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Werksviertel:Die Turmspringerin vom Ostbahnhof

Auf dem Zehn-Meter-Brett: Jörg Herzmöchte die Passanten mit seiner Turmspringerinzum Schmunzeln bringen.

(Foto: Privat)

Ein Künstler will auf dem Dach seines Ateliers eine lebensgroße Holzfigur installieren. Die sieht aus, als ob sie gleich springt. Und steht genau deshalb für Mut und Lebensfreude.

Jörg Herz saust über den Hof auf eine dunkelgrüne Plastikplane zu. Unter ihr liegt - halb aufgedeckt - eine lebensgroße Figur. Nun kniet sich der Künstler neben seine Skulptur und hält den abgebrochenen Kopf in den Händen. Bestürzung ein paar Schrecksekunden lang. Dann aber stemmt Herz die 1,60 Meter große Sägearbeit mit etwas Ächzen in den Stand und setzt ihr den Holzkopf wieder auf den gedrungenen Rumpf. "Nicht schlimm, da mach' ich einen Metalldübel rein."

Unwillkürlich blickt man nun nach oben, die altrosa Fassade des etwa zehn Meter hohen Bürogebäudes hinauf bis zum Rand des Flachdachs. Nein, nein, sie kam nicht von da oben geflogen. Eine heftige Böe hat sie hier unten auf den Parkplatz von ihren strammen Holzbeinen gefegt. Die Turmspringerin.

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Noch nämlich steht sie nicht in olympiareifen zehn Metern Höhe auf ihrem Sprungbrett. Jenes will Jörg Herz mit einer aufwendigen Konstruktion auf das Dach des Gebäudes an der Friedenstraße 25 installieren lassen, in dem er, der Maler, Bildhauer und Grafiker, sein Atelier hat. Noch ist sie nicht weithin sichtbar für alle, die am Rande des Werksviertels unterwegs sind, am Ostbahnhof auf die S-Bahn warten oder in einem der Züge Richtung Salzburg oder Innsbruck sitzen.

Der 54-Jährige, so jedenfalls seine Idee, möchte den Leuten mit seiner sprungbereiten Holzdame "ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern". Außerdem soll seine Skulptur ein Statement sein "für Mut und Lebensfreude".

Die Holzdame hat die Arme weit geöffnet, so wie die Christusstatue von Rio de Janeiro, aber natürlich fehlt ihr jedes Pathos. Jörg Herz hat sie mit der größten Kettensäge, die er besitzt, und mit Mut zum Kantigen aus einem Holzblock herausgeschält. Kraftvoll, ausdrucksvoll ist sie, mit Händen wie Pranken, wuchtigen, muskulösen Bizeps. Oder sind es Andeutungen von Winkearmen?

Eines ist klar, seine Turmspringerin ist kein Magermodell oder Püppi. Sie hat Hüfte, Hintern und eine stattliche Körbchengröße. Eine reelle Frau eben, sagt Herz, frei, selbstbewusst und mutig, eine, die keine Angst davor habe, den Boden unter den Füßen zu verlieren, sich ins Leben hineinzuwerfen. Der Künstler wird ihr noch einen roten Badeanzug auf ihr Holzfleisch malen, die Mani- und Pediküre ebenfalls rot, und der Pferdeschwanz sagt uns, sie ist eine Brünette.

Seit zwei Jahren hat der Künstler sein Atelier im Bürobau an der Friedenstraße, direkt neben den Gleisen. Früher hat er in der Werbung als Grafiker gearbeitet, hatte eine eigene Agentur mit 30 Angestellten, für die er sich verantwortlich fühlte. Dann, zehn Jahre ist das her, zog er die Reißleine. Er wollte nicht länger am Sonntagabend mit Bauchschmerzen zu Bett gehen, psychosomatisierend vor Stress und dem Verantwortungsdruck, der ihn unter der Woche wieder erwartete.

Heute verdient er sein Geld als freischaffender Grafiker und hat viel mehr Zeit für das, was er an der Hochschule in Pforzheim einst gelernt hat: Malerei und Bildhauerei. Niemanden stört es im Bürobau an der Friedenstraße, wenn Jörg Herz zu einer seiner Kettensägen greift, er tut dies vorzugsweise nach 18 Uhr, wenn die anderen Parteien nicht mehr im Haus sind. Und wenn er im Freien, also im Hof, sägt, fällt er auch niemandem auf die Nerven. Es gebe, sagt er, keine direkten Anwohner, und auf den Gleisen hin gehe es eh laut zu.

Die Idee zu seiner Turmspringerin kam dem Künstler, als er wieder einmal im Hof sägte. Doch der Weg vom Gedanken zur Tat war auch für ihn kein einfacher. Erst einmal musste er seinen Vermieter überzeugen, der natürlich Angst um sein Flachdach hatte. Weshalb sich Herz eine gebäudeschonende Konstruktion mit zwei U-Trägern ausgedacht hat, die an den Außenwänden montiert werden sollen und die dann das Sprungbrett mit der Skulptur tragen werden.

"Das ist allerdings eine Nummer zu groß für einen Künstler", sagt er. Ihm war klar, dass er einen Architekten für den Bauantrag, einen Statiker für die Berechnungen, einen Metallbauer für die Eisenkonstruktion und einen Elektriker für Blitzableiter und Beleuchtung brauchen würde, wenn aus einer verrückten Idee etwas werden sollte. Doch er hatte Glück, Unterstützung bekam er von einer befreundeten Architektin.

Die Genehmigungen für seine Installation hat er, nur das Geld fehlt ihm noch.

(Foto: Privat)

Regine Stoiber von der Münchner Architektengruppe Gutekunst hat für ihn den Bauantrag bei der Lokalbaukommission (LBK) gestellt und hatte, anders als man vielleicht erwarten könnte, dort kaum Probleme: "Es war nicht schwierig, bei der LBK eine Genehmigung zu bekommen, da bereits der erste Beratungstermin in der Infothek der LBK sehr positiv war, und sich alle dort bemüht haben, schnell und unbürokratisch eine Lösung zu bekommen." Es gebe, so Stoiber, auch ein Referenzprojekt, nämlich die Figur am Kaufinger Tor. "Nach diesem Vorbild wurde dann unser Bauantrag auch aufgezogen."

Jörg Herz hat für seine Dachinstallation nun also alle nötigen Genehmigung beisammen, finanziell gesehen steht die Turmspringerin allerdings noch auf etwas instabilen Beinen. Weshalb er ein Crowdfunding-Projekt gestartet hat (www.startnext.com/turmspringerin). 16 000 Euro will er über das Portal an Unterstützung zusammenbekommen für sein "gemeinnütziges Projekt".

Sollte alles gut laufen, dann wird seine mutige Holzdame, der auch noch ein Name fehlt (Vorschläge willkommen: joh@joergherz.com), am 22. August ihre Position auf dem Sprungbrett einnehmen. Und dann werden alle, die sie aus nächster Nähe oder weiter Ferne betrachten, sich vorstellen, wie sie sich mit einem viereinhalbfachen Salto vorwärts ins Leben stürzt oder einfach nur eine richtig gute Arschbombe macht.