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Ausstellung:Giesing und die Welt

In ihrer Ausstellung "Friara und heit - Buidl von de Leit" spielen Alice Mikyna und Clemens Geyer mit den Grenzen von Raum und Zeit

"Napoli ist überall" steht unter einem Foto. Eine knapp bekleidete Blondine posiert auf einem Kleinkraftrad, dahinter versammelt Matronen, Kinder, ein Baby. Der stolze, weibliche Teil eines neapolitanischen Familienclans? Aufgenommen in einer der berüchtigten Altstadtgassen? So könnte man meinen. Wären da nicht der trübgelbe Briefkasten der Bundespost und das Schaufenster einer Schlecker-Filiale. Alice Mikyna fotografierte diese Szene in den Neunzigern in Giesing, ihrer Wahlheimat. Das Bild markiert den nicht chronologischen Startpunkt einer Zeitreise durch die vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte und zeigt einen gesellschaftlichen Querschnitt des Stadtteils im Münchner Osten.

Alice Mikyna "Napoli"

Napoli in Giesing: Alice Lucy Mikyna, in Prag geborene Wahlmünchnerin, porträtiert mit ihrer Kamera seit vielen Jahren Menschen, die das Viertel ausmachen und es prägen.

(Foto: Alice Mikyna/oh)

Gemeinsam mit dem Giesinger Urgestein Clemens Geyer, Bildhauer und Maler, stellt die gebürtige Pragerin Mikyna gerade in den Korridoren der Volkshochschule im Gebäude des ehrwürdigen wie baufälligen St. Martin-Spitals aus. "Friara und heit - Buidl von de Leit", so der Titel der Schau. Es ist ein Rundgang vorbei an zwei sehr unterschiedlichen ästethischen Ansätzen, den man als Betrachter hier unternehmen kann, weder Weg noch Reihenfolge sind vorgegeben. Wer möchte, kann sich erst mal an der einen Seite des Korridors von den Fotos durch die Zeit geleiten lassen, vorbei an den Kindern der Neunziger, dem grinsenden Händler eines Herrenoberbekleidungsgeschäfts, der offensichtlich guten Laune in den Nullerjahren. Oder aber man wirft den Blick abwechselnd auf Mikynas Fotografien und Geyers Gemälde, die an der gegenüberliegenden Wand hängen. Den Kopf im Schritttakt mal nach links und nach rechts gewandt und dann in die Ferne der Flure. So entsteht vor den Augen der Gegensatz zwischen Lokalem und Globalem, so öffnet sich Giesing für die Welt.

Alice Mikyna "Orangeboys"

Zuletzt waren Alice Lucy Mikynas Fotografien in der Ausstellung "Unsere Tela" zu sehen.

(Foto: Alice Mikyna/oh)

Die Zeitzeugnisse Mikynas sind fast alle in Schwarzweiß oder Sepia, nur wenige Fotos hat sie in Farbe gedruckt, entweder weil der Vergleich mit dem Früher oder die Farben selbst das so verlangen, wie auf dem "Napoli"-Bild oder dem Foto "Männer in Orange" - drei Müllfahrer in ihrer grellen Uniform, die den kulturellen Pluralismus Giesings widerspiegeln.

Clemens Geyer Auf zu neuen Ufern

"Auf zu neuen Ufern" nennt Clemens Geyer dieses Gemälde.

(Foto: Privat)

Einige Fotografien sind vergleichend und kontrastierend kuratiert: Mikyna stellt beispielsweise ein Kräuterweibl aus dem Jahr 2000 und den Betreiber einer Ingwer-Manufaktur, aufgenommen 2018, gegenüber. Globalisierung und mit ihr der Hipsterismus sind auch an Giesing angekommen, wenngleich die Serie sagen will: Kosmopolitische Kultur und Tradition, das schließt sich nicht zwangsläufig aus. Da ist etwa das Porträt des Nadelkünstlers Wasi in seiner "Hoftätowiererei". Das Studio scheint königlich-bayerische Handwerkszunft in blau-weiß-gerauteter Folklore mit den internationalen Designströmungen der Tattookunst zu verbinden. Auf der anderen Seite der Flure des Spitals dann das künstlerische Gegengewicht: Die Gemälde von Clemens Geyer lassen den Lokalkolorit Giesings hinter sich und zeigen eine bunte Welt. Keineswegs nur Positives, Farbenfreude ist das Gute nicht immanent. Das zeigt etwa das Bild der "Mahnblume", rot leuchtet sie aus einem trübbunten Feld heraus. Bisweilen wagen die Bilder Abstraktes, konkret weisen sie aber in die Ferne: die Osterinseln, eine orientalische Stadt. Die Werke stiften an, Neues zu wagen, das Gewohnte, ja vielleicht auch Giesing hinter sich zu lassen. So auch die Skulpturen, deren Form oder Materialität teilweise an fremde Kulturen erinnern. Die Ausstellung zeigt auf zwei ganz unterschiedliche Arten, was man sonst schnell übersieht. Das eine vielleicht, weil man zu nah dran ist, das andere wohl, weil es so fern ist: die Nachbarn daheim und da draußen.

"Friara und heit - Buidl von de Leit", noch bis 8. September in der Münchner Volkshochschule, Severinstraße 6, Montag bis Donnerstag von 9 bis 21 Uhr, Freitag bis 17 Uhr.