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Betteln in München:Wie leben von 61 Euro Rente?

Von ihrer bulgarischen Mini-Rente kann ein Ehepaar in München nicht überleben. Deswegen gehen ein 71-Jähriger und seine 62 Jahre alte Frau betteln. Doch die Ordnungsbehörden stufen sie als osteuropäische Bande ein und verpassen ihnen saftige Geldstrafen. Fragt sich nur: Warum?

Gar so scharf sei das seit 2007 verschärfte Vorgehen der Stadt München gegen Bettler nicht, hatte das Kreisverwaltungsreferat jüngst unterstrichen: Alteingesessene Demutsbettler würden in der Stadt ja toleriert, solange sie sich von der Fußgängerzone und dem Viktualienmarkt fern hielten. Nur gegen organisierte Bettelbanden gehe man vor - mit Hilfe der Polizei. Nun behauptet die Caritas, die Realität auf Münchner Straßen sehe anders aus.

Die Familie Karamfilov muss in einem einzigen Zimmer leben. Selbst dafür reicht die bulgarische Mini-Rente nicht aus.

(Foto: Stephan Rumpf)

Den Vorwurf, einer "organisierten Bettlergruppierung" anzugehören, erhebe die Stadt bei Bettlern einer bestimmten Herkunft so schnell, dass die Fakten kaum geprüft würden, behauptet Alexander Thal, der als Caritas-Sozialarbeiter im südlichen Bahnhofsviertel viele Bettler betreut. "Wer etwas dunklere Haut hat und einen bulgarischen oder slowakischen Pass, der fällt recht schnell in dieses Raster."

Thal verweist auf den Fall des 71 Jahre alten Bulgaren Sider Karamfilov Hadzhiev: Seit vier Jahren lebt der Rentner mit seiner Frau Zyumbyul, 62, in einer Einzimmerwohnung in München. Das Bußgeldregister, das in dieser Zeit entstanden ist, erstreckt sich über sechs klein bedruckte Seiten und endet mit einer Forderungssumme von 3776,50 Euro; es legt dem 71-Jährigen wiederkehrende Verstöße gegen das Bayerische Straßen- und Wegegesetz zur Last, das die Grundlage des Münchner Bettelverbots bildet.

Dass der Mann bettelt, weiß auch die Caritas: Die bulgarische Rente von 61 Euro pro Person genüge dem Ehepaar nicht, um seine Wohnung in Giesing zu halten, wann immer die Tochter ohne Arbeit sei, müssten die Rentner sich selbst behelfen.

Worauf sich allerdings die Einschätzung stützt, die Bulgaren seien "Mitglieder einer organisierten Bettlergruppierung"?

Diese Frage würden die Ordnungsbehörden offen lassen, sagt Thal - wie auch bei weiteren bulgarischen Familien, welche die Caritas in ihrem Innenstadt-Zentrum betreut. Es gebe eine "ganze Anzahl" betroffener Ausländer, fügt der Leiter de Zentrums, Willibald Strobel-Wintergerst, hinzu.