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Altenpflege:Erinnerungen zum Anfassen

Im Münchenstift-Altenheim an der St.-Martin-Straße soll ein Green-Care-Garten mit Kräuterbeeten und Nutzpflanzen dementen Bewohnern Anstöße geben. Zum Konzept gehören auch Tiere und ein Häuschen, das den Alltag vergangener Jahrzehnte abbildet

Else Stocker ist eine kleine, gepflegte Frau, gut frisiert, Kette um den Hals. Die 86-Jährige war Kindergärtnerin. Ihre Mitbewohnerin kommt zur Tür herein. Sie lächeln sich an: "Die wächst auch hier", erklärt Frau Stocker ihren Töchtern Ulrike Högel und Susanne Wagner. Ein schöner Ausdruck, wenn auch nicht ganz korrekt. Das Wörtchen "wohnen" hatte sie aber gerade nicht parat. Else Stocker ist eine der 25 demenziell erkrankten Personen in der beschützten Abteilung des Münchenstift-Altenheims an der Giesinger St.-Martin-Straße.

Schal, Handtasche: Die Familie rüstet sich zu einem kleinen Spaziergang im gut eingezäunten Garten. Der Zaun ist wichtig, denn von weiteren Ausflügen würden die Bewohner nicht alleine zurückfinden. Der Garten ist wichtig, denn Menschen mit Demenz sind meist noch mobil und haben einen starken Bewegungsdrang. Unter freiem Himmel werden sie ruhiger, ausgeglichener. "In den vergangenen drei Jahren vor ihrem Umzug habe ich sie betreut und bin so viel wie möglich mit ihr spazieren gegangen", erzählt eine Tochter. Else Stocker sammelt bunte Blätter auf, betrachtet mit Sachverstand die Kräuter im Hochbeet. Früher hegte und pflegte die Familie selbst einen großen Garten, erzählen die Töchter. Ihr Opa, Frau Stockers Vater, hatte Hühner, zog seine Kartoffeln selbst. Diese schönen Kindheitserinnerungen sind der alten Dame noch präsent.

Heimleiterin Selda Ikonomou und Münchenstift-Geschäftsführer Siegfried Benker wissen, dass sich ihre Schützlinge "zuhause fühlen" im Garten. Doch jetzt, sagt Benker, sei dieser noch nicht "würdig gestaltet". Das will er ändern. Die Grünfläche zur Werinherstraße hin soll zu einem kleinen Paradies werden für die "demenziell veränderten Menschen", wie Benker sie fachgerecht nennt. Die vorhandene Bushaltestelle mit der Bank hat er abbauen lassen, er fand, man solle auch Demenzpatienten nicht veralbern mit einem solchen "Fake", das sei nicht korrekt.

Für ihren neuen Wunschgarten haben die Verantwortlichen bereits ein Green-Care-Konzept, ähnlich dem, das sich im Alfons-Hoffmann-Haus von Münchenstift in Pasing schon bestens bewährt. So brauchen die Bewohner zunächst eine schattige Terrasse, schön eingewachsen, mit Rosen vielleicht. Wichtig ist auch ein Geländer am Weg. Dann soll es noch viel mehr Nutzpflanzen geben als jetzt im Kräuterbeet: Die Bewohner selbst sollen pflanzen, mit ihren Händen in die Erde fassen, später auch pflücken, ernten, riechen, kosten, was da wächst, Johannisbeeren zum Beispiel. "Wir wollen weg vom Kognitiven, die Sinne ansprechen", sagen Benker und Ikonomou. Über die Emotionen, die solche Erlebnisse wecken, könnten Bewohner wie Else Stocker Zugang bekommen zu alten Erinnerungen. Angehörige bekämen dadurch wieder Anknüpfungspunkte für Gespräche. Töchter und Söhne seien sicher auch oft froh, wenn sie mit ihrer Mutter oder ihrem Vater etwas Praktisches tun können.

Deshalb solle es auch Tiere geben: "Hühner", sagt Selma Ikonomou. Fünf bis sechs sollten es schon sein. Man könne sie beobachten, füttern, aber auch auf den Schoß nehmen und streicheln, Hühner seien sehr geduldig. Tiere vermittelten zudem Sicherheit, wenn es im Kopf drunter und drüber geht. Denn in schlechteren Zeiten, als die Menschen ärmer waren, war es ein Luxus, jeden Tag ein frisches Ei zu bekommen. Und dann ist da der kleine Hund von Stationsmanagerin Laura Otto: Klitschko. Auch er spricht die Emotionen an. Laura Otto beobachtet, dass alle ihn lieben - und dass die meisten sich erstaunlich gut merken können, dass Klitschko zu ihr gehört.

Im Eck im Garten steht bereits ein kleines gemauertes Häuschen mit Sprossenfenstern, früher wohl ein Lager für Gartengerät. Das ist geradezu perfekt für ein "Erinnerungshaus". Ein alter Herd im Zentrum, eine Sitzecke für viele, wie früher in der Großfamilie. Dazu Dinge, die damals zum Alltag gehörten, eine Nähmaschine etwa, alte Puppen oder ein Telefon mit Wählscheibe. Die Einrichtung solle bunt sein wie es in den Sechziger- oder Siebzigerjahren modern war. Ein Museum solle das Erinnerungshaus nicht werden, jeder dürfe die Gegenstände benutzen, herumtragen. Man habe schon einiges gesammelt, doch um das Inventar zu vervollständigen, werde sie sich mit Vergnügen auch auf Flohmärkten umsehen, sagt Heimleiterin Ikonomou, die so gerne auch noch eine Hollywoodschaukel da stehen hätte.

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Nicht alles, was der neue Green-Care-Garten braucht, wird sich auf dem Flohmarkt finden, daher kann das umfassende Konzept samt Hühnern nur verwirklicht werden, wenn das Giesinger Haus dafür Spenden bekommt. Dann würde Siegfried Benker gleich mit der Umgestaltung anfangen, damit die Bewohner den neuen Freiraum schon im Frühsommer nutzen können. Else Stocker wird es genießen.