Kritik:Schönstes Scheitern

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Kritik: Mal zornig, mal leise, sanft und verhalten: Bariton André Schuen.

Mal zornig, mal leise, sanft und verhalten: Bariton André Schuen.

(Foto: Guido Werner)

Ein Liederabend mit dem Bariton André Schuen und seinem Pianisten Daniel Heide

Von Klaus Kalchschmid, München

Kein anderes Medium wie das vom Klavier begleitete Lied könnte mit solcher Klarheit, Intensität und Vielschichtigkeit die Tragödie eines jungen Burschen erzählen, der seine ersten Schritte in die Welt unternimmt und furchtbar scheitert. Während am Anfang von Franz Schuberts "Die schöne Müllerin" nach Gedichten von Wilhelm Müller kurz frohgemute Heiterkeit herrscht, wird bald klar, dass dieser 17-jährige Müller vom ersten Verliebtsein dauerhaft aus der Bahn geworfen wird. Offensichtlich ein geborener Melancholiker, war ihm "auf Erden nicht zu helfen", wie Heinrich von Kleist vor seinem selbstgewählten Ende von sich schrieb.

Im Mai 2020 nahm André Schuen mit seinem kongenialen Pianisten Daniel Heide den Zyklus für CD auf. Nun präsentierten ihn beide live im Prinzregententheater. Und die Facetten des subtil Gesungenen und luzide Gespielten waren noch feiner, differenzierter und erschütternder. Ganz klar wurde im Schulterschluss der beiden, dass das Klavier den Bach ("das Bächlein") darstellt: Mit ihm kommuniziert aufs Innigste der junge Kerl wie mit einem besten Freund oder auch einer Geliebten. Ihm erzählt er alles, bei ihm sucht er immer wieder Rat und am Ende - den Tod.

Wie Schubert diese Symbiose in Musik fasst, ist schlicht ein Mirakel. Beim Zuhören verursacht es selige Beklemmung, vor allem wenn es so dargeboten wird wie hier: Der 37-jährige Bariton berichtet vom blutjungen Mann mal wie ein unbeteiligter Erzähler, mal schlüpft er ganz direkt in seine Haut. Dann wird der Ladiner viril zornig oder nimmt seinen überaus schönen, kernigen Bariton ins dreifache Piano zurück und wird ganz leise, sanft und verhalten. Staunt da einer noch über sich selbst oder ist er schon "der Welt abhanden gekommen"?

Da war es folgerichtig, dass als Zugabe einzig die traumverlorene Schubert-Vertonung von Friedrich Rückerts "Du bist die Ruh', du bist der Frieden" folgen konnte.

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