschlossen, auch im Sommer war der Betrieb aufgrund von Auslastungsvorgaben und Abstandsregeln nur eingeschränkt möglich. "Branchenweit gibt es einen Rückgang der Kinoeinnahmen von circa siebzig Prozent", sagt der Vorstandsvorsitzende der Constantin Film, Martin Moszkowicz. "An einen derart katastrophalen Rückgang kann ich mich nicht erinnern." Auch seine Firma ist betroffen: So sollte der eingangs genannte Krimi im Sommer starten, da bei den Eberhofer-Filmen aber Volksfeststimmung in den Kinos herrscht und diese mit Corona nur schwer zu vereinbaren ist, war eine Verschiebung unausweichlich. Jetzt soll er im August 2021 anlaufen.

Ob zu dieser Zeit wieder regulärer Kinobetrieb möglich sein wird, lässt sich momentan aber nicht sagen. "Es gibt keinerlei Planungssicherheit", sagt Moszkowicz. Was also tun, wenn der Pandemieverlauf unberechenbar bleibt und die Politik weiterhin "auf Sicht" fährt? Die Filmverleiher reagieren vor allem mit Verschiebungen: Es gibt viele Filme, deren Starttermine mittlerweile mehrfach verlegt, deren Premieren und Werbekampagnen abgesagt wurden. Das hat massive Produktrückstaus zur Folge: Denn es werden ja nicht nur deutsche Kinofilme zurückgehalten, sondern auch mindestens ein halber Hollywoodjahrgang, von den neuesten Marvel-Superheldenfilmen bis zu James Bond. Das Publikum darf sich 2021 auf ein attraktives Kinoprogramm freuen, die Branche befürchtet Kannibalisierungseffekte.

"Ja, das wird unausweichlich so kommen", weiß Martin Moszkowicz, "nicht jede Produktion wird ihr Publikum finden." Dabei hätten deutsche Filme einen kleinen Vorteil, so der Constantin-Chef, da ihre Verleiher flexibler auf die aktuelle Situation reagieren könnten als die Konkurrenz aus Amerika, die bisher ihre großen Filme weltweit an einem Wochenende in die Kinos schickte. In dieser Woche zog der Film-Fernseh-Fonds Bayern (FFF) Bilanz; zumindest aus Fördersicht verlief 2020 gut: In Bayern wurde im vergangenen Jahr an 3886 Tagen gedreht, im Vergleich zum Vorjahr (3968 Drehtage) ist das nur ein geringfügiger Rückgang - angesichts des wochenlangen Drehstopps im Frühjahr erscheint das erstaunlich. Es gab mehrere Corona-Hilfsprogramme, für neue Kinofilme wurden insgesamt 27,4 Millionen Euro bewilligt. Viele dieser geförderten Produktionen sollen im Laufe des Jahres anlaufen: Die neue Rosenmüller-Komödie "Beckenrand Sheriff" etwa, das Til-Schweiger-Projekt "Die Rettung der uns bekannten Welt" oder die Tragikomödie "Oskars Kleid" von und mit Florian David Fitz. All diese Filme wurden vergangenen Sommer unter strengen Auflagen gedreht. Noch vor der Pandemie fiel die letzte Klappe zur "Brandner Kaspar"-Fortsetzung "Der Boandlkramer und die ewige Liebe": Der letzte Film von Joseph Vilsmaier setzt auf Lokalkolorit, Humor und ein Starensemble, angeführt von Michael "Bully" Herbig und Hape Kerkeling.

Auch die prominent besetzten Literaturverfilmungen "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" und "Fabian" oder die Kinderfilme "Die Schule der magischen Tiere" und "Ostwind - Der große Orkan" sind startbereit. Sie entstanden zum Teil unter abenteuerlichen Bedingungen: Während die einen zu Beginn des ersten Lockdowns unterbrechen mussten und wie die Moritz-Bleibtreu-Komödie "Caveman" etwa erst im Sommer weitergedreht werden konnten, hatten andere großes Glück. "Wir waren um 23.30 Uhr fertig", erinnert sich der Münchner Produzent Philipp Worm an den Dreh des Films "Schachnovelle", nach dem gleichnamigen Buch von Stefan Zweig. Vom 17. März 2020 an durfte in Deutschland nicht mehr gedreht werden, deshalb setzten Worm und sein Firmenpartner Tobias Walker alles dran, den Dreh vorher abzuschließen, sie arbeiteten an den Wochenenden zuvor durch: Die letzte Klappe fiel am 16. März kurz vor Mitternacht.

Einige der genannten Filme wären vermutlich bei Festivals eingereicht worden. Aber finden sie überhaupt statt? Und wenn ja: In welcher Form? "Insgesamt wird sich das Festival-Business stark verändern", sagt die Geschäftsführerin des in München ansässigen Fachverbands German Films, Simone Baumann. Wie schon 2020 deutet alles auf mehr Hybrid-Veranstaltungen und kleinere Line-ups hin. "Ein Zurück zu 2019 wird es leider nicht mehr geben." Das Corona-Jahr war trotz aller Einschränkungen ein gutes Festivaljahr, mit mehreren deutschen Wettbewerbsfilmen bei der Berlinale oder der Einladung des Antifa-Dramas "Und morgen die ganze Welt" nach Venedig.

Deutsche Filme sind international gefragt, ausgerechnet hier spielen aber die von Kinoleuten argwöhnisch beäugten Streaming-Titel eine entscheidende Rolle: Ursprünglich fürs Kino vorgesehene Filme wie "Berlin, Berlin", "Asphalt Burning" oder "Wir können nicht anders" wurden direkt an Netflix verkauft. So werden sie weltweit gesehen - gut möglich, dass weitere Filme diesem Beispiel folgen. Derweil appelliert die FFA an die Länder, die Kinos bundesweit einheitlich wiederzueröffnen, anders würden große Filmstarts wenig Sinn machen. Die Branche wird trotzdem nicht mehr so weitermachen können wie bisher: Schon in den Jahren vor Corona liefen in den Kinos immer mehr Filme an, die von immer weniger Menschen gesehen wurden. Jetzt ist die Zeit gekommen, etwas daran zu ändern.

© SZ vom 06.02.2021/van
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