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Verkehr in München:Der Bau der zweiten Stammstrecke erfordert Opfer

Am kommenden Freitag können Anwohner erstmals die Großbaustelle besichtigen.

(Foto: Robert Haas)
  • Die Anwohner leiden unter dem Lärm, der durch den Bau der zweiten Stammstrecke entsteht.
  • Sorgen macht auch, dass Eidechsen auf der Baustraße von Lkw überfahren werden könnten. Um das zu verhindern, gibt es auf einer Rasenfläche nördlich der Stammstrecke jetzt einen Amphibienzaun.
  • Bei der Bahn versucht man, möglichst sensibel mit allen Anliegern umzugehen.

Tonnenschwere Bahnschienen stapeln sich wie Mikado-Stäbchen, daneben ragt ein riesiger Haufen Betonbrocken in den Herbsthimmel. "Das ist hier wie im Recyclinghof, alles wird per Hand getrennt", sagt Anke Hering. Die Bauabschnittsleiterin für die zweite Stammstrecke blickt fast etwas stolz auf die Haufen aus Schrott. Sie zeigen, dass etwas vorangeht an der riesigen Baustelle für die neue Röhre unter der Münchner Innenstadt. Mehrere alte Gebäude zwischen den S-Bahn-Stationen Laim und Hirschgarten sind in den vergangenen Monaten abgerissen worden, dazu alte Kohlebansen - Lagerschuppen für Kohle aus Zeiten, in denen Züge noch befeuert wurden. Auch ein Birkenwäldchen musste gefällt werden. Der Bau der zweiten Stammstrecke erfordert Opfer, nicht zuletzt Anwohner leiden unter dem Baustellenlärm. Doch jetzt gehen die Arbeiten in die nächste Phase.

Anke Hering steht am Montag vor einer riesigen Lärmschutzwand, dahinter verbirgt sich das neue Wohnquartier am Hirschgarten. "Wir machen regelmäßig Anwohner-Abende", sagt Hering. Sogar einen Bürgerbeauftragten, der die Sorgen und den Ärger der Baustellen-Nachbarn direkt an die entscheidenden Stellen bei der Bahn weitergeben kann, hat das Quartier. Dabei dürften die Arbeiten für die zweite Stammstrecke hier im Abschnitt "oberirdisch West" eigentlich rund um die Uhr stattfinden. "Aber das funktioniert nicht", sagt Hering. Besonders, als Dutzende schwere Eisenteile für eine provisorische Bahnunterführung in den Boden gerammt wurden, habe der Boden regelrecht gebebt.

Mitten in der Nacht will man das den Anwohnern nicht mehr zumuten. Überhaupt bemüht man sich bei der Bahn, zu zeigen, dass man möglichst sensibel mit den Anliegern umgeht. Sogar mit den Eidechsen, die auf altem Gleisschotter heimisch geworden sind. Auf einer Rasenfläche nördlich der Stammstrecke gibt es jetzt einen Amphibienzaun, damit die Eidechsen nicht auf die frisch fertiggestellte Baustraße kriechen, wo sie wohl unweigerlich von den Lkw plattgemacht würden.

Die Baustraße, die parallel der Gleise verläuft und an zwei Stellen zwischen der Friedenheimer Brücke und Laim ein Dutzend Rangiergleise unterquert, um auf das Baufeld für die neue Stammstrecke zu gelangen, ist soeben fertiggestellt worden. Am kommenden Freitag können Anwohner erstmals die Großbaustelle besichtigen. Viel zu sehen gibt es noch nicht. Neben den riesigen Haufen Schrott ist es vor allem das, was man nicht sieht, was die Dimensionen des Projekts verdeutlicht. Etwa 200 Meter westlich des Bahnhofs Laim wird die erste Weiche für die zweite Stammstrecke verlegt. In Richtung Innenstadt weitet sich dann das Baufeld, wo früher Gleise verliefen, auf bis zu einhundert Meter Breite bis zur Donnersbergerbrücke. Dort wird, wenn in etwa zehn Monaten die Vorarbeiten für die Tunnelbohrungen beginnen, das Aushubmaterial hingeschafft, das dann per Schiene in Richtung Westen gefahren und von dort aus entsorgt wird. Auf der jetzigen etwa zwei Kilometer langen freigeräumten Fläche verlaufen in Zukunft die zwei Gleise für die zweite Stammstrecke.

Richtig spannend für Baustellenfans wird es voraussichtlich im September 2019. Dann beginnt der Neubau des Laimer Bahnhofs; er wird auch ein paar Meter nach Norden versetzt. Gleichzeitig beginnen dann die Arbeiten an einer 90 Meter langen Stabbogenbrücke, über die dann die S-Bahnen auf der zweiten Stammstrecke die Gleise der bestehenden Gleistrasse überqueren. Die Bahn rechnet dann mit "massiven Sperrungen" der Strecke vor allem an Wochenenden. Die Brücke selbst wird voraussichtlich erst im Jahr 2023 langsam auf ihr Fundament geschoben.

Auch wenn von der künftigen Stammstrecke noch nicht viel zu sehen ist, versichert Anke Hering, man liege derzeit trotz einiger Verzögerungen im Zeitplan. Die Röhre soll nach den bisherigen Plänen 2026 in Betrieb gehen.

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