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Amoklauf in München:Hänseleien, Hass und am Schluss zehn Tote

  • Der Abschlussbericht zum Amoklauf beim OEZ versucht zu klären, was David S. zum Mord an neun Menschen trieb.
  • Mehrfach war der 18-Jährige wegen psychischer Störungen behandelt worden, geheilt wurde er nie.
  • Offenbar hätte nur der Mann die Tat verhindern können, der David S. die Waffe verkaufte.

Neun Menschen sind tot. Erschossen, wahllos, zufällig. Am Abend des 22. Juli 2016 getötet von einem zornigen 18-Jährigen, der überwältigt war von seinem Hass. Fast acht Monate liegt der Amoklauf von David S. zurück, am Freitag erklärte das Landeskriminalamt (LKA) die Ermittlungen offiziell für abgeschlossen. Das Ende des Amoklaufs in Moosach, im McDonald's und dem Olympia-Einkaufszentrum, war auch das Ende von David S. Der 18-Jährige richtete seine Pistole gegen sich selbst. Er ist der zehnte Tote. Für die Polizei gab es keinen Täter zu ermitteln, für die Staatsanwaltschaft keine Anklageschrift zu verfassen, für die Opfer keinen Prozess. Und doch sehen sich die Ermittler in der Pflicht, das Unfassbare ein bisschen fassbarer zu machen, indem sie die Tat so weit wie möglich aufklären, Antworten finden.

Viele davon stehen jetzt auf den mehr als 170 Seiten des Abschlussberichts von LKA und Staatsanwaltschaft. Die Ermittler führten mehr als 2000 Befragungen von Zeugen durch, sichteten über 1000 Videos, suchten nach Mitwissern und -tätern, fahndeten nach dem Waffenhändler, der David S. die Neun-Millimeter-Pistole verkaufte. Und sie versuchten zu verstehen, warum der 18-Jährige zum Amokläufer wurde.

Amoklauf in München Timeline der Panik
Amoklauf im Juli in München

Timeline der Panik

Ein Täter, ein Tatort - und eine Stadt in Angst: Wie aus dem Münchner Amoklauf ein Terroranschlag mit 67 Zielen wurde. Eine Rekonstruktion.

Das Motiv

Was David S. zu seiner Tat trieb, und ob sie durch eine psychische Krankheit ausgelöst wurde, lässt sich mit letzter Sicherheit nicht sagen. Die Ermittler fanden aber viele Puzzleteile, die sich zu einem Bild formen lassen. "Schon in frühester Kindheit wurden bei ihm psychische Störungen diagnostiziert", berichtet der Leitende Oberstaatsanwalt Hans Kornprobst am Freitag. David S. war ein Außenseiter. Es fiel ihm schwer, Freundschaften zu schließen. Mitschüler hänselten ihn, schlugen wohl auch zu. Die Polizei notiert "körperliche Misshandlungen". In David S. wuchs Hass heran. Hass auf alle, die ihn mobbten. Und Hass auf alle, die ihnen ähnelten, in seinem Fall Menschen mit südosteuropäischen Aussehen.

David S. flüchtete sich in Gewaltfantasien, schuf sein eigenes, "völlig irrationales Weltbild", so Kornprobst. Er malte sich aus, seine Mitschüler seien mit einem Virus infiziert, und er müsse sie deswegen vernichten. Er wollte Rache üben an seinen Peinigern, entwickelte eine Faszination für Amokläufer, insbesondere für den norwegischen Massenmörder Anders Breivik, der 77 Menschen getötet hat. David S. reiste auch nach Winnenden, wo im März 2009 ein 17-Jähriger 15 Menschen und umbrachte und dann sich selbst. Politisch motiviert war seine Tat wohl nicht, sagen die Ermittler. "Die Auswahl der Opfer basierte auf seinen persönlichen Erfahrungen."

Die Vorbereitungen

Seinen Eltern verheimlichte er den Ausflug nach Winnenden. Überhaupt war er laut Oberstaatsanwältin Gabriele Tilmann sehr geschickt darin, seine wirren Fantasien zu verbergen. Als seine Eltern das Buch "Amok im Kopf: Warum Schüler töten" in seinem Zimmer fanden, habe er sie mit einer Lüge beruhigt: Er müsse ein Referat in der Schule darüber halten. Sie glaubten ihm. Später, nach dem Amoklauf, erreichten die Eltern zahlreiche Morddrohungen, bis heute befinden sie sich in einem Opferschutzprogramm. Dass David S. Probleme hatte, war nicht zu übersehen, aber niemand ahnte, wie schlimm es wirklich um ihn stand. Mehrfach wurde er wegen psychischer Störungen behandelt, auch mit Medikamenten, offenbar bis zuletzt. Die Ermittler gehen davon aus, dass er seine Tat etwa ein Jahr lang vorbereitet hat.

"David S. hat die Tat allein geplant und allein durchgeführt", teilt das LKA mit. Es wurde zwar zeitweise gegen einen 16-Jährigen ermittelt, mit dem sich David S. kurz vor seinem Amoklauf getroffen hatte, doch die Polizei fand keine Belege dafür, dass er von der geplanten Tat wusste. Auch Familienmitglieder, Ärzte und Lehrer des 18-Jährigen wurden vernommen, doch offenbar waren alle ahnungslos.

Dem Waffenverkäufer jedoch, der David S. eine Glock 17 und Hunderte Schuss Munition besorgte, wird der Prozess gemacht. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen den 32-Jährigen erhoben. Ihm werden fahrlässige Tötung in neun Fällen, fahrlässige Körperverletzung in fünf Fällen sowie Verstöße gegen das Waffengesetz vorgeworfen. Er und David S. waren sich im Darknet, einem anonymen Bereich des Internets, handelseinig geworden. Die Übergabe erfolgte am 20. Mai 2016 in Marburg. David S. bezahlte 4000 Euro. Das Geld hatte er sich über Jahre hinweg angespart, mit dem Austragen von Zeitschriften und mit bezahlten Praktika.

Mit der Waffe übte der 18-Jährige das Schießen im Keller des Hauses, in dem er mit seinen Eltern lebte. Er ballerte auf Zeitungsstapel und filmte sich dabei. 107 Schuss gab er ab, mindestens. Nach dem Amoklauf prüften Gutachter, ob Nachbarn die Schüsse hätten hören können. Das Ergebnis: Ein bisschen Krach vielleicht, aber nichts, was als Schuss zu identifizieren gewesen wäre. Am 18. Juli, nur vier Tage vor seinem Amoklauf, kaufte David S. noch mehr Munition, für 350 Euro. Wieder von dem 32-Jährigen, wieder in Marburg. Später wird die Polizei insgesamt 567 Patronen und Hülsen sicherstellen.