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Einheitsjubiläum:Mauern im Kopf

Weißwasser - Sonnenberg-Siedlung

Ein Graffiti in der Sonnenberg-Siedlung im sächsischen Weißwasser

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Auch dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung wird die Andersartigkeit des Ostens immer noch betont. Doch es sollte auch Zeit sein, über die Versäumnisse zu sprechen. Und den progressiven Kräften deutschlandweit Gehör zu verschaffen.

Kommentar von Ulrike Nimz, Leipzig

Bei welcher Gelegenheit "die Lebensleistung der Ostdeutschen" zur Phrase wurde, lässt sich schwer sagen. Vielleicht, als Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) Anfang September durchs Erzgebirge reiste und die "wunderbaren Städte und Landschaften" lobte, so als könnte Helmut Kohl ihn noch hören. Oder als die SPD vergangenes Jahr zu einem "Ost-Konvent" trommelte und die Genossen Selfies im Trabi schossen. Möglicherweise, als der Grünen-Chef Robert Habeck auf einer Zuhörtour durch Thüringen großmütig versprach, das Bundesland "frei und demokratisch" zu machen. Naht das Einheitsjubiläum, wird routiniert gewürdigt und anerkannt, vor allem, wenn auch noch gewählt wird.

Lebensleistung - das klingt nach Schulterklopfen, nach etwas, das man am Rand eines Grabes sagt. Was ist damit gemeint? Der Mut, mit einem Spruchband auf die Straße zu gehen, während Scharfschützen bereitstanden? Ausnahmekarrieren wie die von Hiltrud Werner, aufgewachsen in Apolda, heute einzige Frau im Volkswagen-Vorstand? Sind die gemeint, die in den "national befreiten Zonen" der Neunzigerjahre den Baseballschläger schwangen?

Die Rede von der Lebensleistung mag gut gemeint sein, doch sie legt die Schwächen des innerdeutschen Diskurses offen. Noch viel zu oft wird "dem Osten" eine soziokulturelle Homogenität zugeschrieben, die es nie gab. Wer fordert, man müsse den Ostdeutschen Respekt zollen, erklärt die Menschen in den ewig neuen Ländern erneut zu einem Kollektiv der irgendwie Benachteiligten.

Paternalistische Zwischentöne haben das Ost-West-Verhältnis immer wieder strapaziert. Der Schriftsteller Lukas Rietzschel, 1994 in der Oberlausitz geboren, spitzte die Trias westdeutscher Zuschreibungen seit der Wende mal wie folgt zu: Stasi, Neonazis, Enttäuschte - kaum ein Wort über Erfolge. Selbst das Wort Mauerfall, so Rietzschel, klinge doch, als sei das Ding von selbst zusammengekracht.

Zum 20. Mauerfalljubiläum 2009 war es die ehemalige DDR-Bürgerin Angela Merkel, die Bilanz zog: Sie verfolge mit Freude, dass man bei jungen Menschen nicht mehr unterscheiden könne, ob sie aus dem Osten oder aus dem Westen kämen. Zehn Jahre später spaziert Pegida noch immer durch Dresden, in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wählt fast jeder Vierte eine Partei, die ihren Wählern zuruft: Ihr seid nicht rechtsextrem, ihr seid Patrioten! Ihr seid nicht abgehängt, ihr seid das bessere Deutschland! Seit die AfD einen ostdeutschen Nationalchauvinismus befeuert, sind die Lebensleistungen der Menschen von Ahrenshoop bis Zittau wieder bundesweit von Interesse. So als müsste man nur ausdauernd genug loben, dann hören die schon auf, ihr Kreuz bei den Falschen zu setzen.

Die Andersartigkeit des Ostens, sie ist mit geradezu therapeutischem Eifer beschrieben worden. Dass im Osten des Landes anders gewählt wird, hat jedoch weniger mit Treuhand-Trauma oder persistierendem Autoritarismus zu tun als mit millionenfacher Abwanderung junger, gut ausgebildeter Menschen. Sie fehlen auf der Straße, in den Parlamenten, in den Dörfern, wo in jedem zweiten Garten ein Trampolin steht, aber nur einmal im Jahr die Enkel aus Bayern zum Springen kommen. Wo aber die politische Mitte entvölkert ist, können Rassisten unwidersprochen behaupten, das Volk zu sein.

Die Lebensleistungsrhetorik verkleistert die Auseinandersetzung mit politischen Wirklichkeiten. Mit dem, was in 30 Jahren geschafft und verbockt worden ist, in Sozial- und Strukturpolitik, im Kampf gegen Rechtsextremismus. Wer eine Ahnung von Versäumnissen bekommen will, braucht nur mit dem Verein der in der DDR geschiedenen Frauen zu sprechen, Ingenieurinnen oder Chemikerinnen, die seit Jahrzehnten für eine Korrektur ihrer Hungerrenten streiten. Man musste im Münchner Oberlandesgericht nur dem Schweigen Beate Zschäpes lauschen. Man kann Strategiepapiere der Ost-SPD lesen, darin der Satz: "Als Experimentierraum für autonomes Fahren bringt Ostdeutschland gute Voraussetzungen mit." Eine Zeile wie aus einem Song des Kabarettisten Rainald Grebe. Noch immer wird im Osten länger gearbeitet, weniger gezahlt, früher gestorben. Noch immer sind ostdeutsche Biografien in gesamtdeutschen Institutionen beschämend unterrepräsentiert. Noch immer loben westdeutsche Politiker die sanierten Innenstädte und fragen nicht, wem die Wohnungen gehören.

Darüber hat man im Osten lange Selbstgespräche geführt, in Initiativen und Bürgersprechstunden, bei einer Wahlkampfwurst mit dem Ministerpräsidenten. Die Vergangenheitsdebatten haben die Sprachlosigkeit aufgebrochen, auch bundesweit ehrliches Interesse geweckt. Das genügt nicht mehr. Vor allem in den urbanen Zentren des Ostens, in Rostock, Leipzig, Jena, hat sich ein junges, progressives Milieu formiert. Sie twittern, sitzen in Talkshows, stellen Neonazis Ideen und notfalls sich selbst entgegen. Mehr noch als Gehör muss sich diese Generation der Wende- und Nachwendekinder künftig politischen Einfluss erkämpfen.

Vielleicht ist jetzt die Zeit, über das Leistungsprinzip zu sprechen, über die Folgen von Wachstum um jeden Preis. Viele Menschen im Osten haben die Marktwirtschaft nicht nur als Wohlstandsmotor kennengelernt, sondern auch als harten Wettbewerb. Es gibt eine Skepsis gegenüber neoliberalen Heilsversprechen und einen Wunsch nach alternativen Lebensentwürfen. Drängende Debatten, um die Klimakrise etwa, oder strukturellen Rassismus, können von dieser Perspektive profitieren. Auch in Zukunft wird gestritten werden müssen, gesamtdeutsch und auf Augenhöhe. Leistung, die Physikerin Merkel wird es wissen, ist der Quotient aus Arbeit und Zeit. Die Frage ist, wie viele Jubiläen noch vergehen sollen, bis Osten und Westen zuallererst Himmelsrichtungen sind.

© SZ vom 02.10.2020/bix
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